Die Zukunft des Spitzenduos

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  • Villachs Derek Ryan führt derzeit mit 25 Zählern die Scorerwertung der EBEL an und punktete bei 15 von 16 Einsätzen.
    foto: apa/eggenberger

    Villachs Derek Ryan führt derzeit mit 25 Zählern die Scorerwertung der EBEL an und punktete bei 15 von 16 Einsätzen.

  • Trainer Tommy Samuelsson und seine beiden gefährlichsten Offensiv-Waffen, Benoît Gratton & François Fortier.
    foto: apa/pessenlehner

    Trainer Tommy Samuelsson und seine beiden gefährlichsten Offensiv-Waffen, Benoît Gratton & François Fortier.

  • Nach 16 Runden: So lange lagen die zwölf Klubs in ihren Spielen in Führung (grün) bzw. in Rückstand (rot).
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    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Nach 16 Runden: So lange lagen die zwölf Klubs in ihren Spielen in Führung (grün) bzw. in Rückstand (rot).

Nach einer enttäuschenden letzten Saison führen Wien und Villach derzeit die Tabelle der EBEL an. Die Analyse in unserem Eishockey-Blog

Sowohl beim Villacher SV als auch bei den Vienna Capitals ging die Spielzeit 2011/12 als eine der enttäuschendsten in die jeweilige Klubgeschichte ein, wodurch sich beide Vereine zu einem weitreichenden Umbau ihrer Teams gezwungen sahen. Dieser kann an der Donau wie auch an der Drau als gelungen betrachtet werden, nach 16 Runden führen Capitals und VSV die Tabelle der Erste Bank Eishockey Liga an. Die Formkurven zeigen jedoch in verschiedene Richtungen.

Budget effektiv genutzt

Nach einem "Pleitejahr historischen Ausmaßes" blieb in Villach kaum ein Stein am anderen, gleich 17 der 33 eingesetzten Spieler bekamen während oder nach der letzten Saison den Laufpass. Die Abgänge von zehn Legionären und des bestbezahlten Österreichers im Team schufen große Freiräume im Budget, die von der VSV-Führung vornehmlich zur Verpflichtung von Spitzenkompetenz genutzt wurden. Dass dabei die Schaffung einer angemessenen Kaderbreite auf der Strecke blieb, wird Villach in der laufenden Spielzeit jedoch noch zu spüren bekommen. Vorerst wird dieses potentielle Problem an der Drau von der Freude über echte Glücksgriffe - Hughes, Lamoureux, Ryan, Pretnar - überlagert, seit Jahren haben die Adler am Transfermarkt nicht mehr so erfolgreich agiert wie heuer.

Schnelle Angriffe als Primärwaffe

Die Neuzugänge haben die spielerische Klasse, speziell jene der Offensive, enorm gehoben, nach der torärmsten Saison der Klubgeschichte ist Villach in diesem Jahr bisher das treffsicherste EBEL-Team. Allerdings kommt der VSV primär über rasch vorgetragene Angriffe, fußend auf der eisläuferischen und technischen Stärke seiner Topstürmer, zum Erfolg. Steht ein Gegner kompakt und zwingt das Team von Trainer Järvenpää ins Positionsspiel, büßen die Adler maßgeblich an offensiver Durchschlagskraft ein. Besonders augenscheinlich wird dies in klassisch eher statischen Spielsituationen wie dem Powerplay, nur Ljubljana und Graz brauchen mehr Zeit bei numerischer Überlegenheit als der VSV (9:24 Minuten), um zu einem Treffer zu kommen. Abgesehen vom Ableger auf die blaue Linie ist der Ideenreichtum enden wollend, zu häufig verlieren die nicht von überragender Physis geprägten Angreifer die Scheiben in den Ecken.

Fehlende Konsequenz

Die enorme Steigerung des offensiven Outputs und ein (wenngleich aktuell gesperrter) Torhüter von Format federten bisher auch die Auswirkungen unzureichender Konsequenz in der Defensivarbeit ab. Villachs dichte Abwehrreihen, die sich im Vorjahr im ligaweit niedrigsten Gegentorschnitt niederschlugen, sind heuer durchlässiger geworden, auch weil Imports wie Cole oder Hotham hinsichtlich der Arbeit in der eigenen Zone keinen gänzlich optimalen Saisonstart hinlegten. Altmann und Pretnar setzen zwar offensive Ausrufezeichen, in Sachen Kompaktheit und Kompromisslosigkeit fehlt jedoch noch einiges auf jene Standards, für die der VSV traditionell bekannt ist.

Noch kein großer Wurf

Der starke Saisonstart mit Punktgewinnen in 13 der 16 Partien - 2011/12 erreichte man diese Marke erst nach 28 Spielen - sorgte für Euphorie, die durch die Rückkehr des in der NHL ausgesperrten Michael Grabner zusätzlich befeuert wurde. Die geradlinige und wenig variable Spielanlage werden jedoch zunehmend mehr Gegner entzaubern können. Der weitere Saisonverlauf wird wesentlich davon abhängen, wie gut das stark umgebaute Team mit häufiger werdenden Niederlagen umgehen kann. Durchschlagendem Erfolg bis in den April hinein steht wohl das schmale Personalgerüst im Weg, Villach spielt jedoch erstmals nach vielen Saisonen wieder sehr erfrischendes Eishockey und kann bereits in der ersten Spielzeit des selbst auferlegten Fünf-Jahres-Plans jedem Gegner in der Liga erhebliche Probleme bereiten - auch über eine gesamte Play-Off-Serie hinweg.

Kadertiefe

Während der Tabellenführer in 14 der bisher 16 Runden Villach hieß, haben aktuell die Vienna Capitals den Platz an der Sonne inne. Wie in der Draustadt basiert der momentane Erfolg auch in Kagran auf einer geglückten Restrukturierung der Mannschaft inklusive vorangegangener Adaptierung der Kompetenzverteilungen im sportlichen Bereich. Besetzten die Capitals ihr Team in den letzten Jahren eher nach aus Offensivstatistiken abgeleitetem (angenommenem) Unterhaltungswert, standen heuer Rollenbilder im Fokus und diese ausfüllende Akteure ganz oben auf der Liste (siehe "Wiens Suche nach dem Meisterteam"). Bezahlt gemacht hat sich die daraus resultierende Kadertiefe bereits: Obwohl die Wiener in den ersten Wochen der Saison insgesamt neun Verletzte zu beklagen hatten, fuhren sie bei 16 Auftritten 13 Siege ein.

Zenit noch nicht erreicht

Der souveräne Start ins Spieljahr zeugt vom großen Potenzial, das in der Capitals-Mannschaft 2012/13 steckt, denn mit Ausnahme des Torhüterduos Zaba/Weinhandl agiert das gesamte Team noch deutlich unterhalb des Leistungszenits. Trotz eines isoliert betrachtet suboptimalen Spielaufbaus aus der Abwehr heraus inklusive häufiger unerzwungener Scheibenverluste dominiert Wien seine Gegner über so weite Strecken des Spiels, dass sich die Fehler nur selten am Scoreboard niederschlagen. Wenn der Kader in den kommenden beiden Wochen auf unter 60 Punkte beschnitten wird, sich also die vorläufigen Konturen des Teams nach der ligaweiten Try-out-Phase abzeichnen, wird Trainer Samuelsson seine Bemühungen betreffend Minimierung der Fehlerquote verstärken, werden die Capitals damit wohl noch gefestigter.

Special Teams deutlich stärker

Bereits wesentlich verbessert hat der schwedische Coach die Ausrichtung seiner Über- und Unterzahlformationen, im Vorjahr zwei der zentralen Schwachstellen der Donaustädter. Sowohl im Powerplay (6:55 Minuten pro Tor, Rang zwei) als auch im Penalty Killing (alle 8:37 Minuten ein Gegentreffer, Rang vier) gehören die Capitals zu den stärksten Teams der Liga.

Größtes Qualitätsmerkmal der Wiener ist allerdings die Kompaktheit der Mannschaft, in der vor einem der besten Torhütergespanne der EBEL Verteidiger wie Stürmer ihre Defensivaufgaben gewissenhaft erfüllen. Dies schlägt sich speziell im Spiel bei numerischem Gleichstand am Eis nieder, in dem man in 16 Runden mit einem Saldo von +13 bilanzierte und lediglich 17 Gegentore kassierte. Zum Vergleich: Bei Verfolger Villach waren es mit 34 doppelt so viele, Meister Linz musste in Even Strength-Situationen gar schon 50 Treffer hinnehmen.

Duell der Spitzenreiter

Aktuell spricht wenig dagegen, dass Wien in dieser Saison sehr lange an der Tabellenspitze mitspielen wird. Beweisen die Verantwortlichen beim punkteregelbedingten Beschneiden des Kaders ein ähnlich gutes Händchen wie bei den Transferentscheidungen im Sommer, bleibt nur das noch nicht ausgeschöpfte Scoring-Potenzial in der Mehrheit der Angriffslinien als Fragezeichen. Diesbezügliche Aufschlüsse liefert vielleicht schon der kommende Freitag, wenn mit dem VSV das zweite dominierende Team der ersten 16 EBEL-Spieltage in der Schultz-Halle zu Gast sein wird. (Hannes Biedermann, derStandard.at, 30.10.2012)

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