Die Wirklichkeit filmen und dabei verändern

30. Oktober 2012, 17:15
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Ein Viennale-Fokus aufs vielfältige Werk des Italieners Alberto Grifi (1938-2007)

Anna ist ein Teenager. Ihre langen Haare trägt sie in der Mitte gescheitelt, darüber ein Stirnband. Ein Parka hält sie warm. Es ist der 25. Februar 1972 in Rom, man sitzt im Freien. Ein Mann mit Schlapphut und einer Feder dran kommt vorbei und bleibt stehen. Anna, die ganz offen und ein wenig verträumt in die Welt (und in die Kamera) schaut, möchte auch so eine Feder haben. Er verspricht, ihr später eine vorbeizubringen.

Am nächsten Tag wiederholt sich die Szene aus einer etwas anderen Perspektive. Anna ist in Begleitung einer Freundin, sie hat sich in einen bestickten Umhang gehüllt. Der Mann kommt wieder. Weil Anna Fieber hat, hochschwanger ist und auf der Straße lebt, bietet ihr der Fremde diesmal an, sie bei sich zu Hause unterzubringen.

Die Begegnung mit Anna, die man im gleichnamigen Film von Alberto Grifi und Massimo Sarchielli - Annas späterem Gastgeber - gleich zweimal sieht, hat sich so oder so ähnlich auch schon vor Beginn der Dreharbeiten zugetragen. Sie gab überhaupt erst den Anstoß zum Film, der zunächst noch einem Drehbuch folgte, sich dann jedoch immer mehr von dem leiten ließ, was sich gerade vor der Kamera abspielte.

Schon zu Beginn werden diese unterschiedlichen Ebenen und Perspektiven eingebracht. Anna könnte ein Dokumentarfilm sein. Oder eine mit und um eine reale Figur inszenierte Geschichte. Tatsächlich folgen lange Szenen, in denen sich etwas ereignet, auf andere, die etwas in Gesprächen reflektieren oder noch einmal durchspielen. In den (Spiel-)Szenen mit Anna wirft Anna implizit Fragen zum ambivalenten Status der jugendlichen Protagonistin im Verhältnis zu ihren männlichen " Regisseuren" auf. Was darüberhinaus aber auch entsteht, ist eine Art Gesellschaftsporträt. Dessen räumliches Zentrum ist die Piazza Navona in Rom, wo anno 1972 Hippies und Streuner neben Bürgern und Politisierten an Café-Tischchen sitzen.

Anna wurde erst im Vorjahr, nach Restaurierung durch die Kinematheken in Rom und Bologna wieder zugänglich gemacht. Nicht nur wegen seiner Länge von 225 Minuten ist er eine zentrale Arbeit im Werk des Italieners Alberto Grifi. Dessen Anfänge fallen in die frühen Sechzigerjahre, unter anderem entsteht 1964 in Kollaboration mit Gianfranco Baruchello La verifica incerta, eine Found-Footage-Montage, die sich an klassischen Hollywoodproduktionen abarbeitet. Die filmische Auseinandersetzung mit dem Kino wird ein Strang bleiben, den der Künstler, Fotograf, Maler und Erfinder Grifi zeit seines Lebens verfolgt. Ein anderer ist sein Bestreben, das Medium als politisch zu begreifen und zu benutzen - etwas, das sich nicht nur in den Sujets seiner Filme widerspiegelt.

1967 wird er Teil einer unabhängigen Filmemacherkooperative. Und er interessiert sich stark für die technische Seite des Filmens - auch im Viennale-Katalog wird diesem Umstand in Texten Rechnung getragen und in Fotografien, die den dynamisch wirkenden Grifi stets umringt von Gerätschaften, Monitoren, Arbeitsmaterialien zeigen. Anna gilt als die erste auf Video gedrehte italienische Produktion. Grifi sah viele Verheißungen des Kinos erst mit der Verbreitung von Video verwirklicht.

Noch 2004, drei Jahre vor Grifis Tod, schreibt Marco Müller im Katalog, habe jener etwa an einer Reinigungsanlage für VHS-Videobänder gearbeitet. Anna wird bei der Viennale nun als digitale DCP- Kopie gezeigt, und man würde eigentlich gerne wissen, was Grifi zum jüngsten technologischen Paradigmenwechsel zu sagen hätte.

Zum übrigen Programm der Viennale bilden seine Filme - gerade die dokumentarischen, Festival del proletariato giovanile al parco Lambro (1976) und Lia (1977) - jedenfalls schöne, sinnfällige Verdichtungen und Verzahnungen: Zu Olivier Assayas' Reimagination einer politisierten Jugend nach '68 etwa, zu Coleen Fitzgibbons Skizzen gesellschaftlicher Widersprüche im New York der 70er-Jahre oder zu den Dokumentarfilmen über die russischen Protest- und Gegenkulturbewegungen der Gegenwart. (Isabella Reicher, Spezial, DER STANDARD, 31.10./1.11.2012)

  • Anna (Mi.), die Protagonistin von Alberto Grifis gleichnamigem ausuferndem 
Filmprojekt aus den Jahren 1972 bis 1975. 
    foto: viennale

    Anna (Mi.), die Protagonistin von Alberto Grifis gleichnamigem ausuferndem Filmprojekt aus den Jahren 1972 bis 1975. 

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