Zwei Maßschneider der Medizin

30. Oktober 2012, 20:18
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Wie behandelt man schwere Krankheiten, die nicht auf Standardbehandlungen ansprechen? Zwei Forscher aus Wien sind der Lösung auf der Spur

"Was wir Brustkrebs nennen, ist in Wirklichkeit eine große Sammlung verschiedener Krankheiten. Jeder Krebspatient ist einzigartig, auch wenn die Diagnose die gleiche sein mag", sagt Sebastian Nijman. Der niederländische Krebsforscher vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) in Wien bekam soeben einen "ERC Starting Grant" vom Europäischen Forschungsrat zugesprochen. 1,5 Millionen Euro kann er nun in seine Forschungsarbeit zum Thema Brustkrebs investieren, um dringende Fragen zu klären. Etwa: Warum wirken Krebsmedikamente nur bei manchen Patienten? Und: Warum werden Tumore mitunter sehr rasch resistent gegenüber Wirkstoffen? "Die magische Waffe, die den Krebs auf einen Schlag besiegt, gibt es nicht. Das ist eine Illusion."

Der Grund dafür ist in der Entstehung von Tumorgeweben zu suchen. Jene Mutationen, die das Gewebe verändern und bösartige Wucherungen erzeugen, sind niemals exakt die gleichen. Woraus folgt, "dass man nicht alle Krebskranken mit ein- und demselben Medikament behandeln kann. Nur wissen wir zumeist nicht, wie wir die Patienten auseinanderhalten sollen" , sagt Nijman. Gleichwohl ist die Situation keineswegs hoffnungslos. Der geborene Niederländer hat sich eine Lösungsstrategie zurechtgelegt. " Synthetische Krebsbiologie" wird sie im Fachjargon genannt, man könnte auch sagen: Krebs in der Petrischale. Das Prinzip: Man lege gesunde Körperzellen in eine Nährlösung, führe gezielt Mutationen in deren Erbgut ein, sodass diese zu Tumorzellen degenerieren. "Mit diesem Ansatz können wir eine ähnliche Vielfalt von Tumoren herstellen, wie wir sie auch im Krankenhaus beobachten - mit dem Unterschied, dass wir nun genau wissen, welche Erbänderungen dafür verantwortlich sind. Und dann können wir testen, wie die veränderten Gene mit Medikamenten interagieren."

Schrumpfende Tumore

Auf diese Weise will Nijman systematisch durchs weite Feld möglicher Mutationen und ihrer zahlreichen Wirkungen pflügen, um Patienten langfristig die maßgeschneiderte Theapie angedeihen zu lassen. Wie lange wird es dauern, bis seine Erkenntnisse in der klinischen Praxis ankommen? "Nicht sehr lange, denn wir testen zu einem großen Teil Substanzen, die entweder bereits zugelassen sind - oder zumindest klinisch erprobt werden. Ich würde sagen: zehn Jahre. Vielleicht auch fünf." Seinen PhD hat Nijman am niederländischen Krebsforschungsinstitut gemacht. Und bereits da habe er gelernt, dass die Dinge manchmal sehr schnell gehen können. "Damals analysierte ich eine Mutation, die eine seltene Form von Hautkrebs auslöst. Ich fand heraus, dass Aspirin die Tumore zum Schrumpfen brachte." Es müssen also nicht notwendigerweise Krebsmedikamente sein, die den Weg zum Ziel weisen. Es könnten durchaus auch solche sein, die ursprünglich gegen Herzkreislauferkrankungen oder Atherosklerose entwickelt wurden. "Wir sind da ziemlich opportunistisch" , sagt Nijman.

Die letzten Jahre habe sich in der Krebsbiologie ein Paradigmenwechsel angebahnt, erzählt Nijman im Gespräch mit dem Standard. Früher habe man geglaubt, Tumorzellen seien besonders stark, weil sie viele medikamentöse Attacken überleben. "Diese Ansicht ist vermutlich falsch. Krebszellen wachsen zwar schnell - aber sie sind wegen der Mutationen in ihrem Erbgut eigentlich krank. Wir wollen ihre Verwundbarkeit bloßlegen." Die "Archillesferse" der Tumore existiert streng genommen nur im Plural: Nachdem die Behandlung mit einer Substanz zumeist zu Resistenzen führt, wird die Behandlung der Zukunft wohl zu einer wohl ausbalancierten Kombinationstherapie führen. Im Prinzip so ähnlich, wie es bereits bei HIV-Infektionen gehandhabt wird. Man halte den Auslöser durch mehrere Wirkstoffe in Schach - und mache aus einer tödlichen Krankheit eine chronische.

Immundefekte bei Kindern

Im selben Gebäude in Wien-Alsergrund hat noch ein zweiter Forscher einen mit 1,5 Millionen Euro dotierten ERC-Grant an Land gezogen. Kaan Boztug hat einen geteilten Arbeitstag: Er ist Arzt in der Kinderklinik im angrenzenden AKH. Während der restlichen Zeit betreibt er am CeMM Grundlagenforschung im Bereich angeborener Immundefekte. Die Kinder, mit denen er am Krankenhaus zu tun hat, leiden an einem geschwächten Immunsystem. "Die Mutationen in ihrem Erbgut machen die Kinder schwer krank. Sie leiden häufig an Infektionen - und sie können auch daran sterben. Manche wären außerhalb des Krankenhauses nicht überlebensfähig."

Auch Boztugs Ziel ist eine personalisierte Therapie, sein Ansatz ist noch näher an die klinische Praxis angebunden. Startpunkt des deutschen Mediziners sind Blutproben seiner jungen Patienten, die er zunächst mithilfe moderner Technologien nach Mutationen durchforstet. Nachdem man dank des Humangenomprojekts (und Folgeprojekten) weiß, welche Sequenz gesunde Gene haben, sind diese im Erbgut relativ schnell gefunden. Die schwierige Frage ist: Welche Mutationen sind für welches Krankheitsbild verantwortlich? Um das beantworten zu können, ist Bioinformatik notwendig - und nicht zuletzt umfangreiches medizinisches Wissen. "Sonst sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht."

Die Beweise für die Verbindung Mutation-Krankheit entwickelt Boztug dann im Labor. Der finale Akt des aufwändigen Prozederes: Er schleust die gesunden Genvarianten mithilfe von Viren ins Erbgut geschädigter Immunzellen. Verhalten sich diese danach wieder normal, ist der Weg frei, um maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln. Hier wird der Forscher Boztug wieder zum Arzt. Im Rahmen eines Forschungsprojekts in Hannover entwickelte er im Team etwa die passende Behandlung einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung. Eine Knochenmarkstransplantation half dem kranken Kind.

Dass er im Jänner letzten Jahres von Hannover nach Wien kam, sei eine richtige Entscheidung gewesen, sagt Boztug. "Die Kombination aus klinischer Arbeit im Krankenhaus und Laborforschung am CeMM - das ist die Medizin der Zukunft." (Robert Czepel, DER STANDARD, 31.10.2012)

  • Der Kinderarzt Kaan Boztug (unten links) und der Krebsforscher Sebastian Nijman (unten rechts), 
beide am Forschungszentrum für Molekulare Medizin CeMM der Österreichischen 
Akademie der Wissenschaft, haben Starting Grants des Europäischen Forschungsrats 
ERC gewonnen. Für eine Studie in der Forschungsgruppe Nijman wurden bereits 
künstliche Brustkrebszellen (oben) erzeugt.
    foto: cemm

    Der Kinderarzt Kaan Boztug (unten links) und der Krebsforscher Sebastian Nijman (unten rechts), beide am Forschungszentrum für Molekulare Medizin CeMM der Österreichischen Akademie der Wissenschaft, haben Starting Grants des Europäischen Forschungsrats ERC gewonnen. Für eine Studie in der Forschungsgruppe Nijman wurden bereits künstliche Brustkrebszellen (oben) erzeugt.

  • Artikelbild
    foto: sazel
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