Arsenal, ein städtisches Inseldasein im Umbruch

Leserkommentar30. November 2012, 10:46
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Interessen der Immo-Betreiber und Bewohner...

Das Wiener Arsenal - ein städtisches Paradies auf Erden?
Zentral in der Nähe zur Innenstadt gelegen, Grünraum und Ruhelage, gepaart mit einem einmaligen historischen Ambiente - klingt zu schön, um wahr zu sein? Das Wiener Arsenal gleicht einer Kleinstadtidylle innerhalb des städtischen Großraums. Doch wie auch dieser ist das Areal in den letzten Jahren zunehmend Veränderungen unterworfen.

Die ehemalige Kasernenanlage der k.k. Monarchie beherbergt seit den 1950er Jahren verschiedene Bundesbetriebe und Forschungsanstalten sowie Wohnungen für Bundesbedienstete. Seit dem Verkauf der ehemals dem Bund gehörenden Liegenschaft an private Investoren im Jahr 2003 steht der im Arsenal verfügbare Wohnraum allen gesellschaftlichen Schichten offen, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügen. Wechselnde Hauseigentümer und Hausverwaltungen sowie mehrere städtebauliche Wettbewerbe tragen immer wieder zur Verunsicherung der ArsenalbewohnerInnen bei, die das Arsenalensemble sowie das städtische Inseldasein zunehmend gefährdet sehen.

„Nicht alles was Grün ist, glänzt auch"
Während Grünflächen zwischen Heeresgeschichtlichen Museum und der vorderen Arsenalfront einen gemütlichen Platz zum Entspannen und Verweilen darstellen und das ehemalige Kommandantengebäude (Objekt 1) mit seinen Nahversorgungseinrichtungen sowie einer Arztpraxis das infrastrukturelle Rückgrat des gesamten Gebäudekomplexes bildet, befinden sich die einzigen, zusammenhängenden Grünflächen, die auch Kinder zum Spielen und Herumtollen einladen, zwischen dem Museum und der Liegenschaft der Bundestheater. Und obwohl das Arsenal im Vergleich zu anderen innerstädtischen Räumen über jede Menge Grün verfügt, so fehlt es doch an der notwendigen Infrastruktur. Sowohl Kinderspielplätze, von denen tatsächlich noch ein einziger (!) an der Rückseite des Heeresgeschichtlichen Museums besteht, als auch Sandspielkästen und ein Fußball- bzw. Basketballplatz wurden -wie auch Parkbänke und Springbrunnen - im Laufe der Jahre dem natürlichen Verfall sowie Vandalenakten preisgegeben. Darüber hinaus hat das Grün im Arsenal immer wieder aufgrund im Parkbereich abgehaltener Veranstaltungen, im Rahmen derer Autos, Panzer und andere Gefährte auf den Freiflächen des Arsenals abgestellt werden und das Parkgebiet als Freiluftmuseum herhalten muss, zu leiden. Zusätzlich sorgen Pläne für einen Um- bzw. Ausbau des Museums für Ungewissheit in Bezug auf die noch vorhandenen Grünflächen.

Verkehrstechnische Erschließung contra Grün-Ruhe-Lage
Um den Grünraum im hinteren Arsenalbereich ist es nicht viel besser bestellt. Die städtebaulichen Entwicklungen im näheren Umfeld (Hauptbahnhof, Sonnwendviertel, Aspanggründe) führten auch im Arsenal dazu, dass Renovierungen im Altbestand vorgenommen und mehrere Dachgeschossausbauten im hinteren Arsenalbereich in Angriff genommen wurden. Nach Fertigstellung der Dachausbauten sollen zwar wiederum Grünflächen zur Ausgestaltung gelangen, die derzeitigen Planungen von Park- und Abstellmöglichkeiten (Carboards, Parkgaragen), die die angespannte Parkraumsituation, die sich durch die Errichtung zusätzlichen Wohnraumes weiter zuspitzt, entschärfen sollen, werden dabei mit Argusaugen verfolgt. Auch die rings um den Komplex in Bau bzw. im Planungsstadium befindliche verkehrstechnische Erschließung, in Zusammenhang mit der Verbauung der Aspanggründe und der Errichtung des Hauptbahnhofs, hat unmittelbare Auswirkungen auf das Arsenal. Der Ausbau des Autobahnanschlusses „Landstraßer Gürtel" und der Franz-Grill-Straße, in Zusammenhang mit der Schaffung einer neuen Straßenanbindung zwischen dem 3. und 10. Wiener Gemeindebezirk (Südbahnhofbrücke), wurde bzw. wird demnächst in Angriff genommen, wodurch aufgrund der Lärmentwicklung sich die Lebensqualität im südöstlichen Arsenalbereich verringern wird. Im Westen des Arsenals wird der Hauptbahnhof ähnliche Schattenseiten mit sich bringen. Es bleibt in diesem Zusammenhang zu hoffen, dass die geplante Verlängerung der Ghegastraße in Richtung Favoriten tatsächlich nur für Radfahrer, Fußgänger sowie öffentliche Verkehrsmittel geöffnet wird - die Politiker des Bezirkes werden auch an diesem, bei diversen Veranstaltungen gegebenen Versprechen gemessen werden.
Quo vadis, Arsenal?
Die ohne Frage zu erwartenden, positiven Konsequenzen der Revitalisierung des Arsenalumfeldes durch Hauptbahnhof, Eurogate und Sonnwendviertel, hinsichtlich der Versorgungssituation mit Einkaufsmöglichkeiten sowie öffentlicher Einrichtungen und Verkehrsanbindungen, bieten den BewohnerInnen des Arsenals durchaus neue Perspektiven, zugleich sollte jedoch auch auf das einmalige Bauensemble des Arsenals behutsam Rücksicht genommen werden, denn ein zunehmend verbautes, inmitten einer Verkehrshölle gelegenes Areal ist nicht gerade das, was sich gegenwärtige bzw. zukünftige BewohnerInnen für die Zukunft des Wiener Arsenals wünschen. (Leserkommentar, Philipp Georg Greilinge, derStandard.at, )

Philipp Georg Greilinger (geb. 1984), aufgewachsen und wohnhaft im Arsenal, studierte Politikwissenschaft und Geschichte an der Universität Wien und arbeitet derzeit an seiner Dissertation über das Wiener Arsenal in der Zweiten Republik (Institut für Politikwissenschaft, Betreuer Univ.-Doz. Dr. Johann Wimmer)

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