Wählen ist Kopfsache

30. Oktober 2012, 20:43
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US-Psychologen haben herausgefunden, dass bestimmte Hirnstrukturen das Wahlverhalten beeinflussen

Kurz vor der amerikanische Präsidentschaftswahl wetzen die Anhänger von Amtsinhaber Barack Obama und seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney noch einmal die rhetorischen Klingen. Experten evozieren immer wieder einen "cleavage", einen ideologischen Graben, der beide Lager trennt.

Worauf gründet diese ideologische Spaltung? Politikwissenschafter führen das Wahlverhalten auf Faktoren wie Sozialisation, Bildung, Religion und Einkommen zurück. Amerikanische Psychologen bringen nun eine biologische Ursache ins Spiel: Sie behaupten, dass die Gehirnstrukturen eines Linken und Rechten differieren. Was man wählt, ist also gewissermaßen Vorprägung - und nicht Folge der soziokulturellen Entwicklung.

Die Forschungsgruppe der University of Nebraska in Lincoln fand heraus, dass in den USA Konservative eher auf negative Stimuli anspringen als Liberale, wohingegen Letztere eher auf positive Reize reagieren. Die Wissenschafter führten bereits 2008 eine ähnlich gelagerte Studie durch, in der nachgewiesen wurde, dass Links- und Rechtswähler unterschiedlich ausgeprägte Hirnregionen aufweisen.

Demnach hätten Konservative einen kleineren präfrontalen Kortex - die Hirnregion, in der Entscheidungen getroffen werden -, während die Amygdala, das Zentrum für Angst und Emotionen, größer sei als bei Liberalen. Daraus schlossen die Forscher, dass Konservative empfänglicher für Stimmungen und weniger entscheidungsfreudig als progressiv gestimmte Liberale sind.

Biologie und Wahlverhalten

Die aktuelle Studie baut auf den bisherigen Befunden auf. Die Probanden bestanden erneut aus zwei Kohorten: Die eine setzte sich aus Liberalen zusammen, was in den USA dem kontinentaleuropäischen Begriff der Linken entspricht. Die andere Gruppe rekrutierte sich aus dem konservativen Wählermilieu. Die Versuchsteilnehmer wurden mit verschiedenen Fotos konfrontiert. Während die Bilderreihe vor ihren Augen ablief, wurden die Elektronenströme im Gehirn, die Hauttemperatur sowie die Augenbewegungen gemessen. Resultat: Rechte Wähler reagierten schreckhaft, während sich linke Wähler weniger aus der Fassung bringen ließen. "Die Untersuchung belegt, dass sich biologische Faktoren im politischen Temperament niederschlagen", resümiert Studienleiter Mike Dodd.

Aus dem Ergebnis leiten die Psychologen ein grundsätzliches Verhaltensmuster im öffentlichen Diskurs ab. "Wenn zwei Protagonisten in eine politische Auseinandersetzung treten, gibt es eine Tendenz, erregt oder frustriert zu werden aufgrund der Tatsache, dass der Widerpart das logisch vorgetragene Argument nicht teilt", sagt Dodd. Was nicht heißt, dass Konservative per se erratischer sind oder unnachgiebiger als Liberale. Die Rezeption beider Gruppen variiert jedoch erheblich. " Liberale und Konservative reagieren auf dieselben Stimuli unterschiedlich, sowohl physiologisch als auch psychologisch."

Dodd relativiert sogleich die Ergebnisse. "Wir glauben nicht, dass es einen biologischen Determinismus gibt. Andere Faktoren wie Erfahrungen, Umwelt und Kultur tragen zum Wahlverhalten bei." Es sei aber wichtig zu sehen, wie das Gehirn mit den anderen Variablen interagiert. Die Beschaffenheit der Hirnzentren hat maßgeblichen Einfluss darauf, wie sich Präferenzen herausbilden. Salopp ausgedrückt, ist unser Gehirn wie eine Gussform, in der sich politischen Ansichten formieren.

Gleichwohl: Die dichotome Klassifizierung zwischen links und rechts bleibt grobkörnig. Offen ist, wie sich Wähler der Mitte verhalten. Die " independents" sind in den USA keine unerhebliche Größe. Darum wird dieses Milieu auch von beiden Kandidaten umworben. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 31.10.2012)

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