Iran und Afghanistan Reibungspunkte mit den USA

29. Oktober 2012, 18:10
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Neu-Delhi ohne Präferenz bei Rennen ums Weiße Haus

Die US-Wahlen lassen die meisten Inder eher kalt. Zwar berichten die Zeitungen regelmäßig auf den Auslandsseiten über den Wahlkampf, doch leidenschaftliche Kommentare oder hitzige Debatten provoziert das US-Präsidentenspektakel bisher kaum.

Das ist wenig verwunderlich: Die aufstrebende Wirtschaftsmacht kann sowohl mit Amtsinhaber Barack Obama als auch seinem Herausforderer Mitt Romney leben. Der gutverdienenden indischen Diaspora in den USA sagt man zwar eine leichte Vorliebe für Romney nach, doch Delhi selbst lässt wohlweislich keine Präferenzen erkennen. Dazu ist Indiens Führung viel zu pragmatisch und diplomatisch.

Entsprechend unaufgeregt und distanziert verfolgt die mit 1,2 Milliarden Einwohnern zweitgrößte Nation der Welt den Wahlkampf in den USA, zumal die beiden Kandidaten in der Außenpolitik wenig Substanzielles zu bieten haben. Delhi geht davon aus, dass die US-Regierung ihre Indien-Politik im Grundsatz fortführt - egal, wer das Rennen macht.

"Politisch polygam"

Anders als der Westen ist Indien auch weniger auf die USA fixiert. Das hat historische Gründe. Während des Kalten Krieges gehörte Indien den blockfreien Staaten an und stand der Sowjetunion näher. Erst im vergangenen Jahrzehnt taute das lange unterkühlte Verhältnis zu den USA wieder auf. Indien, scherzte der Politiker Shashi Tharoor jüngst, sei heute "politisch polygam". So sieht Delhi die USA zwar als einen Schlüsselpartner an, aber versteht dies nicht als exklusive Beziehung. Im Geiste einer multipolaren Außenpolitik pflegt es auch enge Bande zu anderen Staaten.

Vom neuen US-Präsidenten erhofft sich Delhi, dass er die Beziehung zu Indien weiter vertieft, die Zusammenarbeit zum Beispiel bei der zivilen Nutzung von Kernenergie ausbaut und insbesondere den Indern weiter ermöglicht, in Amerika zu arbeiten und zu studieren. Auf Interesse stoßen auch die Äußerungen der Kandidaten zum Outsourcing, das lange Indiens Wirtschaftboom speiste.

Allerdings wurmt die statusbewussten Inder schon, dass ihr Land im US-Wahlkampf keine Rolle spielt. Pikiert stellte das Onlinemagazin Firstpost fest, dass die beiden Kandidaten in ihrem Rededuell zur Außenpolitik Indien mit keinem einzigen Wort erwähnten. Das Magazin fragte sich, ob Indien für die USA an Bedeutung verloren habe. Dagegen wertete die Times of India dies als positives Zeichen dafür, dass die Beziehung weitgehend glattlaufe.

Zu den Reibungspunkten zwischen den USA und Indien gehört die Iran-Politik. Indien hat traditionell gute Beziehungen zum Iran und bezieht zum Unmut der USA von dort weiter Öl. Obgleich Delhi Irans Atomprogramm ablehnt, hält es die harte Linie der USA gegen Teheran und die Sanktionen des Westens eher für kontraproduktiv und setzt auf die Überzeugungskraft stiller Diplomatie.

Ein weiterer Fokus ist die Afghanistan-Politik. Washington drängt Delhi, eine größere Rolle am Hindukusch zu spielen. Für Delhi ist dies ein Balanceakt. Einerseits will es nicht in einen Stellvertreterkrieg mit Pakistan rutschen. Andererseits fürchtet es, dass Afghanistan wieder den Taliban in die Hände fällt. (Christine Möllhoff, DER STANDARD, 30.10.2012)

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