"Sandy" hinterlässt Spur der Verwüstung an der US-Ostküste

30. Oktober 2012, 09:54
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Mindestens 15 Tote - Notstand in neun US-Staaten - Dammbruch in New Jersey - Sechs Millionen ohne Strom

USA/Kanada - Supersturm "Sandy" ist mit voller Wucht auf die US-Ostküste geprallt. Mit Windstärken von 130 Kilometern pro Stunde und starkem Regen traf sein Zentrum am Montagabend im Süden des US-Staats New Jersey in der Nähe von Atlantic City auf das Festland. Das Nationale Hurrikan-Zentrum stufte ihn zwar nunmehr als posttropischen Wirbelsturm ein, das machte ihn aber nicht weniger gefährlich: Seine Böen hatten immer noch Hurrikan-Stärke.

Mindestens 15 Tote

In den USA und Kanada wurden bisher mindestens 15 Menschen getötet. Die meisten der Opfer kamen durch umstürzende Bäume ums Leben, hieß es am Montagabend in US-Medien und von den Behörden. Tote habe es in den Bundesstaaten New York, New Jersey, Maryland, Pennsylvania, West Virginia und North Carolina gegeben. In der kanadischen Metropole Toronto starb nach Polizeiangaben eine Frau.

Mindestens fünf Menschen wurden im Staat New York getötet. Darunter war ein 30-jähriger Mann, der im Stadtteil Queens von einem Baum erschlagen wurde. Nahe New York wurden in Westchester nach Behördenangaben zwei Kinder von einem Baum getötet, der das Dach eines Wohnhauses durchschlug.

Dreimaster vor Küste gesunken

In Morris County in New Jersey starben zwei Menschen, als ein Baum auf ihr Fahrzeug stürzte. In Pennsylvania kam ein Mensch durch einen umfallenden Baum und ein weiterer beim Einsturz eines Hauses ums Leben. In Maryland und West Virginia wurden zwei Frauen bei Autounfällen getötet.

Vor der Küste von North Carolina sank infolge des Sturms ein Dreimaster. Während 14 der 16 Besatzungsmitglieder per Hubschrauber aus ihren Rettungsbooten geborgen werden konnten, kam für eine 42-jährige Frau jede Hilfe zu spät, sie wurde am Abend von der Küstenwache leblos aus dem Atlantik geborgen. Der 63-jährige Kapitän der 1962 für einen Filmdreh gebauten "HMS Bounty" wurde weiter vermisst.

Dammbruch in New Jersey

In zahlreichen Städten standen Straßen unter Wasser. Bei mehr als sechs Millionen Menschen fiel der Strom aus. Die Behörden wiesen mehr als eine Million Menschen an, küstennahe Gebiete zu verlassen. Nach Angaben des Stromversorgers Consolidated Edison könnte es bis zu eine Woche dauern, bis alle Kunden wieder am Netz sind.

Im Norden des Bundesstaats New Jersey ist ein Damm gebrochen, wodurch die Städte Moonachie, Little Ferry und Carlstadt bis zu 1,5 Meter überflutet wurden. Wie die Einsatzleiterein vor Ort berichtet, sind die Städte "verwüstet", Todesopfer wurden bisher nicht gemeldet. Auch die Spielermetropole Atlantic City in New Jersey wurde laut Berichten des Nachrichtensenders CNN schwer überflutet - mehr als 30.000 Einwohner wurden evakuiert.

Strom vorsorglich abgeschaltet

In New York und im benachbarten Westchester County waren fast 600.000 Menschen ohne Strom. Teilweise war der Strom vorsorglich abgestellt worden, zumeist versagte aber das Netz oder wurde durch umgestürzte Bäume unterbrochen.

In Breezy Point an der Südwestspitze des New Yorker Stadtteil Queens wurden mehr als 50 Häuser durch Feuer zerstört. Die Feuerwehr war dort mit 300 Leuten im Einsatz - siehe Video.

Rekordstände in New York

In New York stiegen die Pegelstände auf Rekordhöhen, damit wuchs die Gefahr größerer Überflutungen. Schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde die New Yorker U-Bahn: Sieben Schächte wurden überschwemmt, es handelt sich laut der Verkehrsbehörde MTA in diesem Bereich um die schlimmste Katastrophe in ihrer Geschichte. "Die New Yorker U-Bahn ist 108 Jahre alt, aber niemals war sie mit einer derart verheerenden Katastrophe konfrontiert, wie wir sie in der vergangenen Nacht erlebt haben", sagte Joseph Lhota, der Chef der Metropolitan Transportation Authority.

Die meisten überschwemmten U-Bahn-Tunnel befinden sich unter dem East River, der sich an der Halbinsel Manhattan entlangzieht, auf die heftige Regenfälle niedergingen. "Sandy" verursachte der MTA zufolge im gesamten U-Bahn-Netz Chaos, führte zu Stromausfällen und überschwemmte Busgaragen. Die New Yorker U-Bahn hatte ihren Betrieb am Sonntagabend vorsorglich unterbrochen.

Atomkraftwerke abgeschaltet

In New Jersey wurde das älteste Atomkraftwerk der USA, Oyster Creek, wegen des bedrohlich gestiegenen Wasserpegels abgeschaltet (siehe "Mittlerer Alarm in ältestem US-Atomkraftwerk"). Auch der Atommeiler Salem 1 am Delaware River im US-Bundesstaat New Jersey ist am Dienstag abgeschaltet worden. Wie der Betreiberkonzern PSEG mitteilte, waren zuvor vier der sechs Wasserkreislaufpumpen ausgefallen.

Im Staat New York wurde der Meiler Nine Mile One abgeschaltet, nachdem es zu Problemen bei der Stromübertragung gekommen sei, hieß es.

In einem New Yorker Umspannwerk gab es eine Explosion. Bilder zeigten am späten Montagabend einen gewaltigen Feuerball an der Anlage in der Lower East Side von Manhattan. Von Verletzten wurde zunächst nichts bekannt. Auch Berichte über eingeschlossene Arbeiter bestätigte der Stromversorger ConEdison nicht. Allein die Explosion, deren Ursache zunächst unklar war, schnitt 250.000 Menschen vom Strom ab.

Krankenhäuser evakuiert

Aus dem New Yorker Universitätskrankenhaus Tisch mussten mehr als 200 Patienten in andere Kliniken verlegt werden, nachdem dort das Notstromaggregat ausgefallen war.

Wegen "Sandy" haben zudem mehrere US-Ölraffinerien ihre Produktion eingestellt. Das führt dazu, dass die ohnehin hohen amerikanischen Lagerbestände an Rohöl weiter wachsen, was Druck auf die Ölpreise ausübt.

Großbaustelle bei Wolkenkratzer betroffen

Die Behörden evakuierten zudem die Umgebung der Baustelle eines 90-stöckigen Wolkenkratzers in der Nähe des Central Park: Nachdem die Spitze eines riesigen Krans in dem starken Wind zusammenbrochen war, bestand die Gefahr, dass sein ganzer Ausleger abstürzen könnte.

Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg forderte die Einwohner der Stadt auf, keinesfalls auf die Straße zu gehen. "Wo immer Sie gerade sein mögen: Bleiben Sie da!", sagte Bloomberg am Montagabend. Zugleich solle der Notruf nicht wegen Sachschäden oder leichter Verletzungen genutzt werden: "Rufen Sie nur an, wenn es um Leben und Tod geht."

Alltag steht still

"Sandy" gilt als einer der schwersten Stürme in der Geschichte der USA. Tausende Geschäfte bleiben auch am Dienstag geschlossen. Busse und Bahnen blieben vielerorts schon seit Sonntagabend in den Garagen, zahlreiche Flüge wurden gestrichen. Die Börsen an der Wall Street blieben am Montag erstmals seit 27 Jahren wetterbedingt geschlossen. Auch am Dienstag werden sie nicht öffnen. Zuletzt war der gesamte Handel nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingestellt worden.

Die Wetterbehörde sagte ein lebensbedrohliches Anschwellen des Sturmes, Böen in Hurrikan-Stärke an der Küste und heftige Schneefälle in den Appalachen voraus. Neun US-Staaten riefen den Notstand aus. Insgesamt dürften rund 50 Millionen Amerikaner von dem Sturm betroffen sein. Der Sturm dürfte nordwestlich weiterziehen und auch über die Großstädte Washington D.C., Baltimore und Philadelphia fegen.

Wahlkampf im Sturm

Der Sturm wirkte sich auch bereits auf den Endspurt zur US-Wahl am 6. November aus. Sowohl Präsident Barack Obama als auch sein Herausforderer Mitt Romney sagten mehrere Termine ab.

Obama rief seine Landsleute dazu auf, den Sturm ernst zu nehmen. Obama verzichtete eine Woche vor der Präsidentschaftswahl auf Kundgebungen, um das Krisenmanagement zu übernehmen. Das Land müsse gewappnet sein, sagte er und forderte die Bürger auf, den Evakuierungsanweisungen der Behörden Folge zu leisten. Obama stimmte die Amerikaner zudem auf tagelange Stromausfälle ein. Die Aufräumarbeiten würden länger dauern.

Romney kündigte inzwischen an, am Dienstag im besonders umkämpften Bundesstaat Ohio an einem Sturmhilfe-Event teilzunehmen. Die Veranstaltung werde in einer Sportarena in Kettering nahe der Stadt Dayton stattfinden.

Supersturm "Sandy"

Die Schäden durch den Sturm wurden bisher auf zehn bis 20 Milliarden Dollar geschätzt. Damit wäre "Sandy" eine der teuersten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA. Meteorologen zufolge handelt es sich bei "Sandy" um einen sehr seltenen Supersturm, bei dem arktische Luftströme sich um den aus den Tropen kommenden Wirbelsturm wickeln.

Die Kombination dieser beiden Wetterphänomene ist schon gefährlich genug. Doch über dem Festland droht der Zusammenschluss mit einem dritten Sturm, der sich aus dem kalten Norden Kanadas aus nähert. Dadurch würde der Sturm sich nur noch langsam bewegen und relativ lange über der Region toben. Die Folge könnten sintflutartige Regenfälle sein. In den Höhenzügen könnte bis zu ein Meter Schnee fallen. Zwischen Auge des Sturms und seinen entferntesten Ausläufern liegen mehr als 800 Kilometer - ein enormes Ausmaß, für das "Sandy" als einmalig eingestuft wird.

Bei seinem Zug durch die Karibik hatte der Hurrikan in den vergangenen Tagen bereits 67 Menschen getötet. (APA, 30.10.2012)

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    In Breezy Point im Südwesten des New Yorker Stadtteils Queens sind zahlreiche Häuser bis auf die Grundmauern abgebrannt.

    Ansichtssache
    Bilder der Zerstörung nach Tropensturm "Sandy"

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    Eine Straße in Manhattan bei der Con-Edison-Elektrizitätsanlage steht unter Wasser.

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    In einer Station der S-Bahn Port Authority Trans Hudson in Hoboken, New Jersey, dringt Wasser durch einen Liftschacht ein.

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    Im Bild die Explosion im Umspannwerk an der New Yorker Lower East Side, die für weitere Stromausfälle sorgte. Insgesamt waren Millionen Menschen im Land wegen "Sandy" ohne Strom.

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    New Yorks Skyline ist bis auf wenige Notbeleuchtungen dunkel.

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    Stromleitungen zerbarsten auch in Queens und setzten Bäume in Brand.

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    Sturm "Sandy" zum Zeitpunkt seines Auftreffens an der US-Ostküste

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    Überflutungen in New Jersey.

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    Ein umgestürzter Baum an der 7th Street in New York, nahe Avenue D.

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    Die New Yorker Feuerwehr in Schlauchbooten auf dem Weg zu einem Rettungseinsatz.

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    Überflutungen in der 14th Street.

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