Heikle Tage für politische Strategen in den USA

30. Oktober 2012, 19:59
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Naturkatastrophen haben schon so manchen US-Präsidenten in Bedrängnis gebracht. Daher bemühen sich Barack Obama und Mitt Romney, aus Hurrikan Sandy kein politisches Kapital zu schlagen - zumindest nicht vordergründig

Es ist die Angst vor dem Splitscreen, dem zweigeteilten Fernsehbildschirm: Links der Kandidat, wie er auf seinen Rivalen schimpft, ihn auf eine Karikatur reduziert, entweder zum Sozialisten oder zum Kahlschlagkapitalisten macht. Rechts die schockierenden Szenen eines Desasters: überflutete Straßen, menschenleere U-Bahn-Stationen, geknickte Strommasten. Ein historischer Blackout, der Millionen an der US-Ostküste am Abend im Dunkeln sitzen lässt.

Die Bilderkombination - hier Naturkatastrophe, dort politischer Normalbetrieb - wäre verheerend. Kein Wunder, dass sowohl Barack Obama als auch Mitt Romney im Zuge des Tropensturms Sandy klangen, als interessiere sie das Duell ums Oval Office nur noch ganz am Rande.

"Die Wahl wird sich schon um sich selbst kümmern. Unsere Priorität ist es nun, Menschenleben zu retten", sagte der Präsident, sichtlich bemüht um die Fassade stoischer Ruhe. Es dauerte nicht lange, da gab das Weiße Haus Aufnahmen aus dem Situation Room frei, dem bunkerähnlichen Krisenzentrum der Machtzentrale, in dem der Staatschef seine engsten Vertrauten versammelt, wenn Heikles zu bereden ist.

Das letzte Mal, dass markante Fotos aus dem Situation Room zirkulierten, war im Mai 2011 gewesen: Damals verfolgte eine kleine Runde mit angehaltenem Atem, wie ein Trupp von Navy Seals das Anwesen von Terrorchef Osama Bin Laden in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad stürmte.

Romney will Spenden für Sturmopfer sammeln

Diesmal kehrt der Commander-in-Chief den nervenstarken Krisenmanager angesichts verheerender Naturgewalten heraus. "Der Präsident hat Verantwortung. Diese Verantwortung steht jetzt an erster Stelle", kommentierte David Axelrod, Obamas oberster Kampagnenstratege, das schöne Motiv.

Es überrascht kaum, dass Romney, der Herausforderer, dem Amtsinhaber das staatsmännische Feld nicht allein überlassen will. "Dies ist eine Stunde, in der wir zusammenkommen müssen", erklärte Mitt Romney. "Und sicherstellen, dass Menschen die Hilfe bekommen, die sie brauchen." Prompt kündigte der Republikaner an, am Tag nach dem Hurrikan demonstrativ Spenden für die Sturmopfer sammeln zu wollen - nicht zufällig in Ohio, dem Bundesstaat, der am 6. November den Ausgang des Rennens entscheiden kann.

Offiziell ziehen es die Spitzenkandidaten vor, die Attacken auf den jeweils anderen einzustellen. Dennoch trügt das Bild vom Wahlkampf, der angeblich auf Eis liegt. An Obamas Stelle rühren nun sein Stellvertreter Joe Biden und Ex-Präsident Bill Clinton die Werbetrommel - der streitlustige Vizepräsident und der brillant erklärende "elder statesman" sollen im skeptischen Milieu weißhäutiger Malocher punkten.

Romney lässt sich vorübergehend durch Vizekandidat Paul Ryan, seinen zum radikalen Sparkurs entschlossenen Teamgefährten, vertreten.

Amerikaner wünschen Schulterschluss

Wann sich die Protagonisten selbst wieder in die Schlacht werfen, wagt keiner zu prophezeien. In der Krise wollen die Amerikaner einen Schulterschluss sehen - und welche Dimensionen der Krisenfall Sandy annimmt, lässt sich frühestens in einigen Tagen, nach einer ersten Schadensaufname, absehen.

Wetterkapriolen können US-Präsidenten arg in die Bredouille bringen, und dort liegt das Risiko für Obama: George W. Bush bekam es 2005 zu spüren, als der Hurrikan Katrina in New Orleans die Dämme brechen ließ und er völlig überfordert wirkte. Das Kapitel trug maßgeblich bei zum Eindruck burschikoser Inkompetenz, der dann zu einem rapiden Verlust an Ansehen führte. Und 1992 hatte die schlecht organisierte Katastrophenhilfe nach dem Wirbelsturm Andrew in Florida einen kleinen Anteil daran, dass der George Bush senior das Oval Office nach nur vier Jahren schon wieder verlassen musste.

Polemik in Online-Medien

Der plötzlich (und kurzzeitig) so gesetzte Ton beider Spitzenleute ändert an der Spaltung des Landes ebenso wenig wie an den Versuchen, Sandy dennoch polemisch auszuschlachten. So stellt das Online-Magazin "Huffington Post" (politisch links von der Mitte angesiedelt) groß heraus, dass Romney die Katastrophenbehörde Fema dichtmachen wolle. Tatsächlich hat der frühere Geschäftsmann einmal laut darüber nachgedacht, vor 16 Monaten bei einer Debatte, aber die Idee inzwischen wieder verworfen. Auf der Rechten notiert der Blog "Drudge Report" voller Häme, Obama habe sich am Sonntag die wohl teuerste Pizzalieferung der Geschichte geleistet: Der Präsident war nämlich am Abend an Bord der Air Force One nach Florida ins sonnige Orlando geflogen und hatte dort Wahlhelfern Pizza spendiert. Am nächsten Morgen eilte er nach Washington zurück, ohne in Orlando auch nur eine Bühne betreten zu haben - für Kritiker Grund zu unverhohlener Schadenfreude.

Auf manchen wirkt der Versuch, aus einem Naturereignis politische Folgen abzuleiten, bloß lächerlich. "New Jersey stapelte Sandsäcke, Delaware verteidigte seine Dünen, New York evakuierte Teile Manhattans. Und was tat Washington?", fragt Dana Milbank, scharfzüngiger Kommentator der "Washington Post". "Es würfelte einfach, um zu sehen, welcher Bewerber wohl von Sandy profitieren würde." Die passende Antwort, so Milbank, wäre vielleicht: "Wer weiß es schon so genau." (Frank Herrmann, DER STANDARD, 31.10.2012)

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