Vom Winde verweht

Kommentar |

Auch Sandy wird den Amerikanern nicht Lust auf eine mächtige Regierung machen

Mit einer "October surprise" im amerikanischen Wahlkampf hatten viele gerechnet. Dass akkurat ein Hurrikan in der US-Politik landen würde, kam dann aber doch überraschend für die meisten.

Sandy hat alle Konzepte der Wahlkämpfer für den Endspurt zum 6. November verblasen. Die Manager müssen ihre Kampagnen rekalibrieren, die Kandidaten Mitleid und Tatkraft signalisieren. Wem der Sturm letztlich entscheidenden Aufwind geben wird? Dana Milbank, der spitzzüngige Kolumnist der "Washington Post", gibt nach vier Spalten kurzweilig beschriebener Ratlosigkeit unter den zahllosen amerikanischen Talking Heads diese Antwort: "Niemand hat eine Ahnung."

Dafür werden in den windigen Straßen Washingtons einmal mehr ein paar Tatsachen deutlich, aus denen die einzig verbliebene Supermacht der Welt kluge Schlüsse ziehen könnte, wenn sie nur wollte. Dafür genügte es, den professionellen Lustschauer, mit dem die amerikanischen TV-Stationen über "Frankenstorm" berichten, wegzuwedeln und ein wenig über die Naturkatastrophe hinauszublicken.

Die amerikanische Infrastruktur ist in einem für ein so hochtechnologisiertes Land gefährlich schlechten Zustand. Es bedarf gar keiner chinesischer Superhacker, um die Stromversorgung in weiten Teilen der USA abzudrehen. Es genügen auch ein paar auf Oberleitungen gefallene Bäume, damit sieben Millionen Menschen an der Ostküste tagelang ohne Energieversorgung dastehen. Das gilt nicht nur bei einem Ereignis der Größenordnung Sandys, ähnliche Zustände sind auch bei viel geringeren Stürmen an der Tagesordnung.

Der Grund dafür ist schlichtweg, dass die Stromleitungen oberirdisch verlaufen. Niemand will (Steuer-)Geld in die Hand nehmen, um sie einzugraben. Lieber nimmt man bei jedem größeren Unwetter einen nationalen Notstand in Kauf.

Ein zweiter möglicher Schluss wäre, dass es einer leistungsfähigen Bundesregierung bedarf, um mit solchen Katastrophen umzugehen. Das allerdings, "Big Government", ist in den Vereinigten Staaten zu einem Schimpfwort geworden. Mitt Romney hat zuletzt vor einem Jahr gefordert, die von Jimmy Carter gegründete US-Katastrophenschutzbehörde Fema auf die Bundesstaaten aufzuteilen oder sie überhaupt gleich zu privatisieren. Denn der Privatsektor erledige diese Aufgabe ohnehin besser und effizienter. Heute liefert sich Romney mit Präsident Barack Obama ein Rennen um die öffentliche Wahrnehmung als besserer Krisenmanager.

Obamas größtes Versäumnis der vergangenen vier Jahre war es indes, die Amerikaner nicht davon zu überzeugen, dass es eben auch eine Bundesregierung braucht, die Entscheidungen gegen individuelle Interessen und für das höhere Gemeinwohl trifft - ob es nun um die Gesundheitsreform geht, den Katastrophenschutz, Infrastrukturprojekte von nationalem Interesse oder die Kreditwirtschaft.

Dass sich diese Botschaft durchsetzen könnte, nachdem sich Sandy verzogen hat, ist eher unwahrscheinlich. So wie nach Katrina oder Irene im Wesentlichen alles beim Alten blieb, so wird sich auch nach diesem Hurrikan nichts ändern. Politische Konsequenzen werden ebenso vom Winde verweht werden wie Erinnerungen an den Supersturm. In einem halben Jahr drängt ein neuer Hurrikan vom Atlantik herein, wieder werden alle aufgescheucht durch Washington laufen - so, als sei nichts gewesen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 31.10.2012)

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