Interventionen auf österreichisch

Kommentar | Michael Völker, 29. Oktober 2012, 18:12

Das Geschäft mit den Nachrichten: Natürlich wird auch gedroht

Natürlich wird interveniert. Auch gedroht. Im ORF und anderswo. Üblicherweise ist das aber gar nicht notwendig. Es geht auch ohne anzurufen, ohne zu drohen. Bei manchen Redakteuren im Öffentlich-Rechtlichen funktioniert die Schere im Kopf in Eigenregie. Der vorauseilende Gehorsam als Teil der Job-Description, verinnerlicht durch jahrelange Übung.

Das wichtigste Schlachtfeld der politischen Interventionen findet sich am Küniglberg: Es ist das Fernsehen, das wichtigste Medium und das wirkungsvollste. Die Begehrlichkeiten aus der Politik treffen den ORF auch deshalb so wuchtig, weil er quasi der Republik gehört. Daraus ergibt sich für viele Politiker und deren Pressesprecher ein grundlegendes Missverständnis: Sie meinen, der ORF gehöre im übertragenen Sinne ihnen, sie könnten hier Eigentümerrechte geltend machen, auf das Objektivitätsgebot pochen, ganz subjektiv natürlich.

Interventionen passieren da ganz beiläufig, ohne Androhung von Konsequenzen. Man weiß ja, an wen man sich wenden muss. Viele Redakteurinnen und Redakteure sind politisch zuordenbar. Wer Karriere machen will, muss "verlässlich" sein. Rot, schwarz.

Kaum eine oder einer hält das Fähnchen der Unabhängigkeit hoch, das wird allzu oft als Mangel missinterpretiert: Da hat er keine Insider-Kontakte, kommt sie an keine Infos heran. Gehört nicht dazu. Ein paar wenige deklarierte Grüne und Freiheitliche gibt es übrigens auch. Und natürlich weiß auch ein Peter Pilz, wo er anrufen muss, wenn er vorkommen will.

Der Aufstand gegen die Bestellung von Niko Pelinka als Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hat offenbar vielen Mut gegeben, politische Einflussnahme nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Aber mittlerweile funktioniert das Geschäft mit den Nachrichten wieder reibungslos. Man kennt einander ja.

Ungeniert interveniert wird interessanterweise in der Austria Presse Agentur, kurz APA, die im Eigentum verschiedener österreichischer Medien steht und schon kraft dieser Eigentumsverhältnisse die Unabhängigkeit hochhält. Nach Schilderung von dort beschäftigten Kolleginnen und Kollegen versuchen sich bei der APA regelmäßig Politikvertreter ihr Mütchen zu kühlen, wenn sie eine bestimmte Berichterstattung einfordern oder verhindern wollen.

In Deutschland ist vergangene Woche ein CSU-Sprecher zurückgetreten, weil er bei einer ZDF-Informationssendung interveniert hat. Angeblich wollte er einen Beitrag über die SPD und deren Spitzenkandidaten, den Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, verhindern. In Österreich ist wegen solch dreister Interventionen noch niemand zurückgetreten. Im Gegenteil: Da würde dem forschen Sprecher im Kollegenkreis aufmunternd auf die Schulter geklopft.

Viel übler als die manchmal auch dümmlichen Drohungen sind aber jene Interventionen, die darauf abzielen, die wirtschaftliche Existenz von Medien anzugreifen. Der Verweis, man müsse in dieser Tageszeitung ja nicht mehr inserieren, erfolgt oft sehr subtil. Kann aber in der Tat sehr schmerzhaft sein, der STANDARD weiß das.

Es ist eine Vision: dass Politik eine Botschaft hat, dass Politiker etwas zu sagen haben, dass es Inhalte, Werte und Überzeugungen gibt, dass es eine Streitkultur gibt - und nicht nur Sprechblasen. Dann wären Interventionen hinfällig. (Michael Völker, DER STANDARD, 30.10.2012)

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"Vorauseilender Gehorsam"

ist das Schlimmste an diesem ganzen System. Die Mächtigen müssen sich gar nicht mit "echten" Interventionen abmühen oder Weisungen erteilen, die dokumentiert und daher angreifbar wären. Es reichen "Wünsche", Andeutungen und kleine Hinweise. Das andere besorgt die Schere im Kopf. Der vorauseilende Gehorsam ermöglicht einen fließenden Übergang zur Diktatur.

Gute Politik spricht für sich selbst

Könnte nicht jemand beim AMS für eine bessere Behandlung intervenieren und endlich diese Niedriglohnpolitik beenden?

Dann kommen die Wähler von ganz allein und die Medien können machen, was sie wollen.

Aber der chronische Geldmangel ist unerträglich und die schlechte Behandlung nach 4 Monaten ist nicht notwendig. Notwendig sind nur gute Arbeitsplätze und Geld zum Leben. Dann ist ein Siegeszug bei der Wahl sicher.

das frustrierende ist aber

dass es nicht reicht das produkt nicht zu konsumieren, denn man muss es kaufen. die privaten kann ich, wenigstens theoretisch, umbringen indem ich mir auch weiterhin keinen fernseher zulege ... aber der orf wird auch noch existieren wenn keiner mehr fernsieht.

Da wird immer von Pressefreiheit und Informationspflicht gefaselt. Da muss ich die Reporter und Reporterinnen ebenso in die Pflicht nehmen wie alle die sich MEDIEN nennen. Deckt solche Machenschaften auf und zwar ohne Wenn und Aber! Es ist Eure Pflicht und nur dann kann wieder von freier Berichterstattung gesprochen werden. Niemand hat das Recht die Zensur in Österreich einzuführen. Es kann natürlich auch der gut bezahlte Posten sein der so Manche davon abhält ihren Job zu machen.

wenn man das wirklich macht

so berichten, wie man berichten soll - von medien als "vierte säule der demokratie" nicht nur reden, sondern die verantwortung ernst nehmen, gerade wenn politik, verwaltung, justiz versagen - lassen einen auch die medienorganisationen und andere journalisten im stich, das interessiert dann weder den ÖGB noch reporter ohne grenzen, den ÖJC usw.
ich mache das - mit dem resultat, dass ich nur mehr rund 40 euro habe, weil ich brutal mit allen mitteln bekämpft wurde (von jemandem, der auch anderen sehr schadet und die möglichkeit zu schaden der SPÖ verdankt - die schweigt dazu "natürlich")
www.ceiberweiber.at
übrigens: man kann eine freie journalistin unterstützen, indem man kommentare von ihr veröffentlicht - hat der standard nie getan....

Toller Kommentar

so frustrierend auch dessen Inhalt ist. Danke

Danke sehr gut, jetzt nur noch über alle derartigen Unregelmässigkeiten bei ORF KOA BKS usw. berichten

Beispiel: Im Zentrum am vergangenen Sonntag.

pro Wehrpflicht:
Gen. Entacher und ein eigenartiger sogenannter Wehrpflichtbefürworter

pro Berufsheer:
Sektionschef Verteidigungsministerium
Redakteurin der Kleinen Zeitung
Wehrpflichtgegner

Diskussionsleiter : Peter Pelinka, der seine Einstellung pro Berufsheer oft "durchblicken ließ", um seine absolut parteiische diskussionsleitung vornehm zu beschreiben.

Also 4:2 in einer Sache, die laut Umfragen von der Bevölkerung etwa 1:1 beurteilt wird.

Wer von der SP-Zentrale hat da interveniert?

das eigentlich verwerfliche sind nicht die politiker, die intervenieren, das eigentlich verwerfliche ist, dass sie damit erfolg haben; dass im orf ein für den job völlig ungeeigneter generaldirektor wurde, weil er allen parteien einflussreiche pöstchen verschafft hat; dass er damit jeder politischen einflussnahme tür und tor geöffnet hat.
à propos: was ist eigentlich aus SOS-ORF und aus "rettet den ORF" geworden?

Immer zwei

Für diese Problematik sind immer zwei seiten verantwortlich. Der Geber und der Nehmer, der "Wünscher" und der Erfüller. Dass es in österreich so ist, ist ein Beweis dafür, dass beide Seiten dieselbe Qualität haben. Politik und Journalismus sind in Österreich absolut gleichwertig in der Qualität, nur dass eine Seitew glauibt, sie sei besser und der anderen überlegen....welch böser Irrtum

So ist es, und das wurd auch nciht vornagetrieben, vielleicht hülfe eine Rotationskultur in den Redaktionen.

.......Es ist eine Vision: dass Politik eine Botschaft hat, dass Politiker etwas zu sagen haben, dass es Inhalte, Werte und Überzeugungen gibt, dass es eine Streitkultur gibt - und nicht nur Sprechblasen. Dann wären Interventionen hinfällig.
(Michael Völker, DER STANDARD, 30.10.2012)

Placebos: verwechsle Wahrnehmung nicht Wirklichkeit ...

Neue Zweifel an der Wirkung von Antidepressiva:
Studien haben den Expertenstreit um die Wirksamkeit von Therapien gegen Depressionen neu entfacht. Kritiker glauben, dass Medikamente nicht mehr helfen als Behandlungen mit Placebos.

Die Parteien mit “Ihren“ Klub´s = Der Staat beschafft den verschiedenen Kapitalfraktionen die nötige Infrastruktur, bedient einflussreiche Leute...

Politiker sind - "nur an der Regierung, nicht an der Macht". Das Kapital stattet seine Verteidiger mit viel Geld, Repressionsmitteln, Medienmacht und Ideologieproduktion aus, um diesen Gedanken zu bekämpfen.

Es regiert das Kapital
Jedoch es regiert nicht selbst,
sondern lässt regieren...

Tja, in Österreich kann man sich aussuchen,

ob man Medien konsumieren will, in denen die Politik das Sagen hat - ORF.

Oder ob man Politik konsumieren will, in denen die Medien die Richtung vorgeben - Krone.

Naja aussuchen ist wohl übertrieben, man muss halt beiden hinnehmen.

Oder ich suche mir mehrere Zeitungen zusammen, oder gezielt einzelne Sendungen heraus.

Und lese vielleicht sogar Bücher aus Leih-Bibliotheken, oder gratis im Internet: www.gutenberg.spiegel.de

Eva Dichand: "Ich kann jederzeit jeden rausschmeißen!"

Eva Dichand über tendenziösen Journalismus, die Stadt Wien als Anzeigenkunden und was sie mit ihrem Mann, dem „Krone“-Chef, abends so bespricht.

http://goo.gl/Ir5nS

Der Verweis, man müsse in dieser Tageszeitung ja nicht mehr inserieren, erfolgt oft sehr subtil.

na solang's net mit Entzug der Presseförderung drohen ist die Welt ja noch halbwegs in Ordnung....

Besonders dreistes Bsp gefällig?

Wenn ein Magazin-GF von einem Inserenten mehr Kohle pressen möchte:
http://dietiwag.at/index.php... ghted=Echo
Beide Richtungen sind in unserem amikalen Land etabliert und kultiviert. Wir Leser können mitmachen oder nicht...

Die andere Richtung gibt es genauso

Rechtfertigt zwar nicht die Interventionsversuche der Politik, zeigt aber sehr wohl, wie die Politiker auf die Idee kommen, dass so etwas funktioniert.

Wenn erst einmal ein paar Journalisten ungeniert mit "gute Presse gegen teure Inserate" an einen herangetreten sind, entsteht schnell der Glaube an ein Recht auf Mitentscheidung.

Dabei ist der Politikteil der großen, "seriösen" Medien sicher noch ein eleganteres Pflaster im Vergleich zu dem, was sich auf der Ebene der Bezirks- und Branchenblätter abspielt.

Da können die PR-Abteilungen der Unternehmen nette Geschichten erzählen, was einem da alles von Inseratenkeilern an redaktionellen Inhalten versprochen oder angedroht wird.

Danke für dieses Stück Wahrheit, das muss noch öfters gesagt werden, auch wenns nicht jedem passt und das Befolgen dieser Ratschläge definitiv noch mehr Streit und Schreiereien in der Politik zur Folge haben würde- trotzdem wichtig, man muss mit der Hacke immer wieder die hart gewordene Gartenerde umgraben damit Sie wieder weicher wird!

interventionitis

wie man sieht, ist interventionitis kein österreichisches phänomen. allerdings bleibt es nur bei uns ohne irgendwelche konsequenzen.

Die "Schere im Kopf im Eigenregie" funktioniert auch beim "Standard" sehr gut. Ich weiß (aus seinem eigenen Mund), dass Kurt Palm 1999 dieser Zeitung einen Artikel angeboten hat, der die kurz bevorstehende NATO-Intervention gegen Serbien bzgl. Kosovo kritisierte. - Der Abdruck wurde ihm verweigert. Er passte nicht in das damals von allen (freilich nur in den USA und Mitteleuropa) Medien gezeichnete Bild der Schwarzweiß-Malerei, die Serben die Bösen, die Kosovaren die Opfer, Milosevic ist Hitler, das die NATO in monatelanger Propagandaarbeit aufgebaut hatte. Der "Standard" tat da wie alle anderen mit ...

Sie waren nie im Kosovo, gell?

und haben erlebt, wie die serbischen Milizen dort ethnische Säuberungen durchführen, Männer exekutieren und was Frauen und Kindern angetan wurde/wird möcht ich gar nicht schreiben, denn da hätten's heut eine schlaflose Nacht. Daheim im warmen Wohnzimmer schreibt sich's halt herrlich steril, nicht!

Es geht nicht darum, serbische Verbrechen zu leugnen, sondern darüber, wie einseitig die Berichterstattung damals war.

Haben Sie es erlebt? Erzählen Sie mir davon.

Also wenn man sich die Betriebsratswahlen anschaut sind da nicht viel schwarze sondern eine ziemlich Übermacht nach Rot.

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