Wiener Prostitutionsgesetz: Ein Zimmer ohne Fenster um 80 Euro am Tag

Reportage | Julia Herrnböck
31. Oktober 2012, 11:10
  • Scheibchenweise verkleinert sich der Straßenstrich in Wien. Im Prater 
darf seit Juni nur noch in der Nacht angeschafft werden, die Polizei 
kontrolliert scharf.
    foto: der standard/christian fischer

    Scheibchenweise verkleinert sich der Straßenstrich in Wien. Im Prater darf seit Juni nur noch in der Nacht angeschafft werden, die Polizei kontrolliert scharf.

Rechtliche Klarheit und Sicherheit für die Frauen sollte das neue Wiener Prostitutionsgesetz bringen, das vor einem Jahr in Kraft trat. Die Situation am Straßenstrich hat sich zum Teil verschärft, Laufhäuser als Alternative sind umstritten

Wien - Die Wiese neben dem Parkplatz ist an manchen Stellen weiß gefleckt. Noch ist es kein Schnee, sondern gebrauchtes Klopapier, Taschentücher, Kondome. Die Frauen, die hier in Auhof stehen und darauf warten, dass sie für 30 Euro auf den Rücksitz eines Fremden klettern können, haben keine andere Möglichkeit, ihren Müll zu entsorgen. Geschweige denn auf die Toilette zu gehen oder sich nach dem Freier die Hände zu waschen.

In den Seitenstraßen des Wiener Praters zeigt sich nachts ein ähnliches Bild: Alle paar Meter stakst ein junges Mädchen in Hotpants auf dem Gehsteig entlang, beugt sich zu den vorbeirollenden Autos hinunter, lächelt verkrampft hinein; immer unter den Argusaugen von Halbstarken, die sich breitbeinig in der zweiten Reihe postiert haben. Das neue Gesetz habe neue starke Männer in Wien gemacht, heißt es in der Szene.

Druck der Anrainer

Seit sich der Straßenstrich auf die zwei Gebiete konzentriert, brauchen viele der Frauen einen "Beschützer", die vorher keinen hatten. Der sorgt dafür, dass sich nicht noch mehr billige Konkurrentinnen dazustellen: gegen Geld, versteht sich. Seit einem Jahr ist das neue Wiener Prostitutionsgesetz in Kraft. Sicherheit für die Frauen sollte es bringen und Ruhe für die Anrainer.

Warten auf weitere Erlaubniszonen

Auf weitere Erlaubniszonen, die von der Stadt in Aussicht gestellt wurden, warten die Frauen bis heute. Im Sommer verschärfte die Polizei auf Druck der Anrainer und Bezirkspolitiker die Einschränkung, seither darf im Prater nur nachts angeschafft werden.

Für das Geschäft gehen sie meistens ins Parkhaus, in der Nähe gibt es nur ein einziges erlaubtes Stundenhotel im Stuwerviertel, wo sie Gefahr laufen, bestraft zu werden, wenn sie das Lokal wieder verlassen. Auch an diesem Abend stehen fünf Polizisten mit einem Bus vor der Tür, sie kontrollieren jedes Mädchen. "Auf Wunsch der Anrainer", sagt einer von ihnen.

Positive Bilanz für Frauenberger

Die politisch zuständige Frauenstadträtin Sandra Frauenberger (SP), die zusammen mit den Grünen das Gesetz ausverhandelt hat, zieht positive Bilanz: Das Gesetz schaffe rechtliche Klarheit, dem Ziel, Prostitution in den "Indoor"-Bereich zu verlagern, sei man einen großen Schritt näher gekommen.

"Indoor" bedeutet, sich ein Zimmer in einem Laufhaus anzumieten, 80 Euro am Tag sind durchaus üblich, oft müssen sich die Prosituierten mehrere Wochen einmieten. Mit 1. November brauchen alle Betreiber solcher Lokale eine Genehmigung, nur ein Bruchteil hat bis jetzt die Auflagen erfüllt (siehe Wissen), viele werden schließen müssen.

Peter Laskaris, ein Zögling der Rotlichtgröße Harald Hauke, betreibt das Red Room. Von den 15 Zimmern sind noch einige frei, so wie in den meisten Laufhäusern Wiens. Auf dem Bett mit Leopardendecke kauern Kuscheltiere, es gibt eine Dusche, aber kein Fenster. Auf dem Nachtkästchen liegt eine Preisliste: Küssen 20 Euro, VIP-Service mit allem, was das Freierherz begehrt, 200 Euro. Ein junger Besucher huscht über den Flur, blättert verstohlen in den Broschüren, bevor er in einem der Zimmer veschwindet.

Verbesserte rechtliche Situation

Die rechtliche Situation habe sich mit dem neuen Gesetz verbessert, meint Laskaris, vor allem sei die Sittenwidrigkeit gefallen. Auch er hat noch keine Genehmigung, mache sich aber deswegen keine Sorgen, sagt er.

Für Christian Knappik von der Organisation Sexworker.at gehen mit den Laufhäusern große psychische und finanzielle Belastungen für die Frauen einher. "Die meisten schlafen oft dort, die Kosten sind enorm und treiben die Frauen in Kettenschuld." Wolfgang Langer, Referatsleiter der Wiener Polizei, sieht hingegen dort mehr Sicherheit für die Frauen als am Straßenstrich. "Die Polizei hat mit dem Gesetz die Möglichkeit bekommen, schlechte Lokale abzumahnen oder zusperren zu lassen." (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 31.10./1.11.2012)

Wissen: Nur 23 Bordelle haben Genehmigung 

Bordelle, die bis zum 1. November 2012 nicht um eine Genehmigung angesucht haben, müssen vorerst zusperren. Von den etwa 450 Lokalen in Wien haben rund 250 darum angesucht, bis jetzt erfüllen nur 23 die neuen baulichen Auflagen.

Geändert hat sich vor allem der Bereich Straßenprostitution, die seit November 2011 im Wohngebiet verboten ist. Auf Erlaubniszonen konnten sich die Bezirke nicht einigen. Seit dem Vorjahr dürfen auch Freier gestraft werden, die im illegalen Bereich bei der Anbahnung erwischt werden. 206-mal kam es zur Anzeige, etwa 500 Organstrafen in der Höhe von 100 Euro wurden verhängt.

Dem gegenüber stehen 1784 Anzeigen wegen illegaler Prostitution und 3039 Anzeigen wegen Prostitution im Wohngebiet. Die Strafen dafür bewegen sich zwischen 500 und 1600 Euro im Wiederholungsfall. Aktuell sind in Wien 2806 Prostituierte gemeldet, rund 400 mehr als im Vorjahr.

Im April 2012 hob der Oberste Gerichtshof die Sittenwidrigkeit für Prostitution auf. Seither kann der Lohn eingeklagt werden.

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Rückgrad der Politik Teil 2

Nun bestellen sich die Anrainer verstärkte kontrollen, im Stuwerviertel 80 pro Tag!! und bekommen sie, obwohl Verstöße gegen das dumme Prost. G. nicht gesundheitsschädlich sind. Bestellen sich die Anrainer von Hauptstrassen verstärkte Kontrollen und korrekte Einstellung der Radargeräte, statt der heute üblichen viel zu hohen Einstellungen, so werden sie nur ausgelacht, und dasobwohl die Läm- und Abgaswerte an den Hauptstrassen schwer gesundheitsschädlich sind.
Mit einem Wort wir haben wieder die wertvollen Herrenmenschen im Stuwerviertel und im Bereich der Felberstrasse und der äußeren Mariahilferstrasse und die Untermenschen an den Hauptstrasssen, die im Lärm und Abgas verrecken können.

Rückgrad der Politik

Das Problem mit dem neuen Prostitutionsgesetz liegt darin, dass die Politik heuchlerischen Rosinenpickern bereitwillig nachgegeben hat.
Sowohl im Stuwerviertel, wie auch im Bereich Felberstrasse und äußerer Mariahilferstrasse haben BürgerInnen, die im Wissen um die Zustände in diese Gebiete gezogen sind und sich der entsprechend geringen Mieten erfreut haben, plötzlich einen Moralischen bekommen und laut geschrien, die Sexworkerinnen müssen weg. Die Politik sagt sofort ja und verspricht Erlaubniszonen. Allerdings bleibt nur der wohl schwächste aller Bezirksvorsteher, Hr. Kubik mit der Praterzone "übrig".

Laufhäuser als Alternative sind umstritten

Was sind die Gründe hierfür?

Ich sehe darin

eine Legalisierung der Zuhälterei. Wenn ein Zuhälter nun die Zimmer überteuert vermieten kann ist das eine legalisierte Form und damit ist er nicht mehr strafbar. Oder zumindest sehr schwer. Wenns jemanden interessieren würde, denn so richtig ernst wird Zuhälterei imho nicht verfolgt.

"Das neue Gesetz habe neue starke Männer in Wien gemacht, heißt es in der Szene."
"Seit sich der Straßenstrich auf die zwei Gebiete konzentriert, brauchen viele der Frauen einen "Beschützer", die vorher keinen hatten."

Wer hätte das gedacht?
Die Wiener Frauenstadträtin und die Grünen als Förderer der Zuhälterei!

Offenbar ist es eine Katastrophe und Schande was das österreichische Regime da angerichtet hat!

Das neue Gesetz kanalisiert nur die Prostitution aus der Stasse in Wohnungen.

Die Lösung wäre ein echter Rotlicht-Viertel mit
angemeldeten und als Gewerbeteribender anerkannten Prostituierten, die ganz normal Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen zahlen.
Was ist daran so schwierig, das zu machen ?
Das funktioniert in vielen Ländern Europas.

Die hartnäckige, kleinbürgerliche Konservativität in Ö. Diese gibt es nicht nur in der ÖVP, FPÖ und den Katholen, auch die feministische Szene in Ö ist davon durch und durch durchdrungen.

Wenn ich mir das so durchlese sollte die Bilanz nach einem Jahr wie folgt lauten:
Ein Gesetz ganz nach den Wünschen der Anrainer, Zuhälter, Menschenhändler und Bordellbesitzer.

Kleine ERgänzung

Das Prostitutionsgesetz geht auch auf Kosten der Anrainer der Hauptstrassen, die seit dem neunen ProsG. kaum mehr kontriolliert werden, da die Resourcen der Polizei von den heuchlerischen Bewohner des Stuwerviertels, die in Kenntnis der Tatsache, dass in diesem Gebiet SWs ihrerem GEschäft nachgehen dorthin gezogen sind, und der Felberstrasse mit einer Unzahl an Kontrollen blockiert werden, und das nur um dem geheuchelten "Moralischen" der Betreiberinnen der entsprechenden B.I.s zu entsprechen. Dafür werden die Anrainer der Hauptstrassen, welche oft schon vor einem hirnrissigen Ausbau der Strassen zu Rennstrecken, wie z.B. dem Handelskai, dort wohnten, in Lärm und Abgasen verrrecken gelassen.
wertvolle Menschen vd. Untermenschen!!

Genau so ist es. Die hatten die stärkste Lobby.

Das Problem ist leicht zu beseitigen

Hebt das Verbot der Prostitution in Wohnungen auf!
Früher war es erlaubt, dass Frauen eine Wohnung anmieteten, um dort selbstständig zu arbeiten. Den Bordellbetreibern ging Geschäft durch die Lappen, und sie machten mächtig Propaganda. In Häusern in denen eine Prostituierte arbeitete, wurde das Stiegenhaus verunreinigt, Hausbewohnerinnen blöd angequatscht. Allerdings nicht von den Kunden, sondern von Männern, die sich als solche ausgaben. Die Politik ging in die Knie, und zwang die Frauen in "Hostessenstudios".

Goldrichtiges Posting!

Ich kann Ihnen nur vollständig zustimmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es - verglichen mit einem Durchschnittsnachbarn - größere negative Auswirkungen auf mich hätte, wenn eine Prostituierte in der Nachbarswohnung ihre Dienste anbietet. Es gibt auch eine Berliner Studie, die dies wissenschaftlich untersucht und in etwa zum gleichen Ergebnis gekommen ist. Ich glaube Ihnen auch vollkommen, wenn Sie meinen, dass die von Ihnen angesprochenen negativen Auswirkungen in den Stiegenhäusern von Zuhältern initiiert wurden, deren mieses Geschäft durch freie Wohnungsprostitution natürlich entscheidend ausgedünnt werden würde.

naja - sie wohnen wohl nicht in einem "hellhörigen" altbau...

Wohnungsprostitution wird schon toleriert.

Schau mal die hunderten einschlägigen Erotikanzeigen in der Krone oder Kurier.
Es wird nur dann geahndet, wenn die Mitbewohner sich belästigt fühlen, sonst kein Problem.
Aber jetzt, als die Strassenprostitution praktisch verboten ist, wird die Wohnungprostitution wahrscheinlich ausufern.

Wohnungsprostitution wird nur toleriert, wenn die Wohnung einen eigenen Eingang hat und Mindestabstände zu bestimmten Institutionen eingehalten werden. Die Zahl der geeigneten Wohnungen ist entsprechend gering, die Mieten entsprechend hoch. Diese Art der Wohnungsprostitution führt erst Recht zu einer prekären Lage unter den Prostituierten. Nur die fast völlige Freigabe der Wohnungsprostitution würde die Situation verbessern.

Fi.k.n wird überbewertet

solche Randbereiche der Gesellschaft sollten eigentlich einmal in die Mitte genommen werden.

die meisten hier, sprechen sich für Homo-Ehen aus, und so etwas ist ihnen dann aber egal.

Prostitutionsgesetz: "In Wien brennt es bereits"

Ein Interview mit Christian Knappik über das neue Wiener Prostitutionsgesetz und Versäumnisse der Landes- und Bundespolitik im Bereich Sexarbeit.

http://www.linkswende.org/6126/Pros... es-bereits

Christian Knappik spricht auch am Kongress "Marx is Muss":
http://www.linkswende.org/marxismuss2012/

Marx is Murx!

net böse sein, aber wenn man EINES aus der Geschichte gelernt haben sollte, dann dass Kommunismus bisher immer auch von den "TeilnehmerInnen" korrumpiert wurde.

Kommunismus hat´s noch nie gegeben

Oh doch! Sogar viel zu viel davon. Besser als der Realsozialismus wird es nicht, dafür ist die theoretische Grundlage einfach zu fehlerhaft.

aha. Stalinismus und Marxismus sind also was?

Formen der Monarchie?

Ein kurzer Versuch ein Hauptproblem zu erklären

Obwohl es die Prost. seit 1000ten Jahren unter den verschiedensten Formen gibt, vom Totalverbot bis hin zu 100%legal gibt es dzt. alles...aber erst vor etwa 10 Jahren kam es durch EU, neuen Konzepten und auch durch das Internet & Digitalpics zu einem Wandel vom Anbieterbestimmten hin zum Dienstleistungsbiz..es gibt mittlerweile beim Laufhaus fast 100% Rechtssicherheit, was neue Projekte ermöglicht. Es gibt viele verschiedene Faktoren, doch eines gab es noch nie, eine anerkannte Standesvertretung, weil rechtlich bisdato unmöglich & politisch ein Stiefkind war, um mit dem Gesetzgeber auf eine Ebene mit allen Beteiligen versucht realitsnahe sichere Konzepte zu entwickeln. Transparenz, Offenheit, Kooperation aber da fehl noch zig Diskussion

es gibt auch seit tausenden jahren

kindesmissbrauch, vergewaltigung und mord. dafür gibt es auch keine standesvertretung etc. zurecht.

und prostitution ist kein beruf der aus freien stücken gewählt widr, sondern zu 90% sind die "sexarbeiterinnen" frauen ohne perspektive, mit schweren psychischen und alkohol- bzw. drogenproblemen die von grauslichen losern (aka zuhältern) und ihren "kunden" (aka losern) ausgenutzt werden.

die romatische verklärung der selbstbestimmten hure ist widerwärtig und unwürdig.

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