Seide: Zwischen sündhaftem Luxus und kirchlichem Prunk

30. Oktober 2012, 17:23
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Zwischen Wirtschaftsfaktor, sündigem Luxusgut und angemessener Prunkentfaltung für höhere soziale und kirchliche Ränge: Ein Wiener Historiker beleuchtet die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Seide

Seide galt bereits im Mittelalter als heiß begehrtes Gut, mit dem Stoff verband man aber auch gewisse Bilder oder nutzte ihn, um Aussagen über Menschen zu treffen, die Seide trugen. Dabei schwankten die Assoziationen zwischen der Sünde des weltlichen Genusses, die das exklusive Gewebe mit sich brachte, und der Verfolgung der angemessenen Pracht, erklärt Thomas Ertl, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters an der Universität Wien. Seit 2010 untersucht Ertl die unterschiedlichen Funktionen der Seide im Mittelalter. Am Mittwoch, 31. Oktober, wird er seine Ergebnisse bei seiner Antrittsvorlesung der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Wien präsentieren.

Die "sündenfreie Geburt" der Seidenraupe

Zu Beginn des Mittelalters war Seide in Europa ein rares Gut und musste teuer aus dem Orient importiert werden. Das hat vor allem kirchlichen Vertretern missfallen, die Seide als sündhaften Luxus einstuften: "Wer Seide trug, war dem irdischen Genuss verfallen und dementsprechend vom rechten Weg abgekommen. Man sollte sich eben nicht um das irdische Gut kümmern, sondern um das eigene Seelenheil", so Ertl. Parallel dazu habe es aber auch die Auffassung gegeben, dass Seide eine angemessene Prunkentfaltung für gewisse höhere soziale und kirchliche Ränge sei.

Diese Meinung gewann im Laufe der Jahrzehnte zunehmend an Bedeutung und führte dazu, dass Kirchenräume und auch Gewänder der Priester immer prunkvoller wurden, "und das, obwohl die Kirche ursprünglich ein ganz anderes Ideal vertreten hat", erzählt Ertl. Dabei hätten auch katholische Theologen immer wieder Argumente für die Verwendung von Seide gefunden, etwa die Verwandlungsmetapher. "Die Seidenraupe entsteht nicht durch Geschlechtsverkehr, sie hat eine sündenfreie Geburt und verwandelt sich dann in dem Kokon in den Seidenfalter. Diese Metapher und diese Verwandlung steht für Christus", sagt der Wirtschaftshistoriker. So habe man die besondere Würde der Seide schon in ihrer Entstehung erklärt und die kirchliche Verwendung legitimiert.

Von der Kirche schwappte die Begeisterung für das Luxusgut auch in die bürgerliche und städtische Bevölkerung über. Damit sei Seide auch verstärkt in die Garderobe von Frauen gelangt, was erneut zu widersprüchlichen Bildern und Auseinandersetzungen führte: "In den Augen der Theologen waren die schlimmsten Frauen jene, die Seide trugen. Denn sie enthüllt mehr, als sie verhüllt." Dieses Bild wandelte sich im Laufe der Zeit: Plötzlich sei auch die ideale Frau, die in der Minne besungen wird, in Seide aufgetreten, so Ertl. Der gut zu erkennende Körper stand für perfekte weibliche Schönheit.

Seide wird leistbar

Nicht nur moralisch sorgte der exklusive Stoff für Diskussionen, auch wirtschaftlich war Seide ein nicht zu unterschätzender Faktor. In den Budgets der Fürstentümer standen Textilien und Stoffe oft schon an dritter Stelle der Ausgaben, gleich nach Militär und Architektur und weit vor etwa dem Ankauf von Büchern. Vor allem in der Spätantike herrschte daher die Angst, dass sämtliches Gold des Römischen Reiches im Seidenhandel verloren gehe. Erst als sich die Seidenproduktion im 13. Jahrhundert auch nach Italien verlagerte und der internationale Handel schwächer wurde, legten sich diese volkswirtschaftlichen Bedenken. Maulbeerbaumplantagen und das Wissen um Farbe und Webtechniken von Seide verbreiteten sich auch in den Städten Oberitaliens.

Damit konnten sich immer mehr Menschen Seide leisten. "Ab diesem Moment begannen sich Gesetzgeber Gedanken zu machen, ob das gut sei, dass immer mehr Menschen so edle, teure Stoffe tragen", meint Ertl. Luxusgesetze und Kleiderordnungen waren die Folge, um einerseits Verschwendung einzudämmen und andererseits die soziale Hierarchie der Zeit einzuzementieren und weiterhin sichtbar zu halten. Erst im 18. Jahrhundert habe man schließlich erkannt, dass der Luxus der adeligen und bürgerlichen Familien keineswegs schädlich sei, sondern dank steigender Nachfrage und hohem Konsum für Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Prosperität sorgte. (APA/red, 30.10.2012)

Thomas Ertl: "Die Seidenmetapher. Fäden eines sozialen Diskurses im europäischen Mittelalter", 31. Oktober, 17 Uhr, Universität Wien, Kleiner Festsaal, Universitätsring 1, 1010 Wien.

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    Seidenraupenkokons: Im 13. Jahrhundert verbreiteten sich Maulbeerbaumplantagen in den Städten Oberitaliens.

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    Seidenproduktion - Erst im 18. Jahrhundert erkannte man, dass der Luxus der adeligen und bürgerlichen Familien keineswegs schädlich sei, sondern dank steigender Nachfrage und hohem Konsum für Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Prosperität sorgte.

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