Die Casa Rocca Piccola in Valletta

Große Geschichte durch den Filter heiterer Gelassenheit: Die Weltsicht dieser Insulaner ist ansteckend

Il-Maltija, ein Tanz, ist das Titelstück einer CD, die in der Casa Rocca Piccola verkauft wird. Wer sich durch die Sammlung maltesischer Volksmusik hört, erhält einen Wegweiser zur Seele des Inselvolkes, verdichtet im letzten Stück Il-Mithna (Die Windmühle): Das Leitmotiv stimmt erwartungsvoll, aber es wird plötzlich von einem gelassen-beschwingten Grundrhythmus abgelöst, der das ganze Lied trägt.

Große Geschichte, eingebettet in eine unaufgeregte, leicht melancholische Weltsicht, die sich über die Jahrhunderte an diesem Schnittpunkt der Kulturen entwickelt hat, im Wissen um das Vergängliche und das Bleibende: Das ist es wohl, was den besonderen Reiz des Landes der drei Inseln (Malta, Gozo, Comino) ausmacht.

Diese Geschichte findet sich verdichtet in der Casa Rocca Piccola in der zentralen Republic Street von Valletta, oder Triq Ir-Repubblika, wie sie in der aus einem arabischen Dialekt entstandenen maltesischen Sprache heißt. Nicholas de Piro D'Amico Inguanez, 9. Baron von Budach und 9. Marquis de Piro, ist das Familienoberhaupt. Die geschäftlichen Agenden hat er seinem Sohn übergeben, aber die Führungen durch das Museum, das einen Großteil des Hauses umfasst, sind weiterhin seine Sache.

Und dieser Aufgabe widmet er sich mit einer Mischung aus Empathie, Nonchalance und Selbstironie. Wenn es etwa um die Herkunft eines kostbaren Schrankes mit massiver Holzeinlegearbeit geht: "Wir wissen nicht, wie er in den Besitz unserer Familie gelangte. Und wir strengen uns nicht sehr an, es zu erfahren."

Die Familie: Sie besitzt das Haus seit 1918. Bevor sie 1990 nach Malta zurückkehrte und die Casa öffentlich zugänglich machte, hatte sie 14 Jahre im englischen Gloucestershire gelebt.

Das Haus: Seine knapp 450 Jahre alte Geschichte begann, nachdem die Kreuzritter des Johanniterordens 1565 die türkischen Invasoren vertrieben hatten: Der Bau einer imposanten Festungsstadt mit symmetrischem Grundriss (der jenen Manhattans vorwegnahm) war in Architektur gegossener Vormachtsanspruch des christlichen Okzidents. Don Pietro La Rocca, Admiral des italienischen Zweiges des Johanniterordens, begann mit dem Hausbau.

Auch die Familie De Piro hat italienische Wurzeln. Ihre Vorfahren kamen über Rhodos nach Malta - nicht der kürzeste Weg. Mit dem Erwerb der Casa in Valletta übernahmen die de Piros auch Landbesitz auf Gozo. Dort stand eine Kapelle an einem Platz, dem besondere positive Energie nachgesagt wurde. Nach einer Inspektion durch das Familienoberhaupt ließ die Familie anstelle der Kapelle eine Basilika errichten. Zum Dank schenkte der Bischof von Gozo der Marquise de Piro ein goldenes Ohrgehänge in feinster Filigranarbeit. Das trug sie ein einziges Mal, zur Einweihung der Basilika. Keine der Erbinnen hat es jemals angesteckt - aus Angst, dies könne Unglück bringen.

Den de Piros gehörte auch ein Palast in Mdina (von Medina, Arabisch für Stadt), der alten Hauptstadt Maltas. 2005 wurde er vom Metropolitan Cathedral Chapter erworben, einer kirchlichen Institution für Kulturstätten. Nach einer zehn Millionen Euro teuren Renovierung wurde der Palazzo de Piro jüngst wiedereröffnet: als Ort für Ausstellungen, Konzerte, Seminare und Kongresse und als Beispiel für nachhaltigen Kulturtourismus, den die maltesische Regierung forciert.

Keine Angst vor der Hölle

Aber das dominante katholische Element in Maltas repräsentativer Kultur wird in der Volkskultur auch selbstironisch konterkariert, etwa auf bedruckten Geschirrtüchern mit folgender Botschaft: Man muss sich nur um zwei Dinge sorgen: Entweder man ist gesund, oder man ist krank. Wenn man gesund ist, kein Grund zur Sorge. Wenn man krank ist, muss man sich nur um zwei Dinge sorgen: Entweder man wird gesund, oder man stirbt. Wenn man gesund wird, kein Grund zur Sorge. Wenn man stirbt, muss man sich nur um zwei Dinge sorgen: Entweder man kommt in den Himmel oder in die Hölle. Wenn man in den Himmel kommt, kein Grund zur Sorge. Aber wenn man in die Hölle kommt, wird man so vielen Freunden die Hände schütteln müssen, dass keine Zeit für Sorgen bleibt.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass die Malteser ihr berühmtes Kreuz nicht nur mit Stolz, sondern auch mit Humor tragen. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Album, 27.10.2012)

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