"Die Schnelligkeit ist nicht das Problem"

Interview |
  • "Glück ist eine Frage der Anpassung und nicht der Entschleunigung", sagt der Soziologe Armin Nassehi.
    foto: hans-günther kaufmann

    "Glück ist eine Frage der Anpassung und nicht der Entschleunigung", sagt der Soziologe Armin Nassehi.

Zeitdruck beruht auf einem Koordinationsproblem und Burnout ist eine Synchronisations-Krankheit, sagt der deutsche Zeitsoziologe Armin Nassehi

Wie sich die Zeit verändert hat, wieso der Mensch in Zeitregimen festklemmt und warum Burnout ein Synchronisationsproblem ist, erklärt der Zeitsoziologe Armin Nassehi im Gespräch mit derStandard.at.

derStandard.at: Sie haben in Ihrer Mailbox eine sehr originelle Abwesenheitsnotiz: "In dringenden Fällen bewahren Sie bitte Haltung" und "Please keep cool until I'll be back again".

Nassehi: Ja, das habe ich mir überlegt, damit die Leute sich selbst entschleunigen. Langsamer zu leben muss man sich aber auch leisten können. Eine Familie mit zwei berufstätigen Eltern muss gut organisiert sein, das sind heute andere Anforderungen als früher. Da ist es natürlich schwierig, langsamer zu leben. Das Einzige, was man verhindern kann, ist, zu viel in die Zeiten hineinzupacken. 

derStandard.at: Haben wir heute weniger Zeit als früher?

Nassehi: Dass wir weniger Zeit haben, ist nur unsere subjektive Wahrnehmung. Nicht die Zeit ist das Problem, sondern dass wir zu viel auf einmal machen wollen. Wir haben weniger Zeit, weil wir unterschiedliche Dinge miteinander koordinieren müssen, der Tag aber weiterhin 24 Stunden hat.

Würde man allerdings den Tag verlängern, hätten wir deswegen nicht mehr Zeit. Wir würden dann nämlich nicht langsamer werden, sondern wir hätten dann die Chance, noch mehr zu tun. Weil wir mehr in der gleichen Zeit koordinieren, erleben wir das als Geschwindigkeitsdruck. Wir haben ja am Anfang der Industrialisierung Beschleunigungskurse gemacht: Wie bekommt man Leute dazu, schneller zu arbeiten? Umgekehrt müsste man sich jetzt die Frage stellen: Wie bekommt man Menschen dazu, sich zu entschleunigen?

derStandard.at: Wenn also jemand sagt, er hat keine Zeit ... 

Nassehi: ... dann ist das ein Hinweis auf ein Koordinationsproblem. Es sind zu viele Dinge, die gleichzeitig gemacht werden müssen. Das spiegelt das moderne Leben wider: die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten, so sind wir heutzutage organisiert. Nehmen wir doch die Arbeitswelt: In der Arbeit galt es früher, einen Stapel Aufgaben abzuarbeiten, und der Stapel wurde kleiner.

Heute besteht Arbeit nicht im Abarbeiten, sondern in der Koordination von unterschiedlichen Aufgaben. Meetings finden ständig statt, die Ziele verändern sich. Es ist nicht mehr so, dass man vorher schon weiß, was man am Ende arbeitet, sondern das ist dynamisch und ändert sich - und so entsteht dann auch der Zeitdruck.

derStandard.at: Sind wir also Gefangene der veränderten Zeit? 

Nassehi: Das ist wohl zu negativ ausgedrückt. Kulturkritisch wird oft gesagt: Die Welt soll langsamer werden. Langsamkeit ist aber in der modernen Welt nicht mehr möglich. Wir müssen stattdessen schauen, dass die Synchronisation besser funktioniert, dass wir uns besser einteilen, wann was zu erledigen ist. Burnout ist meiner Meinung nach eine Synchronisationskrankheit: Menschen erkranken daran, weil sie die unterschiedlichen Aufgaben nicht mehr synchronisieren können.

derStandard.at: Inwiefern müsste sich das Berufsleben verändern, damit die Koordination besser funktioniert?

Nassehi: Wir haben ein altes, männlich-heroisches Bild: Wer lange in der Firma ist, hat viel geleistet. Man denkt, Anwesenheit ist Arbeit, das ist es aber nicht unbedingt. Wir messen nicht Arbeit und Leistung, sondern Arbeit und Zeit. Vielleicht würden viele besser arbeiten, wenn man ihnen selbst überlässt, wann sie arbeiten. Da kann man dann mehr Ruhe hineinbringen, wenn man selber organisiert ist.

Ich bin sicher, dass man an den Konventionen etwas drehen kann und die Menschen dadurch kreativer werden. Wir sind durch feststehende Zeitregime eingeschränkt. Wenn es die Umstände zulassen, dann muss doch der Arbeitstag nicht zwangsläufig von 8 bis 16 Uhr gehen, eine Woche kann auch mal 60, 70 Stunden haben, dafür dann die nächste 10, 20. Es gibt Unternehmen, die machen das. Da darf der Arbeitnehmer seine Zeit selbst einteilen, solange die Aufgaben erledigt werden.

derStandard.at: Was ist Freizeit?

Nassehi: Soziologisch gesehen ist es ein umstrittener Begriff, weil die Freizeit nicht ganz frei ist. Wir unterscheiden Obligationszeiten und freie Zeiten; Obligationen sind Pflichten, die neben der Arbeit erfüllt werden müssen. Unausgefüllte Zeit in der Freizeit gibt es nicht, die muss man irgendwie herstellen. Wir füllen unsere Zeit meist mit Kultur, Sport oder auch Fernsehschauen.

Mit wirklich unausgefüllter Freizeit umzugehen ist schwierig. Die Scheidungsraten steigen sehr gerne nach Weihnachten und nach dem gemeinsamen Urlaub, weil die Leute Zeit haben - und da muss man dann miteinander reden. Es ist eine Kompetenz, die man haben muss, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das muss man können und wollen.

derStandard.at: Wie ist die beschleunigte Zeit in Kombination mit Glück zu betrachten?

Nassehi: Die meisten Glücksforscher gehen davon aus, dass Glück dort entsteht, wo die Geschwindigkeiten der Arbeitswelt und die persönliche Geschwindigkeit des Menschen zusammenpassen. Glück ist eine Frage der Anpassung und nicht der Entschleunigung. Wir Menschen sind unglaublich leistungsfähig: Wir können zwar viel gleichzeitig, aber nicht zu viel. Die Schnelligkeit ist also nicht das Problem, sondern ob man selbst überlastet ist oder nicht. (Sophie Niedenzu, derStandard.at, 15.11.2012)

Armin Nassehi ist Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und unter anderem Autor des Buches "Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit".

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