Frauenleben in der Geschichte: Leichenpredigten als ergiebige Quellen

Forscher der Universität Marburg untersuchen autobiografische Texte aus früheren Jahrhunderten

Marburg - Mithilfe jahrhundertealter Leichenpredigten wollen Marburger Forscher mehr über das Leben von Frauen in früheren Zeiten erfahren. Dafür werden seltene Autobiografien untersucht, die Teil dieser gedruckten Predigten sind, wie der Historiker Jörg Witzel von der Forschungsstelle für Personalschriften an der Uni Marburg erläuterte.

"Bislang hat noch niemand diese autobiografischen Texte von Frauen ausgewertet. Sie verraten uns aber wertvolle Details über das weibliche Selbstverständnis in der damaligen Zeit", erklärt der Experte. Die Schriften berichten etwa von der Bedeutung des Ehemannes als Versorger - und offenbaren Überraschendes wie frühe Kritik am ungerechten Bildungssystem.

Leichenpredigten waren vor allem in protestantischen Regionen zwischen 1550 und 1750 beliebt. Sie sollten die Reputation des Verstorbenen und seiner Familie erhöhen, trösten und erbauen. Die Texte beinhalteten immer biografische Details, teils selbstverfasst. Die Forschungsstelle hat die Aufgabe, diese Predigten in Thüringen aufzuspüren und zu katalogisieren. Die Einrichtung ist eine Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz.

Mitarbeiter Witzel zufolge wurden nur wenige von Frauen verfasste Lebensläufe später auch in ihren Leichenpredigten veröffentlicht. Ein Grund: "Es gab durchaus Bedenken, ob Frauen - damals auch "Weibes-Person" genannt - kompetent genug waren, ihre Lebensgeschichte so darzustellen, dass sie für das bei der Beerdigung anwesende Publikum erbaulich und didaktisch wirksam waren."

Ungerechtes Bildungssystem

Für seine Studien hat der 49-Jährige bislang 20 Leichenpredigten vor allem aus Sachsen und Thüringen ausgewertet. Dabei entdeckte er auch Anmerkungen einer Gräfin Reuß zu Schleiz, die diese 1727, etwa 20 Jahre vor ihrem Tod, verfasste: "Die Gräfin wurde gemeinsam mit ihren Brüdern durch Hauslehrer unterrichtet. Sie schreibt, dass sie großes Interesse daran gehabt hätte, Fremdsprachen zu lernen. Aber das sei leider für sie als Tochter nicht möglich gewesen", erläuterte Witzel.

"Sie übt also Kritik an der Bevorzugung von Jungen bei der Ausbildung." Ein Hauslehrer habe damals unterschiedliche Unterrichtsstoffe für Jungen und Mädchen gehabt. "Zudem konnten die Jungen später noch eine Lateinschule besuchen." (APA/red, derStandard.at, 4. 11. 2012)

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