Tägliche Turnstunde: Die Sportfreunde machen Dampf

Die Bundes-Sportorganisation forciert ihre Forderung nach der täglichen Turnstunde an Schulen und bemängelt den geringen Stellenwert des Sports in der Gesellschaft. Die Signale aus dem Gesundheits- und Bildungsministerium sind ernüchternd

Wien - Die Diskussion war fast am Ende angelangt, da rutschte Peter Wittmann diese Bemerkung aus: "Ich weiß, wovon ich rede. Aber ich muss auch mit meiner eigenen Partei fertig werden."

Wittmann, seit 2000 Abgeordneter der SPÖ im Nationalrat, hatte am Dienstag in seiner Funktion als Präsident der Bundes-Sportorganisation (BSO) zu einer Diskussionsrunde in ein Wiener Ringhotel geladen. Es galt, der BSO-Forderung für die tägliche Turnstunde an Kindergärten und Schulen Nachdruck zu verleihen. Auf dem Podium herrschte bei den anwesenden Sportfunktionären, Ex-Sportlern, Medizinern und Lehrern absolute Zustimmung zur Initiative.

Diese Einigkeit vermisst Wittmann bei den politischen Verhandlungspartnern: Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) will sich in die Diskussion nicht einmischen. Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) hält täglichen Sport in der Regelschule für nicht umsetzbar. Das sei nur in Ganztagsschulen möglich. Dabei haben kürzlich alle 183 Nationalratsabgeordnete öffentlichkeitswirksam die Unterschriftenaktion der BSO unterstützt.

Praktisch fällt die Unterstützung im Nationalrat weit geringer aus. "In jeder Partei gibt es doch höchstens fünf bis acht Abgeordnete, die sich für Sport interessieren", sagt Wittmann. "Der Stellenwert des Sports ist viel zu gering."Mit der überparteilichen Kampagne für täglichen Schulsport sei es gelungen, mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Wittmann: "Aber wir müssen noch mehr öffentlichen Druck aufbauen."

Die Phalanx an Fürsprechern wächst und wächst, neben Mitorganisator Peter Kleinmann (Volleyball) sind auch die Verbandspräsidenten Leo Windtner (Fußball) und Peter Schröcksnadel (Ski) mit im Boot. Für die drastischsten Worte am Podium sorgte Ex-Tennisprofi Alexander Antonitsch: "Wir produzieren eine kaputte Generation. Erst 70.000 Menschen haben für die tägliche Turnstunde unterschrieben? Das ist peinlich."

Sportmediziner Peter Schober nimmt neben der Schule auch die Eltern in die Pflicht. Mangelndes Interesse an Sport oder ein dürftiges Angebot an Bewegung für Kinder würden vermehrt zu "Lifestyle-Erkrankungen" wie Bluthochdruck, Übergewicht, psychischen Krankheiten und Erwachsenen-Diabetes führen. "Die Politik war in diesem Punkt nicht erfolgreich. Die Kosten für die Gesundheit werden enorm steigen."

Dass täglicher Sport in der Schule möglich ist, beweisen Pilotprojekte von engagierten Lehrern. Werner Schwarz, Direktor eines Gymnasiums in Wiener Neustadt, hat etwa in Eigeninitative das Bewegungsprogramm " Vital4Brain" umgesetzt, das die Konzentrationsfähigkeit in der Schule fördern soll. "Das Gehirn reagiert wie Muskeln. Wer sich nicht bewegt, bleibt sitzen. Im doppelten Sinn."

Wittmann sieht seine Politikerkollegen gefordert. Reformen im Schul- und Gesundheitswesen stehen an, mit Schulsport könnte man "mit geringem finanziellen Einsatz eine riesige Wirkung erzielen". (David Krutzler, DER STANDARD, 31.10/1.11.2012)

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