"Super-Felix" Baumgartner über Sport und Diktatur

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    foto: apa/herbert neubauer

    Felix Baumgartner

Sportlicher geht's nicht, aber ein Finanzbeamter wird das erst begreifen, wenn ganz Österreich "eine gemäßigte Diktatur" ist

So ungerecht ist die Welt: Da lässt "Die Presse" von einer gewiss kompetenten Jury "Die Österreicher des Jahres" wählen, und wer ist nicht darunter? Ausgerechnet der "Österreicher des Jahrhunderts", wie er vom in solch maßvollen Beschreibungen gewiss nicht weniger kompetenten Boulevard schon geehrt wurde, fehlt unter den Ausgezeichneten. Dabei hätte er sich nach seinem mutigen Selbstversuch in der Kategorie Wissenschaft einen Platz verdient, gelang ihm doch mit seinem Sprung aus der Stratosphäre der Nachweis, dass sich das Durchbrechen der Schallmauer mit dem Kopf schädlich auf das darin befindliche Gehirn auswirkt. Kaum war der von "Österreich" zum "All-Helden" verklärte Red-Bull-Vertreter "wieder in der Heimat", der er sich als Steuerzahler vorsichtshalber schon vor seinem Sprung entzogen hatte, nämlich in Salzburg, trat er mit der Erkenntnis an die Öffentlichkeit: "Du kannst in einer Demokratie nichts bewegen. Wir würden eine gemäßigte Diktatur brauchen, wo es ein paar Leute aus der Privatwirtschaft gibt, die sich wirklich auskennen." Dafür wurde ihm die höchste Auszeichnung zuteil, die einem Irdischen überhaupt zuteil werden kann: Er wurde als "neuer Schwarzenegger gefeiert", was nur billig ist, berief er sich doch für seine politische Weisheit ausdrücklich auf das "Beispiel Schwarzenegger".

Dem ist es zwar nicht gelungen, Kalifornien in "eine gemäßigte Diktatur" zu verwandeln - da ist Erwin Pröll in Niederösterreich besser -, aber wenigstens als Terminator hat er sich bemüht, etwas zu bewegen. Die "Kronen Zeitung" wartete Sonntag mit einer leicht abgewandelten Ruhmesreihe auf. "Mozart, Schwarzenegger - und jetzt er! 'Teufelskerl' Felix Baumgartner reiht sich bei den Österreichern ein, die auf der ganzen Welt berühmt sind." Wo bleibt da Hitler? Mozart kam als Kleingewerbetreibender zwar nicht aus jenen Kreisen der Privatwirtschaft, die gemäßigte Diktatoren hervorbringen, aber was hätte mit einem Förderer wie Dietrich Mateschitz aus ihm werden können! An Mateschitz-Streichquartetten könnten wir uns heute ergötzen, die "Jupiter" - hieße heute "Red Bull"-Symphonie, und als Schweizer Steuerbürger wäre er aller materiellen Sorgen enthoben gewesen, glaubt man seinem Nachfahren, dem österreichischen "All-Helden".

Das mit seinem Heimatwechsel konnte er in "Österreich" ebenso schlüssig erklären wie seinen Bedarf an "gemäßigter Diktatur". "Das hat steuerliche Gründe. Weil es in Österreich schwierig ist. Man hat keine Sicherheit, was die Steuern betrifft. In der Schweiz hat man die Möglichkeit, sich mit dem Finanzminister zu einigen. Nicht so mit einer Maria Fekter. Da muss man Unterlagen auf den Tisch legen und weiß, woran man ist. In Österreich ist es das nicht, da gibt es immer Finanzbeamte, die meinen, das, was ich mache, ist kein Sport."

Die halten Limonadenwerbung, nur weil sie mit Menschenleben spielt, nicht für eine olympische Disziplin! Der österreichische Finanzbeamte ist anders als sein Kollege in der "gemäßigten Diktatur" Schweiz für seine Borniertheit bekannt. Der glaubt noch immer, Sport habe etwas mit Gesundheit und Frohsinn zu tun. Dabei wurden vor Baumgartners Luftsprung ohnehin alle Vorkehrungen in diesem Sinne getroffen. Zwar: "Hätte die Technik versagt", wie "Heute" unter dem Titel "Super-Felix: 'Wir brauchen eine gemäßigte Diktatur'" begeistert berichtete, "wäre Baumgartner binnen 15 Sekunden gestorben, weil 'die Flüssigkeit im Körper zu kochen beginnt'. Aber keine Angst, "auch für diesen Extremfall war in der Live-Sendung vorgesorgt: 'Die Kameras wären sofort abgeschaltet worden. Und ein Pressetext war vorbereitet. Ich habe meine eigene Todesnachricht abgesegnet.'"

Sportlicher geht's nicht, aber ein hiesiger Finanzbeamter wird das erst begreifen, wenn ganz Österreich "eine gemäßigte Diktatur" ist. Mindestens ein Anwärter wäre schon vorhanden.

Dass es dem Gehirn nicht guttun kann, mit dem Kopf durch die Schallmauer zu rauschen, erwies sich auch, als "Super-Felix" in einem Atemzug erklärte, wegen des Mangels an "gemäßigter Diktatur" nicht in die Politik gehen zu wollen, aber ein Angebot von Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon, "Uno-Botschafter für die Jugend" zu werden, überaus zu schätzen. "Ja, ich will Uno-Botschafter werden", jubelte er in der "Krone". Bei den vielen mehr oder minder "gemäßigten Diktaturen", die der Uno angehören, wird er dort mit seinen Ideen gewiss Anhänger finden. Wenn nur die Jugend der Welt nicht auf Red Bull verzichten muss. (Günter Traxler, DER STANDARD, 30.10.2012)

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