"Trauer hat keinen Platz in unserer Gesellschaft"

Interview |
  • Thomas Nagy, Gründer von TrauerWeile.
    foto: rainer friedl

    Thomas Nagy, Gründer von TrauerWeile.

Thomas Nagy, Gründer von TrauerWeile, hilft Menschen beim Trauern: Er übernimmt, wenn die Bestatter ihr Werk vollendet haben

3.500 Menschen, die Hilfe in Anspruch genommen haben, 180.000 vertriebene CDs, zwei Dutzend Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre als Wegbegleiter dabei waren: Das sind die Eckpunkte von TrauerWeile, einem Unternehmen, das Thomas Nagy im Jahr 2004 gegründet hat. Dessen Ziel ist, beim Trauern zu helfen. Denn Trauer ist keine Krankheit, wie Nagy im Interview mit derStandard.at erklärt, sondern nur die natürliche Reaktion auf Abschied und Verlust.

derStandard.at: Wie gehen Sie damit um, permanent von Trauer umgeben zu sein?

Nagy: Die allgemeine Meinung ist, dass es belastend und schmerzvoll ist. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich finde diese Arbeit sehr kraftgebend, lehrreich und konstruktiv, weil ich noch nie erlebt habe, dass irgendetwas hoffnungslos gewesen ist. Menschen entwickeln unglaublich kreative Strategien, um mit dieser Trauer gut umzugehen.

derStandard.at: Es zieht Sie nicht runter?

Nagy: Dass wir uns auf diese Geschichten nicht einlassen, ist Teil unserer Arbeit. Es kommt immer wieder vor, dass Leute erzählen, dass sie froh über den Tod von jemandem sind, weil es eine Erlösung ist oder aus welchen Gründen auch immer. Dieses Gefühl der Befreiung kann man aber der Verwandtschaft nicht sagen. Das im geschützten Rahmen loszuwerden hat eine unglaublich heilsame Wirkung.

derStandard.at: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich der Trauerarbeit zu widmen?

Nagy: Das war wohl so etwas wie Schicksal. Ich bin im Sommer 2003 in der Sonne gelegen, goldenes Augustlicht, und habe mir gedacht, wenn der Sonnenschein so schön ist wie dieses Licht, muss man sich nicht fürchten. Ähnlich wie bei Nahtod-Erlebnissen. Ich habe mir überlegt: Wie reagieren Freunde und Familie auf Tod und Trauer? Niemand ist darauf vorbereitet. Dann habe ich mich näher damit auseinandergesetzt. Ein riesiges Tabuthema. Leute werden mit ihrer Trauer alleine gelassen. Ich wollte diesen Menschen beistehen. Zuerst ist eine CD erschienen, in weiterer Folge sind dann Gesprächsrunden in der Gruppe und Einzelgespräche dazugekommen.

derStandard.at: Gibt es einen Trauerfall, einen persönlichen Hintergrund, warum Sie die Trauergespräche initiiert haben?

Nagy: Es war kein Todesfall oder ein anderes traumatisches Erlebnis, sondern im Grunde einfach nur die goldene Sonne im August 2003. Ein kleiner, zweiter Impuls ist von einem Bestatter gekommen, bei dem ich mir damals ein Motorrad gekauft hatte. Er hat viel über seinen Job erzählt. Über diese Konstellation ist die Beschäftigung mit dieser Thematik entstanden.

derStandard.at: Wie ist aus der Beschäftigung mit dem Thema das Geschäft entstanden?

Nagy: Durch Gespräche mit der Bestattung Wien hat sich meine Vermutung bewahrheitet, dass es kaum Unterstützung gibt, damit Betroffene mit Tod, Trauer und Schmerz umgehen können. Ein Bestatter ist nur bedingt geschult, um beistehen zu können. Bis zum Begräbnis sind die Leute ganz gut eingebettet, aber danach ist niemand da. Viele fallen in ein sehr tiefes Loch. Freunde, Familienmitglieder und Angehörige sind nach einer gewissen Zeit wieder weg. Man ist mit seiner Trauer alleine, denn Trauer hat keinen Platz in unserer Gesellschaft.

derStandard.at: Also zum damaligen Zeitpunkt eine Marktlücke?

Nagy: Ich war sicher nicht der Allererste, der Trauergespräche angeboten hat. Es gibt ja etwa den Hospiz-Bereich. Allerdings in dieser Form, mit einer CD, mit Gesprächsrunden existiert bis heute nichts Vergleichbares in Österreich. Was mich wundert, denn normalerweise werden Dinge, die gut laufen, schnell kopiert. Dieses Thema dürfte noch immer tabuisiert und mit Berührungsängsten verbunden sein, auch für Psychologen und Coaches.

derStandard.at: Welche Ausbildung ist für das Metier notwendig?

Nagy: Mit Werbepsychologie kommt man nicht weiter. Ich habe ein Masterstudium zu systemischem und konstruktivistischem Coaching gemacht, um lösungsorientiert arbeiten zu können. Die Trauer ist ja eine Notwendigkeit und keine Krankheit, deswegen gibt es keine Patienten, sondern nur gesund trauernde Menschen. Ich habe Seminare besucht, NLP-Ausbildungen gemacht, sehr viel darüber gelesen. Es ist wichtig zu wissen, was zum Wesen der Trauer gehört. Auf der anderen Seite braucht es jede Menge Selbsterfahrung. Es geht nicht nur um die Oma, die in Frieden einschläft, sondern man ist mit Kindstoden, Unfällen, Gewaltverbrechen konfrontiert. Eine gute Abgrenzung, um auf seine Seelenhygiene zu achten, ist enorm wichtig.

derStandard.at: Wie laufen die Trauergespräche ab?

Nagy: In der Gruppe beginnt das zumeist damit, dass ich eine Geschichte über einen verstorbenen Menschen erzähle, eine Kerze anzünde und die Teilnehmer bitte, auch eine Kerze anzuzünden. Danach geht es einfach darum, die Leute sehr direkt nach ihren Gefühlen zu fragen, wie lange der Todesfall zurückliegt und so weiter. Über verschiedene Gesichter und verschiedene Phasen der Trauer zu reden. Der Trauerexperte bin nicht ich, sondern die Leute, die diese Gefühle erleben. Mir ist es wichtig, ihnen zu vermitteln, dass es normal ist, so zu reagieren. Dass sie sich trauen, es auszusprechen.

derStandard.at: Also einfach über die Gefühle reden?

Nagy: In Einzelgesprächen zeigt sich das noch viel deutlicher. In unserer Gesellschaft scheint es stark verankert zu sein, dass man über einen Toten nichts Schlechtes sagen soll. Allerdings war oftmals Gewalt oder Alkoholmissbrauch im Spiel. Menschen mit Licht und Schatten eben. Viele haben Hemmungen, mit Verwandten über die schlechten Seiten zu reden, weil man das nicht macht. In einem anderen Rahmen fällt das leichter. Es hat eine sehr befreiende Wirkung.

derStandard.at: Ein psychotherapeutischer Ansatz?

Nagy: Es ist zweifellos ein Setting, das die Selbstheilung aktiviert und Hilfe bietet. Es ist auch eine spirituelle Begleitung, wobei ich großen Wert darauf lege, dass wir frei von allen Religionsgemeinschaften agieren und politisch unabhängig sind. Ich arbeite mit Muslimen genauso wie mit Buddhisten und Christen.

derStandard.at: Sind das einmalige Sitzungen oder zieht sich der Trauerprozess über Monate?

Nagy: Die Bestattung Wien bietet es zum Beispiel regelmäßig an. Jeden zweiten Monat kann man zu Gruppensitzungen kommen, Einzelgespräche werden nach Vereinbarung abgehalten. Es gibt mittlerweile mehrere Möglichkeiten und Standorte, etwa in Klosterneuburg, Judenburg und Neunkirchen. Es sind Bestatter in ganz Österreich, mit denen wir zusammenarbeiten. Wir bilden sie auch aus, um diese Trauergespräche anders führen zu können.

derStandard.at: Sie arbeiten also im Auftrag der Bestattung Wien?

Nagy: Ja, der Hintergrund ist ein sehr profaner. Der Letztkontakt mit dem Bestattungsunternehmen ist normalerweise die Rechnung. Die Idee ist, dass man sie danach noch betreut. Bis zum Begräbnis geht es den Leuten noch einigermaßen gut, weil sie im Schockzustand sind, weil sie funktionieren müssen. Danach kommt das Loch, und wenn sie hier wenigstens eine CD als Begleitung und Hilfestellung haben, ist das schon etwas wert. Der Bestatter ist dann nicht nur derjenige, der ihnen das Geld wegnimmt, sondern er wird zum Begleiter und Problemlöser.

derStandard.at: Wie viel kostet die Teilnahme an diesen Sitzungen?

Nagy: Bestattungsunternehmen bieten das kostenlos an. Nur die Einzelgespräche kosten 70 Euro pro Stunde. Hier kommen die Leute ein- bis dreimal, um sich alles von der Seele zu reden. Es wird ihnen nicht das Geld aus der Tasche gezogen.

derStandard.at: Weil Sie sagen, dass Sie einen religionsübergreifenden Ansatz pflegen: Spielt der Glaube beim Tod nicht eine wichtige Rolle?

Nagy: Es geht um den Glauben, wer oder was den Menschen wichtig ist, und nicht um meine Überzeugung oder den Glauben meines Teams. Ich will keine Religionskriege. Wir haben oft erlebt, dass plötzlich der Streit da war, wenn der Glaube zur Sprache gekommen ist. Welches ist das richtige Weltbild? Meine Haltung ist, dass alles richtig ist, solange es dem Klienten Kraft und Überzeugung gibt.

derStandard.at: Nehmen Sie die religiöse Komponente bewusst aus den Gesprächen?

Nagy: Ich rede gerne über den muslimischen Glauben, über Gott oder Buddha und so weiter, wenn es wichtig ist, aber meine Leute und ich haben hier keinen Missionsauftrag. Wir sind offen für alle Religionen.

derStandard.at: Es braucht also ein Basiswissen, wie die verschiedenen Religionen mit dem Tod umgehen?

Nagy: Genau, damit muss man sich beschäftigen. Jede Religion hat faszinierende Seiten, und ich maße mir kein Urteil an, ob eine Religion besser oder schlechter ist. Es geht hier um Respekt und Wertschätzung für unsere Klienten.

derStandard.at: Gibt es große Unterschiede im Umgang mit Trauer?

Nagy: Generell lässt sich sagen, dass es jenen, die an eine höhere Macht glauben, leichter fällt, damit umzugehen. Durch Studien etwa im Bereich der Hirnforschung ist das belegt. (Oliver Mark, derStandard.at, 30.10.2012)

Thomas Nagy arbeitete als Journalist, Pressesprecher und in der Werbebranche. 1995 gründete er die Agentur Nagy's Kommunikation, 2004 entstand TrauerWeile.

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