Studie beleuchtet Gewalt bei Pflegeeltern

29. Oktober 2012, 17:35
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Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch waren in der Nachkriegszeit nicht nur in Kinderheimen, sondern auch in Pflegefamilien präsent. Ein von der Stadt Wien beauftragtes Team der FH Campus Wien soll die Zustände untersuchen

Wien - Wenn die Untersuchung über Missbrauch im Kinderheim Wilhelminenberg Ende Mai 2012 vorliegt, soll auch eine weitere, gerade startende Studie weitestgehend abgeschlossen sein. Darin geht es um einen Bereich, der bei Aufarbeitung der Gewalt in Kinderheimen nur gestreift wird: die Situation bei Pflegeeltern in der Nachkriegszeit, wo oft Gewalt, Ausbeutung und miserable hygienische Zustände herrschten.

Die Stadt Wien hat bei der Fachhochschule Campus Wien diese Studie in Auftrag gegeben. Gabriele Ziering von der MA 11 bestätigte am Montag einen entsprechenden Ö1-Bericht. Darin hatte eine Frau geschildert, dass sie als Pflegekind sexuell missbraucht und ausgebeutet worden sei. Das Jugendamt habe dabei weggesehen.

Elisabeth Raab-Steiner vom Studiengang "Sozialraumorientierte und klinische soziale Arbeit" leitet die bis Mai/Juni laufende Studie, die zwölf qualitative Interviews mit Betroffenen vorsieht - keine repräsentative Stichprobe. Untersucht wird der Zeitraum zwischen 1955 und 1970. Diese Woche wird Raab-Steiner Details mit dem Weißen Ring besprechen.

Bei der Opferschutzorganisation haben sich bisher 128 Personen gemeldet, die auch bei Pflegeeltern untergebracht waren. Dass Kinder ausschließlich in Pflegefamilien lebten, sei die Ausnahme gewesen, führte Weißer-Ring-Sprecherin Erika Bettstein aus.

Viele hätten darunter gelitten, dass sie von einer Institution zur nächsten gereicht wurden. Die genannten 128 Kinder beispielsweise seien an insgesamt 859 verschiedene Stellen gekommen. Bei Pflegeeltern erlebten 40 Prozent von ihnen Gewalt. Wie vielen sexuellen Übergriffe widerfuhren, wisse man derzeit nicht.

Pflegeeltern mit zehn Kindern

Die Empfehlung dazu, die Situation in Pflegefamilien zu untersuchen, kam von Reinhard Sieders Heim-Historikerkommission. Sie hat die Gewalt in Erziehungsheimen der Stadt Wien untersucht und dazu im Juni 2012 den Endbericht vorgelegt, in dem beispielsweise steht, dass es oft " Großpflegefamilien" gab, die bis zu zehn Pflegekinder aufnahmen. Motive dafür dürften das Pflegegeld und die Arbeitsleistung der Kinder gewesen sein. Fürsorgerinnen hätten Kinder oft "völlig verlaust und verwanzt, bettnässend und einkotend" vorgefunden.

In Wien herrschte akuter Mangel an Pflegeplätzen - die aber eine billige Alternative zu den Kinderheimen darstellten. Viele Kinder wurden daher vor allem bis in die 1970er-Jahre zu Familien im ländlichen Raum geschickt, insbesondere in den burgenländischen Bezirk Jennersdorf und in den südsteirischen Bezirk Radkersburg. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 30.10.2012)

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