Bestatterin aus Leidenschaft

Porträt mit Video |

Liane Hochreiters Kunden kommen nur ein Mal. Und dann nie wieder. Auferstehung hin oder her. Die 64-Jährige ist in der Region Ybbs an der Donau für den "letzten Weg" der mehr oder weniger braven Schäfchen zuständig. Seit 35 Jahren organisiert die "Bestatterin aus Leidenschaft" Begräbnisse. Im Jahr bringt sie zwischen 180 und 200 Verstorbene feierlich unter die Erde. Vor zwei Jahren hat sie das Bestattungsunternehmen im Flecken Hofamt Priel an Sohn Roman und Tochter Sandra übergeben. Nun ist der Job nur noch ein Hobby, wie sie sagt.

Von einem kleinen Büro in einem schmucken, rostrot getünchten Einfamilienhaus aus dirigiert sie Pfarrer, Totengräber und Prosekturen der umliegenden Krankenhäuser, stimmt sich mit der Verkehrspolizei ab oder informiert die Trauerzüge von Freiwilligen Feuerwehren, bei denen der Verstorbene Mitglied war. Sie tippt die Texte für die Parten ein, schneidet Trauerbildchen zu, klärt Transporttermine mit Leichenbeschauern.

Ein Faktotum in Priel-Umgebung

Das ist aber bloß der eine, der organisatorische Teil ihrer Arbeit. Der andere, der wesentliche, erfordert Fingerspitzengefühl, Einfühlungsvermögen und manchmal viel, viel Geduld. Alles hat sie schon erlebt, die Bestatterin Hochreiter, im Umgang mit Angehörigen: ohnmächtige Trauer, abgeklärtes, allzu abgeklärtes Fügen, stille, etwas verschämte Erleichterung und, ja, auch Streit. Verzagt, verzweifelt ist die zarte Dame über ihrer Arbeit dennoch nicht geworden: "Wenn's mir einmal zu viel wird, dann hau ich am Abend die Tür hinter mir zu und denk mir: Morgen ist wieder ein neuer Tag." Den nimmt sie in aller Regel resolut, mit reschem Mutterwitz bewaffnet, Zigarette zwischen den Fingern und energischen Schritten in Angriff.

Hochreiter ist ein Faktotum in Priel-Umgebung. Biegt sie um die Ecke, straffen sich die Oberkörper von g'standenen Totengräbern, alert lüftet der Bürgermeister den Hut. Jeder kennt sie, jeder hat enormen Respekt vor der "Verwesungsbeauftragten", wie sie halb im Scherz genannt wird. Die so Geadelte hat an diesem Tag wie immer viel zu tun. Das halbe Dorf, ein Trauerzug der Feuerwehr und die Musikkapelle sind aufmarschiert, um einen aus ihrer Mitte zu Grabe zu tragen. 

Ganz gleich ob Holzfäller oder Erzherzog

Als sich Liane Hochreiter vor der Pfarrkirche aus dem mit Trauerkränzen geschmückten Leichenwagen schwingt und die Parten verteilt, hat sie ihre Checkliste am nahen Friedhof bereits abgearbeitet, hat das Kondolenzbuch aufgestellt, die Aufbahrung des Sarges überwacht, mit dem Feuerwehrkommandanten die Route besprochen und sich um all die anderen kleinen großen Dinge gekümmert, die ein Begräbnis zu einer Zeremonie machen - keine noch so kleine Panne, kein Holpern im Ablauf des Kondukts darf diesen letzten Weg stören. Wenn die Musikanten aufs falsche Friedhofstor zusteuern, ein Ministrant seinen Platz nicht gefunden hat, ist Hochreiter, gestikulierend, Anordnungen zischend, sofort zur Stelle. Und wenn ihr, während sie im Bestattungswagen den Trauerzug anführt, ein tiefgebügelter Audi vor die silberne Mercedes-Schnauze fährt, rutscht ihr schon einmal ein deftiges "A so a Koffer" über die Lippen.

Nein, die feine rhetorische Klinge führt diese Bestatterin in diesen Momenten nicht. Doch anders - das hat sie die jahrelange Erfahrung gelehrt - gibt es bei Pfarrern, Ärzten, Honoratioren und ehrenamtlichen Bedenkenträgern kein Durchkommen. Nur vor dem Tod, da sind für Hochreiter alle gleich. Ganz gleich, ob es Katholiken, Muslime oder die von der heiligen Mutter Kirche Abgefallen sind."Ein jeder hat ein Recht auf ein schönes, ordentliches Begräbnis, wurscht ob Holzfäller oder Erzherzog." 

Zwiderwurzn aus Passion

Es gibt aber auch Trauerfälle, die gehen selbst der hartgesottenen Frau Hochreiter an die Nieren. "Der Tod eines Kindes - da ist es immer furchbar schwer, vor den Eltern zu sitzen. Das ist das Schlimmste." Den Tod, die Trauer vertreibt Liane Hochreiter mit einem konsequenten Gegenprogramm zu ihrem Arbeitsalltag: Sie ist Vorsitzende des hiesigen Faschingsvereins und nach Eigenauskunft "der Spaßvogel der Gemeinde". Jedes Jahr in der narrischen Zeit steht sie dann am Podium und hält die Büttenrede. "Da darf ich dann eine richtige Zwiderwurzn sein", sagt sie und setzt ein Lächeln auf, an dessen Rändern mädchenhafter Schalk hervorblitzt.

Liana Hochreiter mag sie, die Menschen. Ausnahmslos alle. Die Gescheiten, die Depperten. Die Lebenden und die Toten. Amen. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 31.10.2012)

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Bestattung Hochreiter

 

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