Zwischen Eigeninitiative und Vereinnahmung

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Information:Kulturrisse,
herausgegeben von der IG Kultur Österreich, erscheint mindestens vier
mal im Jahr und versteht sich als Zeitschrift für radikaldemokratische
Kulturpolitik. In unregelmäßiger Folge erscheinen auf
derStandard.at/Kultur ausgewählte "Textspenden".
Das Heft Nr. 03/2012 titelt mit "Widersprüche der kreativen Stadt". Bestellungen im Büro der IG Kultur Österreich oder
 per e-Mail unter office@igkultur.at,
 Einzelpreis: 6,- EUR, Jahresabo: 22,- (Stud. 17,-)
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    Information:
    Kulturrisse
    , herausgegeben von der IG Kultur Österreich, erscheint mindestens vier mal im Jahr und versteht sich als Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik. In unregelmäßiger Folge erscheinen auf derStandard.at/Kultur ausgewählte "Textspenden".

    Das Heft Nr. 03/2012 titelt mit "Widersprüche der kreativen Stadt". Bestellungen im Büro der IG Kultur Österreich oder per e-Mail unter office@igkultur.at, Einzelpreis: 6,- EUR, Jahresabo: 22,- (Stud. 17,-)

Wiener Kunstprojekte im Kontext städtischer Erneuerungsprozesse

Kunstprojekte stellen einen relevanten Akteur in Erneuerungsdynamiken dar, ihre Effekte auf die Attraktivierung des öffentlichen Freiraums und die bauliche Verdichtung sind meist nur in Einzelfällen als direkte Wirkungen zu bewerten. In der Bündelung unterschiedlicher Interessen und der Integration strategischer Bündnispartner kann davon ausgegangen werden, dass von Kunstprojekten ein erheblicher Erneuerungsimpuls für das umgebende Grätzel ausgeht. Die Vereinnahmung und Reduktion der Kunst im öffentlichen Raum auf einen bloßen Imagefaktor für den umgebenden Stadtraum bildet eine zentrale Kritik an Projekten der new public art (vgl. Jacob/Brenson/Olson 1995). Auf den Missbrauch künstlerischer Projekte als Vermarktungsinstrument und Aufwertungsvehikel wird dabei fokussiert. Die künstlerische Bearbeitung des Ortes gerät demzufolge zur dekorativen Behübschung, deren (gesellschafts-)kritisches Potenzial wenig Bedeutung erlangt. Mit der new genre public art wird versucht, dieses Potenzial zu aktivieren, indem der Künstler bzw. die Künstlerin zum/zur KulturarbeiterIn wird, wodurch über Kommunikation und Diskursstimulierung zur Produktion sozialer Räume, Identitäten und Netzwerke beigetragen wird (vgl. Lewitzky 2005).

Auf Basis der Erkenntnisse des Forschungsprojektes Kunst macht Stadt (vgl. Rode et al. 2009) skizziert dieser Artikel das Verhältnis von Wiener Kunstprojekten und Prozessen der Stadterneuerung und stellt einige Ansatzpunkte zur Diskussion, um der Interaktion von Kunst und Stadtraum mehr Gewicht zu verleihen. Im Rahmen von Kunst macht Stadt wurden vier Kunstprojekte (SOHO in Ottakring, Wolke 7, Aktionsradius Augarten und cultural sidewalk) untersucht. Das Projekt wurde von der Stadt Wien (MA50 und MA18) finanziert und im Verlag für Sozialwissenschaften publiziert. Wesentliche Teile des vorliegenden Artikels entstammen dieser Publikation.

Positionierung von Kunstprojekten im urbanen Kontext

Künstlerische und kulturarbeiterische Praxen sind in den urbanen Kontext in unterschiedlicher Weise eingebettet. Je nach Intention des einzelnen Kunstprojekts sind die Beiträge in das Spannungsfeld aus Aufwertung und Selbstermächtigung verschieden zu bewerten und zu quantifizieren. Aus der Bearbeitung der Fallbeispiele im Forschungsprojekt Kunst Macht Stadt lassen sich folgende Positionierungen von Kunstprojekten idealtypisch unterscheiden:

Widerständige Kunst: In dieser Tradition stehende Projekte richten sich direkt gegen drohende Verschlechterungen der städtebaulichen Infrastruktur, wobei besonders öffentliche Freiräume und Verkehr Gegenstände der Auseinandersetzung sein können. Der Kunst kommt dabei eine gesellschaftskritische Aufgabe zu, die ihre Freiheit zur Realisierung gelebter Utopien nutzt und damit die pragmatische Rationalität politisch-administrativer Entscheidungen konterkariert. Der konkrete Beitrag des Kunstprojekts liegt in der Erhaltung bzw. Attraktivierung des öffentlichen Freiraums. In der Umsetzung erfolgt meist eine Bündnisbildung mit Anrainerinitiativen, die für eine Verbesserung ihres Wohnumfeldes eintreten. Der Effekt dieser Projekte ist meist punktuell und auf die konkreten Maßnahmen bezogen.

Festivalkunst: Diese Projekte beziehen sich in ihrer Intention weniger stark auf die Verhinderung von Verschlechterung, als die Nutzung einer Möglichkeit. In diesem Sinne sind sie als unternehmerische und weniger als politische Projekte zu verstehen. Demgemäß sind auch ihre intendierten und nicht-intendierten Wirkungen auf die Erneuerungsdynamik abhängig von zahlreichen weiteren Faktoren. Die Bündnisbildung erfolgt tendenziell mit institutionellen und ökonomischen Partnern, deren Interessen durch die künstlerische Produktion eines Möglichkeitsraums bedient werden. Daraus können immer wieder Interessenskonflikte entstehen, wenn Kunst von den Bündnispartnern zum Vehikel reduziert und vereinnahmt wird. Diese Kunstprojekte leisten einen atmosphärischen Beitrag zur Erneuerungsdynamik: Durch die intensive Nutzung und Bespielung des öffentlichen Raums wird die Vision einer vitalen Urbanität realisiert, und die Außenwahrnehmung des Quartiers erfährt einen vor allem medial getragenen Wandel. Beide Faktoren tragen mittelbar zur Erneuerungsdynamik bei, einerseits zu einem gesteigerten Bewusstsein gegenüber dem Wert und der Nutzung öffentlicher Freiräume, andererseits zu einer gesteigerten Verwertbarkeit der Quartiersadresse aufgrund des Imagewandels. In der Umsetzung leistet das Kunstprojekt daher einen Beitrag zur Attraktivierung des bestehenden öffentlichen Raumes, wobei hier auch eine Kommerzialisierung stattfinden kann. Die gesteigerte Verwertbarkeit des Quartiers führt zu Verdichtungen - sowohl der Nutzung, indem Leerstände und untergenutzte Objekte vitalisiert werden, als auch der baulichen Dichte, indem gewidmete Baulücken und Brachflächen bebaut, sowie Altbauten saniert und aufgestockt werden. Der Effekt dieser Kunstprojekte fokussiert auf zentrale Orte des Quartiers und kann sich bei entsprechender institutioneller Unterstützung auf das ganze Quartier erstrecken.

Kunst als Strategie in Erneuerungsprojekten: Die Intention liegt bei dieser Positionierung auf dem Beteiligungs- und Aktivierungsaspekt. Kunst wird als strategisches Instrument gesehen und kommt in die Nähe einer Dienstleistungsfunktion. Dementsprechend sind diese Projekte auch beauftragt und verfolgen mehr oder weniger eng formuliert die Intention einer Erneuerungsdynamik. Die Charakterisierung der Bündnispartner folgt in einem Auftragsverhältnis einer anderen Logik, sodass von einem professionalisierten Verhältnis zum Zielpublikum bzw. zu den KlientInnen gesprochen werden kann. Bei entsprechender Präsenz und Projektdauer können sowohl der öffentliche als auch der private Freiraum attraktiviert, wie auch die Nutzungsdichte erhöht werden. Eine bauliche Verdichtung findet entkoppelt vom Kunstprojekt statt. Verantwortlich dafür sind die Eigentümerstrukturen und die meist zu geringe Projektlaufzeit, die nicht dem Trägheitsmoment baulicher Erneuerung entspricht. Räumlich konzentriert sich der Effekt dieser Kunstprojekte auf die zentralen Orte des Quartiers mit einer geringen Strahlkraft in das Hinterland.

Spannungsfeld aus Vereinnahmung und Selbstermächtigung

Aus diesen Befunden lassen sich AkteurInnen erkennen, die ihre unmittelbaren Interessen an Kunstprojekte stellen, um deren Potenzial zur Erneuerung und Prozessdynamisierung direkt nutzbar zu machen. Aufgrund der oftmals prekären Ausstattung in finanzieller, personeller und struktureller Hinsicht sind Kunstprojekte oftmals auf das Eingehen von Allianzen angewiesen. Dies bedeutet noch nicht automatisch eine Vereinnahmung des Projektes durch externe - möglicherweise verwertungsgeleitete - Interessen, skizziert aber das Spannungsfeld, mit dem sich Kunstprojekte im Kontext der Stadterneuerung konfrontiert sehen. Welche Strategien können nun angewandt werden, um im Spannungsfeld aus Vereinnahmung und Prekarisierung, Selbstermächtigung und Fremdbestimmung zu agieren?

Strategien und Bündnisbildungen

Für eine erfolgreiche Positionierung im urbanen Kontext sind ein intensives Zusammenspiel mit anderen AkteurInnen und Institutionen sowie eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Strategien und Maßnahmen notwendig: Die Einbindung der lokalen AkteurInnen, ihre Vernetzung und die Etablierung des Kunst- und Kulturprojektes als eigener Netzwerkknoten stellen einen Faktor für den kurzfristigen wie für den langfristigen Erfolg eines Projektes dar. Die Einbettung, Aktivierung und Entwicklung des sozialen Netzwerks ist insbesondere für die Nachhaltigkeit eines erfolgreichen Projektes relevant. Dafür sind ressourcenintensive Arbeiten auf der ortsbezogenen Mikroebene notwendig. Die soziale Netzwerkbildung wird von partizipativ angelegten Kunstprojekten stark gefördert.

Eine soziale Verankerung im Quartier stellt einen positiven Faktor für die Nachhaltigkeit eines Projektes dar. Die Beantwortung der Frage, auf welcher Ebene diese Verankerung passiert, bildet die planerische Positionierung einer künstlerischen Strategie. Analog zur Unterscheidung von Strategie und Taktik bei temporären Nutzungen (vgl. Arlt 2006) kann sich auch eine künstlerische Entwicklung verorten: Sind genügend Ressourcen und Entscheidungskraft vorhanden, um eine Strategie umzusetzen - oder müssen kurzfristig sich ergebende Möglichkeiten ausgenutzt und mit lokalem Wissen geschmiedete taktische Allianzen gebildet werden, um den urbanen Kontext zu bearbeiten?

Die Kombination unterschiedlicher Kunstformen und -formate ermöglicht es, verschiedene Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Damit Kunst ihr ganzes Potenzial an Aktivierung, Beteiligung und Integration entfalten kann, sind das Zusammenspielen und die Ergänzung durch unterschiedliche Formen von Kunst maßgeblich. Damit wird die vorhandene soziale Dichte eines Stadtraums nicht nur als Substrat für die künstlerische Bearbeitung oder als exotisches Kolorit für die Standortvermarktung begriffen, sondern als kooperative Partnerin, auf deren Bedürfnisse eingegangen werden muss, um ihre Potenziale zu aktivieren.

Die Kooperation mit Wirtschaftstreibenden und Immobilienentwicklern hat sich in einigen Projekten als tragfähig und befruchtend für beide Seiten erwiesen. Der wirtschaftliche Profit aus künstlerischen Aufwertungsprojekten kann als Motivation für eine substanzielle Beteiligung und Förderung durch diese Branchen gesehen werden. Nach Maßgabe einzelner Projekte kann beispielsweise das Zurverfügungstellen räumlicher Ressourcen für die künstlerische Bespielung in Erwägung gezogen werden.

Bei der Förderung von bottom-up Initiativen besteht das Spannungsfeld zwischen der künstlerischen Kritik an den herrschenden Zuständen und der erwarteten Förderung durch jene Strukturen, die sich für diese Zustände verantwortlich fühlen. Durch die Einbindung strategischer PartnerInnen - seien es Einzelpersonen oder Institutionen aus dem politisch-administrativen oder aus dem ökonomischen Bereich - in die Struktur von Kunstprojekten kann ein starkes commitment dieser strategischen Partner erreicht werden. Das gegenseitige Verständnis als kooperierende PartnerInnen kann die Dichotomie zwischen Kritik und Verwaltung auflösen.

Wenn Kunstprojekte als strategisches Instrument für die Quartiersentwicklung eingesetzt werden, dann würde als nächster Schritt die Entwicklung und Integration künstlerischer Methoden und Strategien in die stadtteilplanerische Arbeit notwendig sein. Dieser Schritt birgt einige offene Fragen und benötigt wesentliche Abgrenzungen: Eine Integration künstlerischer Arbeit sollte nicht nur inhaltlich und thematisch, sondern auch personell erfolgen. Wie jedoch kann die Abgrenzung des künstlerischen Leistungsumfanges erfolgen? Bis zu welchem Grad kann Kunst als Dienstleistungsanbieterin gesehen werden, und welche Aufgaben übernimmt sie dann, die nicht auch ein/e PlanerIn übernehmen kann? Zentral ist jedenfalls eine Gleichstellung der Expertisen, auch wenn unterschiedliche Erfolgsfaktoren angelegt werden. (Philipp Rode, Kulturrisse - Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik, Heft 3/2012, in Kooperation mit derStandard.at/Kultur)

Literatur
Arlt, P. (2006): Stadtplanung und Zwischennutzung. in: Haydn, F. / Temel, R. (Hg.) (2006): Temporäre Räume - Konzepte zur Stadtnutzung. Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser.

Jacob, M. J./Brenson, M./Olson, E. (Eds.) (1995): Culture in action. a public art program of Sculpture Chicago. Seattle: Bay-Press.

Lewitzky, U. (2005): Kunst für alle? Kunst im öffentlichen Raum zwischen Partizipation, Intervention und neuer Urbanität. Bielefeld: transcript.

Rode, P./Wanschura, B./Kubesch, C. (2010): Kunst macht Stadt - Vier Fallstudien zur Interaktion von Kunst und Stadtquartier. Wiesbaden: VS-Research.

Philipp Rode ist Landschaftsarchitekt und Stadtforscher, lebt in Wien und ist in Forschung und Lehre an der Universität für Bodenkultur tätig sowie Partner von zwoPK Landschaftsarchitektur.

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