Giorgio Armani: "Fand das ganze Getue übertrieben"

Interview |

Er ist der König der italienischen Mode: Selbst mit 78 hält Giorgio Armani in seinem Modeimperium noch alle Fäden zusammen - Im Vorfeld der Eröffnung seines Emporio-Armani-Flagshipstores in Wien gab er Stephan Hilpold eines seiner raren Interviews

Ein Gespräch über seine Skepsis gegenüber Supermodels, exzentrische Kollektionen von Konkurrentin Prada und die Zukunft seines eigenen Unternehmens.

Mit perfektem Lächeln steht Giorgio Armani inmitten seiner Models. Keine Armani-Modeschau ohne ein Gruppenbild mit Herrn. Der Meister nimmt die Glückwünsche der Berühmtheiten, Einkäufer und Journalisten entgegen, die an diesem Donnerstagnachmittag seine jüngste Emporio-Modeschau beklatscht haben. Auf dem Laufsteg im Teatro Armani in Mailand war eine perfekt aufeinander abgestimmte Parade von Sandalen zu kurzen Röcken und fließenden, silbrig schimmernden Tops zu sehen. Aus den Boxen drangen italienische Schlager, die Haare der Models flatterten beim Gehen.

So frisch und jung hat man Armanis jüngere Zweitlinie selten gesehen. Wie um das zu unterstreichen, trägt ein wie üblich braun gebrannter Giorgio Armani Jeans zu Sneakern und ein enganliegendes T-Shirt. Noch immer kontrolliert Armani jedes Detail seiner vielen Mode- und Accessoirekollektionen höchstpersönlich. Nachdem sich die Reihen fast komplett geleert haben, nimmt er sich Zeit für ein ausführliches Interview.

STANDARD: Sind Sie nach all diesen Jahren eigentlich immer noch aufgeregt vor einer Modeschau?

Giorgio Armani: Und wie!

STANDARD: Was sind Ihre Ängste?

Armani: Eine Modeschau ist jedes Mal ein öffentliches Urteil über die eigene Arbeit. Das Publikum ist streng, es möchte etwas anderes sehen.

STANDARD: Wie war es heute?

Armani: Ich glaube, es ist gut gelaufen. Heute Nachmittag werde ich mit meinen Mitarbeitern noch einmal alles Revue passieren lassen und schauen, wo es gehapert hat. In der Mode ist man ja nie wirklich zufrieden, einige Sachen kann man immer besser machen.

STANDARD: Sie waren der Erste, der auf Models mit einem Body-Mass-Index unter 18 verzichtete. Mittlerweile machen das immer mehr Designer. Ist die Situation bereits so, wie sie sein sollte?

Armani: Äußerst dünne Models lehne ich ab. Aber Mädchen, die etwas zu gut im Saft sind, denen passen meine Kleider nicht. Eine 38er-Taille schaut einfach nicht so gut aus. Das ist wie mit einem Paar Schuhe in 42 und einem in 37. Da schaut jenes in 37 auch besser aus.

STANDARD: Das Körperideal in den 1970er- oder 80er- Jahren war sehr anders als unser heutiges. Was ist da passiert?

Armani: Ja, in den 1980ern war die Mode auch sehr hässlich.

STANDARD: Auch die Ihre?

Armani: Ja, auch die meine. Diese breiten Schultern, diese eigenartigen Proportionen! Ich würde das alles am liebsten verleugnen, aber gut, so war das einfach. Damals hat es Sinn gemacht.

STANDARD: Sie haben nie mit den sogenannten Supermodels gearbeitet, nicht einmal in den Neunzigern. Wie das?

Armani: Die Ansprüche waren damals andere, es gab neben den Supermodels noch viele andere, die viel jünger waren. Die waren aber sehr professionell. Heute ist es so, dass sich die meisten Models gut vor der Kamera machen, aber auf dem Laufsteg sind sie eine Katastrophe. Sie haben kein Strahlen!

STANDARD: Bei Ihrem großen Konkurrenten, bei Gianni Versace, liefen dagegen all die Supermodels. Hatten Sie das Nachsehen?

Armani: Seine Art der Mode verlangte nach diesem Typus Model. Meine Mannequins waren zarter, das passt auch besser zu meiner Mode. Aber auch ich habe Bilder mit Linda Evangelista oder Christy Turlington gemacht. Sie waren damals noch nicht so bekannt, aber sie waren eleganter, als sie es heute sind. Ich erinnere mich, wie das erste Mal Naomi (Campbell, Anm.) bei der Tür hereingekommen ist, sie hatte einen schlichtweg perfekten Teint, wunderschön! Eine große Subtilität. Später fand ich das ganze Getue um diese Mädchen ziemlich übertrieben, sie selbst haben sich dadurch auch verändert. Aber Gianni Versace mochte genau das.

STANDARD: Bei Supermodels kommt die Kleidung immer erst an zweiter Stelle.

Armani: Das ist das Problem. Das Foto im Magazin ist eines vom Mannequin, nicht des Kleides.

STANDARD: Heute gibt es so viel Mode wie noch nie. Wie kann man sich unterscheiden?

Armani: Heute geht es in erster Linie ums Marketing. Um das, was es wirklich geht, kommt erst an zweiter Stelle.

STANDARD: Das hört sich so an, als ob Sie das nicht glücklich macht, oder?

Armani: Es ist unfair den Kreativen gegenüber. Da arbeitet eine Gruppe von Leuten für Monate an einer Kollektion, vielleicht ist sie zweitklassig, aber wird sie gut vermarktet, dann hat sie trotzdem Erfolg. Das geht mir auf die Nerven. Ich bin jemand, der sehr subtil arbeitet, der das Spektakel scheut.

STANDARD: Bis zu welchem Punkt müssen Sie trotzdem mitmachen?

Armani: Ich bin mit vielem nicht einverstanden. Ich sage oft Nein. Auf vielen Modeschauen sehen Sie heute Mode, die es im Geschäft gar nicht zu kaufen gibt. Das gibt es bei mir nicht. Was Sie bei mir auf dem Laufsteg sehen, können Sie alles kaufen.

STANDARD: Bei Miuccia Prada ist das ganz anders. In den 1980ern und 1990ern war Versace Ihr großer Konkurrent, ist es heute Prada?

Armani: Betrachtet man nur unsere Sichtweisen auf die Mode, dann ist das vielleicht so. Prada steht für eine etwas eigenartige Exzentrik, ich vermisse in den Kollektionen oft einen roten Faden. Es ist ihr egal, ob etwas hässlich oder schön ist, Hauptsache, es ist neu! Für mich ist Kontinuität wichtig.

STANDARD: Haben Zahlen in der Mode heute eine zu große Bedeutung?

Armani: Ich war mir immer sicher, dass Design und Verkauf keine entgegengesetzten Begriffe sind. Sie nennen es Marketing, ich Pragmatismus: Qualität muss mit dem Wunsch, etwas Neues zu entwerfen, zusammengehen. Die Zahlen müssen allerdings das Resultat sein, nicht der Ausgangspunkt.

STANDARD: Was denken Sie über die Mode von heute?

Armani: Sie ist sehr anders als zu jener Zeit, als ich angefangen habe. Vielleicht ist etwas an Naivität und an Enthusiasmus verlorengegangen. Aber es bringt nichts zurückzuschauen.

STANDARD: Wäre es möglich, heute noch ein Imperium wie das Ihre aufzubauen?

Armani: Hinter meinem Erfolg steckt ein Leben voller Arbeit. Wahrscheinlich ist es möglich, aber neben der Bereitschaft, viel zu arbeiten, muss man auch verstehen, wie die Mode heute funktioniert und welche Bedürfnisse die Menschen haben.

STANDARD: Warum tun sich junge Designer heute so schwer, Erfolg zu haben?

Armani: Vielleicht sind sie einfach zu ungeduldig. Um Erfolg zu haben, braucht man nicht nur ein paar gute Ideen. Man muss kapieren, dass die Welt nicht nur aus Kleidung besteht und dass es wichtiger ist, wenn die Menschen im Alltag die eigenen Kreationen tragen, als wenn man in einigen Magazinen vorkommt.

STANDARD: Sie haben relativ spät angefangen, selbst zu designen. Sie waren damals über 40. Hat Ihr seriöser, raffinierter Stil auch damit zu tun?

Armani: Ich habe zu einer Zeit angefangen, als ich die Mode, die es damals gab, ziemlich schrecklich fand. Ohne die Leistung von Designern wie André Courrèges oder Paco Rabanne schmälern zu wollen: Meines war das nicht und auch nicht die Sache der meisten Frauen. Wer wollte schon mit Metallstäben am Vormittag in der Gegend rumlaufen? Dieser Art von Spektakel wollte ich etwas entgegensetzen.

STANDARD: Sie arbeiteten früh mit Celebritys als Testimonials für Ihre Mode. Wie suchen Sie sie aus?

Armani: Da gibt es keine eindeutige Linie. Die Zusammenarbeit entsteht meist aus Nähe und Sympathie oder einfach aus Geschmack. Was ich nicht mache, ist, meine Wahl jemandem aufzudrängen: Derjenige, der meine Kleider trägt, muss einen Bezug dazu haben. Über die Jahre hinweg habe ich glücklicherweise zu vielen Schauspielern, die ich einkleide, gute Beziehungen aufgebaut.

STANDARD: Hatten Sie eigentlich von Anfang an diesen klassischen, jede Saison leicht modifizierten Stil?

Armani: Nein, ich habe Sachen gemacht, die Sie sich heute gar nicht mehr vorstellen können! Ich war wahrscheinlich der Erste, der kurze Hosen für den Abend auf dem Laufsteg zeigte. Ich habe das Bild noch vor mir, wie das schwarze Model damals in Chiffon-Shorts mit großen Pailletten die Show beschloss. Sie trug dazu eine knappe, semitransparente Bluse. Viele Neuerungen, die ich einführe, fallen gar nicht auf, weil die Menschen eigentlich immer nur Armani sehen wollen. Alles, was nicht Armani ist, übersehen sie.

STANDARD: Was war bei der heutigen Modeschau Nicht-Armani?

Armani: Wenig. Er war nur etwas jünger als sonst.

STANDARD: Italien befindet sich in einer großen Krise. Inwiefern beeinflusst das Ihre Arbeit?

Armani: Es ist ein Problem des Marktes, weniger des Stils oder des Geschmacks. Das Geschäft in Europa stagniert, in Amerika geht es schon wieder aufwärts, in Asien sowieso. Aber klar: Die Unsicherheit ist groß.

STANDARD: Ihre Zahlen sind aber vergleichsweise gut.

Armani: Das hat damit zu tun, dass ich immer tragbare Mode gemacht habe - und nicht nur solche, die fotografiert wird. Wichtig ist, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis passt.

STANDARD: Waren Sie nie versucht, in die Politik zu gehen wie andere italienische Unternehmer?

Armani: Ich finde, jeder sollte bei seinen eigenen Leisten bleiben.

STANDARD: Hat man als Unternehmer derzeit eine besondere Verantwortung?

Armani: Natürlich, die Geschäfte müssen weitergehen, nach all diesen Jahren schwerer Arbeit kann man nicht einfach sagen, das war's. Unternehmer, die in wirklichen Schwierigkeiten sind, haben immer die Tendenz, einfach alles hinzuhauen, aber man muss wissen: Wenn die Tür einmal zu ist, ist sie zu.

STANDARD: Für die Zukunft Ihres eigenen Unternehmens planen Sie laut eigenen Aussagen eine Stiftung: Welche Rolle werden Sie darin haben?

Armani: Die Zukunft des Unternehmens ist gesichert. Neben meinen Mitarbeitern sind auch meine Familienangehörigen gut in die Führung des Unternehmens integriert. Ich würde sagen, dass die Armani-Gruppe derzeit in guten Händen ist. Eine Stiftung ist derzeit nichts anderes als eine Hypothese.

STANDARD: In Wien eröffnen Sie jetzt einen Emporio- Armani-Flagshipstore. Wurden Sie je von österreichischer Kunst beeinflusst?

Armani: Ich habe mich immer dafür interessiert. Ich mag Österreich mit seinen unterschiedlichen Landschaften. Und Wien ist einfach eine wunderschöne Stadt!

STANDARD: Die Stadt feiert gerade ein Klimt-Jahr. Liege ich richtig, wenn ich behaupte, sein Stil ist das Gegenteil des Ihren?

Armani: Klimt war ein Genie! Er hat Sachen gemacht, die komplett neu waren, ich schätze ihn sehr. Ich bewundere, wie er Farben verschwinden hat lassen, bis am Ende einfach nur noch Schwarz übrigblieb. Die ätherischen weiblichen Figuren, die nur aus Farben und Nichtfarben bestanden, diese Gesichter aus Make-up: wunderbar!

STANDARD: Haben Sie jemals eine Klimt-Kollektion entworfen?

Armani: Nein, aber mir gefiele es, einen Klimt zu Hause hängen zu haben.

(Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 2.11.2012)

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