Ladinig: "Bundesheer mit schweren Krisen absolut überfordert"

Interview31. Oktober 2012, 17:44
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Der Oberst außer Dienst, über Cyberwar, Blackouts und Lücken im Berufsheerkonzept der SPÖ

STANDARD: Abseits von Murenabgängen und Überschwemmungen - auf welche Katastrophen muss das Bundesheer vorbereitet sein?

Ladinig: Blackouts, Terrorismus, Cyberangriffe auf Wirtschafts- und Infrastruktureinrichtungen, Staatszerfall - um nur ein paar Möglichkeiten zu nennen. Das Bundesheer muss auf Katastrophen und Krisen jeglicher Art reagieren können. Seien es Naturkatastrophen, technisches oder menschliches Versagen oder auch Krieg. Diese Krisen müssen nicht unbedingt gleich bei uns ausbrechen. Denn wenn beispielsweise in Ungarn etwas passiert, kann das wie ein Feuer grassieren. Die Gefahrenpotenziale werden unterschätzt.

STANDARD: Ein Blackout, also ein tagelanger Stromausfall, ist weltweit noch nie eingetreten. Muss das Heer für jeden noch so unwahrscheinlichen Fall gewappnet sein?

Ladinig: Unwahrscheinlichkeit ist für mich ein Reizwort. Die Menschen sind der Meinung, man kann in der heutigen Zeit alles berechnen. Das ist gefährlich, weil sich Ereignisse nicht an Wahrscheinlichkeiten halten. In Niederösterreich gab es beispielsweise kurz aufeinanderfolgend zwei Jahrhunderthochwasser. Wenn man Gefahrenpotenziale erkennt, kann man zumindest die bewusste Einschätzung vornehmen, dass eine Katastrophe mit den verfügbaren Mitteln nicht in den Griff zu bekommen ist. Gerade Themen wie Blackouts und Cyberwar werden abgesehen von Fachleuten für unwahrscheinlich befunden und weitgehend ignoriert.

STANDARD: Wie viele Soldaten braucht man für Krisenfälle in der Größenordnung eines Blackouts?

Ladinig: Untersuchungen des Innenministeriums sehen ungefähr 1000 schützenswerte Objekte vor. Ich kenne eine inoffizielle Schätzung, die für das Stadtgebiet Wien etwa 5000 Kräfte vorsieht, weitere 5000 für die Peripherie, 5000 für die Energieversorgung und für den Hotspot Schwechat mit Flughafen und OMV nochmal 5000 - also insgesamt 20.000 Mann. Das sind schon wenige. Zur Verfügung stünden derzeit zwischen 7000 und 8000 Mann, zusammen mit der Polizei. Das Bundesheer wäre mit schweren Krisensituationen also schon jetzt absolut überfordert.

STANDARD: Wie sähe es nach der Umstellung auf das SPÖ-Konzept aus?

Ladinig: Im Berufsheerkonzept von Darabos sind 8500 Berufssoldaten, 7000 Zeitsoldaten und 9300 Profi-Milizsoldaten vorgesehen. Das sind, selbst wenn alle ständig voll einsetzbar wären, zu wenig. Außerdem rechnet er 6500 Zivilbedienstete ein, die in einer mobilgemachten Armee nichts verloren haben. Denn sie sind keine Kombattanten und stehen damit nicht unter dem Schutz des Kriegsvölkerrechts. Wenn ein Zivilist bewaffnet erwischt wird, gilt er als Bandit, Partisan oder Terrorist. Das gleiche Problem hat man mit den 23.000 vorgesehenen Milizsoldaten für den Worst Case.

STANDARD: Sie sind selbst Oberst der Miliz. Aus welchen Männern und Frauen sollen sich die 23.000 Soldaten zusammensetzen?

Ladinig: Es handelt sich um Überbleibsel aus dem alten System. Männer, wie ich einer bis vor zwei Jahren war. Die werden älter, immer weniger, und ohne Wehrpflicht kommen keine Jungen nach. Alles zusammengerechnet kommt Darabos auf die 55.000 Personen, die von der Reformkommission empfohlen wurden. Tatsächlich hätte er maximal 24.800 Soldaten zur Verfügung. Da wird die Bevölkerung für dumm verkauft.

STANDARD: Welche Kapazitäten bräuchte das Heer?

Ladinig: Es bräuchte eine Kombination aus Wehrpflicht mit der Verpflichtung zu weiteren Milizübungen und Berufssoldaten wie in Finnland oder der Schweiz. Finnland zum Beispiel hat ungefähr das gleiche Wehrbudget wie wir und kann 350.000 Soldaten aufbieten. Es liegt also an der entsprechenden Organisation. Man muss dafür auch nur in unsere Vergangenheit schauen: Im Jahr 1988 hatten wir auf Wertbasis ungefähr das gleiche Budget wie heute. Damals konnten wir uns ein Mobilmachungsheer von 240.000 Mann leisten. Durch die Abschaffung der verpflichtenden Milizübungen durch den ehemaligen Verteidigungsminister Günther Platter und die Fortführung dieses Kurses durch Norbert Darabos haben wir heute bloß noch maximal 15.000 bis 16.000 einsatzfähige Soldaten zur Verfügung. Denn beruft man die Männer ein, die irgendwann sechs Monate lang ausgebildet wurden, endet das im Chaos. Es gibt für sie keine Bekleidung, keine Ausrüstung und keinen organisatorischen Rahmen.

STANDARD: Das heißt, Verbesserungen wären aus Ihrer Sicht relativ einfach realisierbar?

Ladinig: Laura Rudas hat auf einer Militärveranstaltung sogar zugegeben, dass es hier nicht um Sachargumente geht. Die Abschaffung der Wehrpflicht ist reine Wahlkampftaktik, weil Darabos dadurch junge Männer als Wähler gewinnen will. Er spielt mit der Sicherheit Österreichs, um an der Macht zu bleiben. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD; 31.10./1.11.2012)

UDO LADINIG (68) ist pensionierter Betriebswirt und Oberst der Miliz, war Angehöriger der Jägertruppe und zuletzt Verbindungsoffizier am Militärkommando Niederösterreich.

  • Antreten zum Dienst am Land: Am Nationalfeiertag wurden tausend Rekrutinnen und Rekruten auf dem Heldenplatz angelobt.
    foto: ap/punz

    Antreten zum Dienst am Land: Am Nationalfeiertag wurden tausend Rekrutinnen und Rekruten auf dem Heldenplatz angelobt.

  • Udo Ladinig:  "Es bräuchte eine Kombination aus Wehrpflicht mit der Verpflichtung zu 
weiteren Milizübungen und Berufssoldaten wie in Finnland oder der 
Schweiz."
    foto: privat

    Udo Ladinig: "Es bräuchte eine Kombination aus Wehrpflicht mit der Verpflichtung zu weiteren Milizübungen und Berufssoldaten wie in Finnland oder der Schweiz."

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