Warnung vor "sorgfältig versteckten" ÖVAG-Risiken

30. Oktober 2012, 18:37
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Der Finanzminister sei auf seltsame Finanzierungen aufmerksam gemacht worden

Aus Unterlagen zur Causa ÖVAG erschließt sich, dass auch der Vorstand und Aufsichtsratschef lang vor der Fast-Pleite der Bank über das Risikopotenzial informiert gewesen sein soll. Der Finanzminister sei auf seltsame Finanzierungen aufmerksam gemacht worden.

Wien - Die Warnungen über massive Probleme der ÖVAG, die Ex-Finanzminister Josef Pröll und sein Staatssekretär Reinhold Lopatka (ÖVP) schon 2009 und 2010 von einem Banker bekamen, beschäftigen nun, fast vier Jahre später, die Politik. Aus der Kanzlerpartei SPÖ ist zu hören, dass man den Dingen auf den Grund gehen wolle, man fühle sich vor der ÖVP falsch bzw. nicht informiert. Bekanntermaßen musste die ÖVAG heuer teilverstaatlicht werden.

In dem Brief an Pröll von September 2009 werden auch Personalia thematisiert. Etwa das Faktum, dass die ÖVAG-Aktionäre (die Volksbanken) im Mai 2009 Vorstandschef Franz Pinkl und seinem Vize Wilfried Stadler die Entlastung verweigerten. Grund: das Desaster der ÖVAG-Tochter Kommunalkredit. Selbiges hielt die Aktionäre aber nicht davon ab, den langjährigen ÖVAG-Aufsichtsratsvize, Gerald Wenzel, zum Bankchef und den langjährigen ÖVAG-Kontrollor Hans Hofinger zum neuen Aufsichtsratspräsidenten zu küren. Allein in der die Ära Pinkl seien zuvor rund 150 Mio. Euro an Berater geflossen.

Die Aufsichtsbehörde FMA stand der Bestellung von Wenzel und Vorstandsdirektor Martin Fuchsbauer (Treasury, Liquiditätsmanagement) damals übrigens skeptisch gegenüber - die Aktionäre, vertreten durch Genossenschaftsverband-Chef Hofinger, setzten sich allerdings durch.

Der Bankinsider machte die Politik auch auf den Verkauf der fünf ÖVAG-Retailbanken innerhalb des Sektors aufmerksam. Aus dem Erlös sollte ja die erste Tranche (300 Mio. Euro) des staatlichen PS-Kapitals bezahlt werden (was nie geschah). Aus dem Schreiben an Pröll: "Es ist zu hinterfragen, mit welchem Geld die Volksbanken die Retailbanken gekauft haben. Die Antwort ...: mit Krediten derselben ÖVAG."

Rettung nötig

Schwere Vorwürfe erhob der Mann auch bezüglich der Informationspolitik der Volksbanker, als die ÖVAG 2008 eine Milliarde Euro PS-Kapital vom Staat bekam. Wie schon in seinem Gespräch mit Staatssekretär Lopatka Anfang 2009 (der Standard hat berichtet) schrieb der ÖVAG-Mitarbeiter davon, dass "die Dokumentation der ÖVAG ... mit der Realität fast nichts zu tun hatte". Mit seiner Schlussfolgerung hatte der Mann freilich nicht recht: "Bleiben nur die Volksbanken, DZ Bank, Ergo und RZB als Retter der Bank."

Aus weiteren Informationen, die auch der Justiz vorliegen, geht hervor, dass es bankintern schon sehr früh Warnhinweise gab. Im Herbst 2007 sei Pinkl über ein Verlustpotenzial im Bankbuch in dreistelliger Millionenhöhe informiert worden. Im April 2008 sei vom Vorstand (vergeblich) verlangt worden, das "riesige Island-Konzernobligo abzubauen".

Im Jänner 2010 dürfte es dann auch zu mehreren langen Gesprächen mit Aufsichtsratschef Hofinger gekommen sein. Aus den chronologischen Aufzeichnungen ergibt sich, dass der kritische ÖVAG-Banker - er wurde später versetzt und dann gefeuert - Hofinger zu einer Prüfung der Bank durch die Innenrevision ermuntert habe, "um die offenen und sorgfältig versteckten Risiken in der ÖVAG-Bilanz aufzuzeigen und neu zu bewerten". Die Innenrevision sei dann erst ein halbes Jahr später aktiv geworden.

In einem Brief an Finanzministerin Maria Fekter von 2. Oktober deutet der Exbanker die "Frage, warum meine Warnungen außer Acht gelassen und im Ministerium ,schubladisiert' wurden" als "politisch höchst brisant" an. Eine Antwort aus dem Ministerium gibt es auch auf Anfrage des Standard nicht. Eine Sprecherin verweist nur darauf, dass "der Bund nach notwendiger Teilverstaatlichung die Konsequenzen gezogen und die umfassende zivil- und strafrechtliche Aufarbeitung der Vergangenheit eingeleitet" habe. (Renate Graber, DER STANDARD, 31.10/1.11.12)

  • Der ÖVAG-Kontrollor Hans Hofinger soll ebenso über die Risiken bei der 
ÖVAG gewarnt worden sein wie Bankchef G. Wenzel, Finanzminister Josef 
Pröll und Bank-Vizechef M. Mendel (von links).
    foto: övag/schedl

    Der ÖVAG-Kontrollor Hans Hofinger soll ebenso über die Risiken bei der ÖVAG gewarnt worden sein wie Bankchef G. Wenzel, Finanzminister Josef Pröll und Bank-Vizechef M. Mendel (von links).

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