"Zuerst kommt der Urknall, dann die Moral"

30. Oktober 2012, 19:52
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Am Semmering wurde über Sprache im Alltag der Wissenschafter diskutiert

Dabei ging es nicht nur um die Annäherung zwischen unterschiedlichen Fächern, sondern auch um das Verständnis der Wissenschaft als Kulturleistung. Es erscheint immer noch ausbaufähig.

So viel ist sicher: Wer mit Außerirdischen kommunizieren will, braucht Mathematik. Ein Beispiel dafür ist jene 1679 Bit umfassende Nachricht aus binär codierten Informationen, die 1974 vom Arecibo-Observatorium ausgeschickt wurde, um Außerirdischen, die man im Kugelsternhaufen M13 vermutete, Details über uns Menschen und unsere DNA mitzuteilen. Die Wissenschafter warten natürlich bis heute auf Antwort. Wer die Nachricht entschlüsseln will, muss mathematisch hochbegabt sein: Für die meisten Menschen wäre die Aufgabe kaum lösbar. Vielleicht war sie auch den Außerirdischen zu mühsam. Außerdem würde die Antwort recht lange unterwegs sein: Der Sternenhaufen ist etwa 25.000 Lichtjahre von der Erde entfernt.

Der Spieltheoretiker Karl Sigmund erzählte beim Österreichischen Wissenschaftstag am Semmering (25. bis 27. Oktober) nicht nur von diesem kuriosen Beispiel für die Anwendungsmöglichkeiten der Mathematik. Er meinte: Im Prinzip könne man versuchen, alles in Formeln zu fassen, weshalb die Mathematik ja seit Jahrhunderten als Sprache der Naturwissenschaften anerkannt ist. Schon Galileo Galilei habe gesagt: " Mathematik ist die Sprache, mit der Gott die Natur geschrieben hat."

Die Hilfswissenschaft

Physiker greifen seit langem auf Formeln zurück, Biologen erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit, seit sich mit Computersimulationen Vorgänge in der Zelle darstellen lassen. Dass der österreichische Mathematiker Johann Radon den Transformator der Computertomografie entwickelt hat, wird in einer derartigen Auflistung stets erwähnt. Auch in anderen Bereichen kommt die Medizin nicht ohne Berechnungen aus. Man denke nur an einen Laborbefund mit Grenzwertangaben.

Sigmund selbst beschäftigt sich in jüngster Zeit vor allem mit den Zugängen der Mathematik zu moralphilosophischen Fragen. "Die Spieltheorie hat schon in den späten 1950er-Jahren darüber nachgedacht, wie man Fairness definieren kann. Man fragte nach den Möglichkeiten, zu einem Sozialkontrakt mit gerechter Verteilung zu kommen." Die Annäherung hat Sinn, wie Sigmund betonte: "Die Spieltheorie ist die Mathematik der Interessenkonflikte. Hätten wir keine Interessenkonflikte, dann bräuchten wir keine Moral und kein Recht, und erst recht keine Moralphilosophie."

Kombinationen von Fächern, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Das war auch das Thema des deutschen Astrophysikers Harald Lesch beim Wissenschaftstag, an dem der STANDARD auf Einladung der Österreichischen Forschungsgesellschaft teilnahm. "Er hat natürlich leicht reden", murrte ein Zuhörer. Lesch ist nämlich auch Philosoph. Weshalb es ihm offenbar leichtfiel, gemeinsam mit einem Theologen eine interdisziplinäre Vorlesung über den Menschen und das Universum zu gestalten. "Dieser Zugang ist die Voraussetzung für ein Gesamtbild der Menschheit: Zuerst kommt der Urknall, dann die Moral."

Die Grenzen des Fachs

Natürlich ist ihm klar, "dass es für viele Wissenschafter nicht leicht ist, über die Grenzen des eigenen Fachs zu schauen." Und offen für eine mögliche Inspiration durch andere Fächer zu sein. Vielleicht fehlt es ja an den idealen Plattformen für derlei Begegnungen. Ein Erlebnisbericht von einer interdisziplinären Tagung verläuft ungefähr so: Als die Physiker sprachen, verließen die Biologen den Raum, als die Philosophen am Podium waren, machten die Linguisten eine Pause.

Lesch sprach aber auch über notwendige Kooperationen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Der Physiker ist vor allem durch die Moderation der ZDF-Fernsehserie Abenteuer Forschung bekannt. Das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung von Wissenschaft sei ausbaufähig. "Immerhin ist die Wissenschaft im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung angekommen", sagte er. Ihre kulturelle Bedeutung werde aber immer noch unterschätzt. Lesch: "Man sollte nicht nur Marc Chagall kennen, sondern auch vom zweiten thermodynamischen Gesetz eine Ahnung haben."

Vielleicht ein wenig viel verlangt, ein tiefer gehendes Verständnis für die Bedeutung der Naturwissenschaften würde schon genügen. "Die Naturwissenschaften sind die kulturelle Leistung des vergangenen Jahrhunderts: Ohne Physik lässt sich der Klimawandel nicht berechnen", dozierte Lesch. Ohne geophysikalische Voruntersuchungen des Bodens werden sich auch Archäologen recht schwer tun.

Ein prominenter Wissenschaftsvermittler wie Lesch kommt natürlich nicht ohne launige Sprüche zur Erheiterung des Publikums aus. Er schaffte damit aber auch einen ironischen Zugang zur Physik und zu ihrer Rezeption in der Öffentlichkeit. Ein Beispiel: "Wenn sich das Universum ausdehnt, wie es immer heißt, warum finde ich dann immer seltener einen Parkplatz?"

Und auch Lesch erwähnte Mathematik im Zusammenhang mit Science-Fiction, indem er Douglas Adams zitierte. Dieser schrieb in Per Anhalter durch die Galaxis, die Zahl 42 sei die Antwort auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Den Grund erklärte er später: "Das ist einfach eine nette Zahl." (Peter Illetschko, DER STANDARD, 31.10.2012)

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