Moral zum Ersten, Zweiten und Dritten!

Otmar Wagner und die Ethik-Kommission im Wuk

Wien - Lange vorbei sind die Zeiten, in denen die Frage nach dem guten und richtigen Leben von einsamen Denkern am Schreibtisch beantwortet wurde. Wo sich früher Kant und Kollegen im stillen Kämmerlein den Kopf zerbrachen und ganze Bücher mit Verhaltensregeln füllten, lädt die Ethik-Kommission des deutschen Performancekünstlers Otmar Wagner heute Publikum zu einer "Verkaufsveranstaltung" in den Saal des Wiener Wuk: Kollaps Kunst Moralverkehr.

Die Kommandozentrale bildet ein monströser Tisch, der nicht nur große kreisrunde Löcher hat, durch die die Mitglieder der Ethik-Kommission nach Belieben hindurchsteigen können, sondern auch - wie es sich für eine ordentliche Kommission gehört - jede Menge Hebel und Tasten.

Kuschelhormon zu verkaufen

Hier schaltet und waltet als Conférencier des Abends Otmar Wagner und spielt mittels Ton- und Videoaufnahmen mehr oder weniger zeitgenössische Positionen im Moraldiskurs ein: Zu Wort kommen etwa Ernst Bloch, Niklas Luhmann, Richard David Precht oder Frans de Waal. Ob Wirtschaftsethik oder Fragen zum richtigen Umgang mit Tieren, Moral ist hier gleich Moral.

Weil es sich um eine Verkaufsveranstaltung handelt, hat Wagner natürlich auch etwas feilzubieten: Die Antworten auf dräuende moralische Fragen (" Ist Onanieren in einer Partnerschaft beziehungsfeindlich oder -förderlich?") kommen unter den Hammer. Gleichsam als Höhepunkt des Abends wird gegen Ende der gut 70 Minuten dauernden Performance noch " Flüssiges Vertrauen" versteigert: das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin in Sprayform.

Während Otmar Wagner mit routiniertem, aber unterhaltsamem Moderatorencharme durch Moraldiskurse und Versteigerung führt, streunen die vier Mitglieder der Ethik-Kommission (Noah Holtwiesche, Florian Feigl, Henrik Friis, Jörn Burmester) durch den Raum. Einer trägt seine Anzugjacke über nackter Haut, ein anderer ist barfuß. So leger gekleidet spielen sie Klavier, knallen eine Peitsche auf den Tisch oder trinken Bier.

Beliebigkeit der Moral

Ihr irritierendes wie wortloses Treiben erzeugt zwar ein wenig die Atmosphäre eines David-Lynch-Filmes, verliert aber über die Dauer des Stücks erheblich an Dynamik. Wozu diese Ethik-Kommission letzten Endes da ist, wird nicht deutlich. Und auch der Erkenntniswert des Abends ist begrenzt: Dass Moral zu einer beliebigen Ware geworden ist, überrascht in Zeiten, in denen jeder und alles käuflich werden kann, nicht mehr wirklich. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 31.1./1.11.2012)

 

31. 10., 20.00

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