"Obama wurde eingemeindet als einer von uns"

30. Oktober 2012, 20:28
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Die Luft ist raus aus der "Obamania", die den letzten US-Wahlkampf beherrschte, sagt die Historikerin Margit Reiter

Mit ihr sprach Karin Krichmayr über das Amerika-Bild der Österreicher, Cowboy-Typen, Prediger und die Schadenfreude nach 9/11.

STANDARD: Sie haben sich in einer Studie mit dem Amerika-Bild der Österreicher und Deutschen seit 9/11 beschäftigt. Wie wird Ihrer Ansicht nach der derzeitige Wahlkampf aufgenommen?

Reiter: Es fällt auf, wie gering das Interesse ist im Vergleich zu den Wahlkämpfen 2004 und 2008. Die Debatte wird weit nicht so emotional und euphorisch geführt wie in der Vergangenheit.

STANDARD: Woran liegt das?

Reiter: Mein Eindruck ist, dass die USA generell etwas aus dem Blickfeld geraten sind. Das hat damit zu tun, dass Europa durch die Wirtschaftskrise mit eigenen Problemen beschäftigt ist und die USA zunehmend ihre Rolle als dominante Weltmacht einbüßt. Es hat aber auch mit den Kandidaten zu tun. Die Meinung herrscht vor, dass sich nicht so viel ändern wird, egal ob Obama oder Romney das Rennen macht.

STANDARD: Die Luft ist draußen aus der "Obamania"?

Reiter: Barack Obama hat immens an Glanz verloren. Die Sympathien in der österreichischen Öffentlichkeit liegen nach wie vor bei ihm, es sind aber viel häufiger skeptische Stimmen zu hören. Auch ihm Wohlgesonnene werfen ihm vor, zu wenig umgesetzt zu haben, zu konsensorientiert zu sein.

STANDARD: Wie steht es um Mitt Romney?

Reiter: Er ist eine schwer fassbare Gegenfigur, die zwischen relativ liberal und Hardliner schwankt. Er wird als abgehoben gesehen, aber eignet sich nicht so als Feindbild, wie es etwa bei George W. Bush der Fall war. Romney ist nicht der klassische Cowboy-Typ.

STANDARD: George Bush prägte also das Amerika-Bild der Österreicher?

Reiter: Mit Beginn des Irakkrieges unter Bush erreichte der Antiamerikanismus einen Höhepunkt. Bush als Person spielte insofern eine große Rolle, weil er ein dankbares Feindbild war. Mit seinem Habitus, seiner Rhetorik, seiner texanischen Herkunft bestätigte er kongenial das Klischeebild des Amerikaners als Cowboy und Rambo - ein bisschen dumm, ein bisschen tölpelhaft.

STANDARD: Wie entwickelte sich der Antiamerikanismus nach 9/11?

Reiter: Nach dem Schock der Anschläge ist die Solidarität sehr schnell gekippt in Richtung Schadenfreude, die Schuld wurde rasch bei den Amerikanern selbst gesucht. Die Anschläge wurden als Aufstand gegen Kapitalismus und Globalisierung gedeutet, als Ausdruck der Kluft zwischen Arm und Reich und Folge des Isreal-Palästina-Konflikts. Es entstand ein flächendeckend negatives Amerikabild, das von Rechten genauso wie von Linksliberalen vertreten wurde.

STANDARD: Wie unterscheiden Sie Kritik von Antiamerikanismus?

Reiter: Man muss sich genau ansehen, wie Kritik geäußert wird, wer die Akteure sind und welche Intentionen sie haben. Wird konkret die Regierung kritisiert, ist das legitim. Bei pauschalisierenden Zuschreibungen, die nichts mehr mit dem Ereignis zu tun haben, also etwa, dass die USA grundsätzlich kulturlos und militärisch aggressiv seien, kann man von Antiamerikanismus sprechen. Die USA-Schelte nach 9/11 ging vielfach über eine sachliche Kritik an der US-Politik und am Irakkrieg hinaus.

STANDARD: Wie hat Obama das Amerika-Bild verändert?

Reiter: Obama steht für ein positives Amerika, das während der Bush-Ära nicht sichtbar war. Er wird nicht als typischer Amerikaner wahrgenommen, sondern wurde in Europa eingemeindet "als einer von uns" - was absurd ist. Nach der ersten Euphorie kam auch Kritik auf, an seinem Auftreten als salbungsvoller Prediger, am oberflächlichen Showcharakter - Zuschreibungen, die stark mit den USA verknüpft sind.

STANDARD: Was bleibt übrig vom Feindbild USA?

Reiter: Obama hat gezeigt, dass es nicht egal ist, wer die USA repräsentiert. Ein Fundament von Antiamerikanismus, das historisch gewachsen ist, bleibt aber latent vorhanden und ist in bestimmten Situationen, wenn die US-Politik umstritten ist, wieder abrufbar. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 31.10.2012)


Margit Reiter, geb. 1963, lehrt und forscht am Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien. Sie beschäftigt sich u. a. mit Antisemitismus, NS-Täterforschung und Vergangenheitspolitik. Zuletzt erschien ihr mit Helga Embacher herausgegebenes Buch Europa und der 11. September 2001 (Böhlau Verlag), das aus einem von ihr geleiteten FWF-Projekt hervorging.

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Amerika-Perzeptionen seit dem 11. September 2001

  • Das Superhelden-Image von Barack Obama ist abgeblättert: Er "hat immens an Glanz 
verloren", auch was die Wahrnehmung hierzulande anbelangt, wie Margit Reiter (unten) 
analysiert.
    foto: a. zlatarits

    Das Superhelden-Image von Barack Obama ist abgeblättert: Er "hat immens an Glanz verloren", auch was die Wahrnehmung hierzulande anbelangt, wie Margit Reiter (unten) analysiert.

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    foto: privat
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