Betrugsprozess gegen Marionnaud Österreich

30. Oktober 2012, 16:13
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Zwei Ex-Manager wollten sich laut Anklage durch geschönte Berichte Boni erschleichen, einer prangert französische Anweisungen an

Wien - Um angeblich frisierte Bilanzen bei Marionnaud Österreich in den Jahren 2006 bis 2009 geht es in einem Betrugsprozess gegen zwei ehemalige Manager des Unternehmens, der im Wiener Landesgericht begonnen hat. Den beiden 48- bzw. 58-jährigen Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft vor, sich durch geschönte monatliche Berichte an den Mutterkonzern A.S. Watson Boni erschlichen zu haben. Konkret soll ein Schaden von rund 200.000 Euro in den Jahren 2006 bis 2008 entstanden sein, von dem fünf Personen profitiert haben sollen. Die Angeklagten bekannten sich in dem auf zwei Tage anberaumten Schöffenverfahren (Vorsitz Richter Michael Tolstiuk) nicht schuldig.

A.S Watson übernahm die Parfümerie- und Kosmetikkette Marionnaud 2005. Darin enthalten war auch die Österreich-Tochter "Marionnaud Autriche GmbH". Der Mutterkonzern etablierte schnell sein Boni-System, das auf monatlich abzuliefernden sogenannten MPS-Berichten beruhte. Laut Anklage wurde für das Jahr 2006 ein Verlust der Marionnaud Autriche von 7 Mio. Euro ausgewiesen, der tatsächlich doppelt so hoch gewesen sei. Für 2008 wurden 16 Mio. Euro Verlust statt tatsächlich 26 Mio. Euro angegeben. Nach tatsächlichen Zahlen hätten die beiden Angeklagten 2006 und 2008 gar keine Boni erhalten, für 2007 eine deutlich geringere Zahlung, als sie tatsächlich bekamen.

Der Verteidiger des Erstangeklagten, Klaus Ainedter, wies die Anschuldigungen scharf zurück. Es handle sich um eine "ohne Tatsachensubstrat zur Tatsache erhobenen Vermutung", wenn die Anklage den Beschuldigten vorwerfe, sie hätten den gemeinsamen Beschluss gefasst, die Berichte zu frisieren. "Dafür gibt es keinen einzigen Beweis", so der Advokat. Er wies auf eine "aufsehenerregende Konstruktion innerhalb der Marionnaud Autriche GmbH" hin, bei der es neben einem operativen Teil auch eine Holdingkonstruktion gegeben habe. Der Vertreter des Zweitbeschuldigten wies auf ein Gutachten hin, demzufolge die Bilanz ordentlich erstellt wurde.

Kompliziertes Firmenkonstrukt

Der Erstangeklagte schilderte das Firmenkonstrukt in allen Details: Die Marionnaud Autriche GmbH sei selbst Muttergesellschaft für zahlreiche Tochterfirmen in anderen europäischen Ländern wie Spanien, Italien und Portugal gewesen. Auch für ein Firmenkonglomerat in Osteuropa mit weiteren Tochterunternehmen fungierte sie als Holding. Er selbst sei aber nur für den operativen Teil in Österreich zuständig gewesen und habe mit den Holdingaufgaben nichts zu tun gehabt. Monatlich habe er die MPS-Berichte bei seinen Vorgesetzten abzuliefern gehabt. Erstellt habe sie der Zweitangeklagte, der sie ihm vorgelegt habe. Er selbst habe sogenannte Plausibilitätsüberprüfungen der Berichte auf Basis der den Berichten selbst zugrunde liegenden Unterlagen durchgeführt.

Er habe erst im Jänner 2010 bei einem Treffen der Länderverantwortlichen in London erfahren, "dass es etwas gibt". Dabei sei es um eine Größenordnung von bis zu 10 Mio. Euro gegangen. Sein Vorgesetzter habe ihn gebeten, das zu klären. Noch am Wochenende habe ihm der Zweitangeklagte eröffnet, dass auf zwei Konten Umbuchungen stattgefunden hätten. "Es war für mich klar, dass es sich um den Bereich der Holding gehandelt hat", meinte der Beschuldigte. Zu diesem Zeitpunkt sei von den Vorgesetzten kein Zusammenhang mit erhaltenen Boni hergestellt worden.

Anweisungen aus Frankreich

Am Nachmittag musste sich dann der Zweitangeklagte - er war Financing Director bei Marionnaud Österreich - verantworten. Auch er bekannte sich nicht schuldig. Er gab an, dass von der Muttergesellschaft Marionnaud International mit Sitz in Frankreich genaue Anweisungen gekommen seien, was wo zu verbuchen sei.

Hingegen entlastete er den Erstbeschuldigten: Dieser sei zwar in personeller Hinsicht sein Vorgesetzter gewesen, aber nicht in fachlicher Hinsicht. Von ihm habe es auch keine Weisungen gegeben. Außerdem habe er Umbuchungen nur aus buchhalterischen Gründen vorgenommen. Die Einvernahme des 58-Jährigen soll am 6. November fortgesetzt werden. Auch erste Zeugenaussagen wird es geben. Ob der Prozess am kommenden Dienstag abgeschlossen wird, blieb offen. Wahrscheinlich war, dass weitere Zeugen beantragt werden.

Heftig kritisiert wurde von den Verteidigern, dass die Privatbeteiligten bisher keine Originalunterlagen zur Verfügung gestellt haben dürften, was auch Auswirkungen auf die Expertise des Sachverständigen gehabt haben soll. "Wir wollen die Originale sehen, und das schon seit mehreren Jahren", erklärte der Anwalt des Erstangeklagten, Klaus Ainedter. Der Zweitangeklagte meinte bei seiner Befragung zu ihm vorgelegten angeblichen MPS-Berichten, das seien nicht die von ihm erstellten Berichte. (APA, 30.10.2012)

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