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Die "Parsifal"-Zeitreise: Regisseur Philipp Stölzel schickt Wagner-Figuren durch diverse Epochen. Auch die Gegenwart ist dabei.
Dass schon beim Vorspiel der Vorhang hochgeht, ist selbst beim Parsifal längst nicht mehr ungewöhnlich. Auch dieses Hauptwerk des Wagner-Kultes ist von der Aura des Kunstreligiösen befreit und längst von Regisseuren nach allen Kunstregeln mit und vor allem gegen den Strich gebürstet worden - selbst in Bayreuth.
Wenn man aber, wie jetzt in Berlin, ein lebendes Bild geboten bekommt, das erst Jesus am Kreuz zeigt, dann wie er stirbt, wie der Landsknecht ihm mit dem Speer in die Seite sticht, wie das Blut im Kelch aufgefangen und der tote Heiland vom Kreuz genommen wird und sich Kundrys Gesicht zu einem höllischen Lachen verzerrt, dann staunt man nicht schlecht.
Da scheint plötzlich das Haus an der Bismarckstraße mitten in Oberammergau zu liegen. Zwischen den beiden Pappmascheefelsen (von Regisseur Philipp Stölzl und von Conrad Moritz Reinhardt) und in den Kreuzritterzeitkostümen von Kathi Maurer bleibt's auch im Wesentlichen bei dieser Optik. Und das ist nicht ironisch gemeint, schon gar nicht, wenn zur Gralsenthüllung Massen von sich geißelnden Gläubigen aus der Schlucht quellen und, nach dem erzwungenen Vorzeigen des Blutkelches von religiösem Eifer beherrscht, hasserfüllt losmarschieren. Stölzl nimmt die Geschichte so sehr beim Wort wie lange niemand. Dabei stellt er auch die Szenen als Bilder nach, von denen berichtet wird. So sieht man immer das, wovon man gerade hört. Ob da die heiligen Utensilien Speer und Kelch in die Obhut von Titurel gelangen oder Klingsor sich selbst kastriert.
Im zweiten Aufzug hat sich der Bühnenboden nach unten geöffnet, aber die Reise geht nicht in ein imaginäres Unterammergau, sondern gleich bis zu den Azteken, jedenfalls bis zu einem exotischen Priester-Klingsor, der sich zwar von seinen Zauberfrauen auslachen lassen muss, aber jungen Männern bei lebendigem Leibe das Herz herausschneidet. Im dritten Aufzug dann ist das Tempelportal wieder verschwunden und die Gralsburg auf dem Felsen zur Ruine geworden. Eine Straßenlaterne über dem heiligen Tümpel und eine Ansammlung erstarrter Menschen verweisen auf eine postapokalyptische Zukunft. Vergangenheit und Zukunft werden kurzgeschlossen.
Nur der Schlips- und Anzugträger Parsifal kommt immer noch aus der Gegenwart oder sieht zumindest danach aus. Am Anfang staunt er über den ganzen Selbstgeißelungs- und Erlösungszauber, dann kämpft er feste mit, metzelt, was sich ihm in den Weg stellt, nieder und ersticht Klingsor am Ende von hinten. Schade, dass Stölzl ausgerechnet da, wo eigentlich der große Bühnenzauber mit dem schwebenden Speer und dem großen Untergang angesagt ist, mit einer Billiglösung kneift.
Im dritten Akt dann wirkt Parsifal so, als stünde er neben sich. Er tauft nicht Kundry, sondern die rettungsbedürftigen Gralsbewohner, die beim Karfreitagszauber mit Fanatismus auf Kundry zustreben, sie ergreifen und mit dem Kopf unter Wasser fast zu Tode taufen. Amfortas schließlich rammt sich den Speer beim Versuch Parsifals, die Wunde zu schließen, selbst in den Leib. Wenn die Massen schließlich in Verzückung die Hände dem enthüllten Gralskelch aufs Neue entgegenstrecken, wendet sich Kundry ab, versucht zu fliehen und erstarrt in einem stummen Lachen.
Applaus für Sänger
Stölzl kommt mit seiner ungewöhnlichen Sicht den Ritualen so nah, dass er so wieder den Raum für Distanz schafft. Das Publikum reagiert geteilt, bei den Sängern jubelt es. Am nachvollziehbarsten war das für Thomas Johannes Mayers Amfortas. Natürlich singt Klaus Florian Vogt mit seiner strahlenden Höhe einen imponierenden Parsifal, aber er ist doch mehr ein Lohengrin. Beim Jubel für Matti Salminen schwang der Respekt vor der Legende mit.
Dem Klingsor des spielfreudigen Thomas Jesatko kommt das Festspielhaus in Bayreuth noch mehr entgegen als die Deutsche Oper. Und Evelyn Herlitzius ist als Kundry Geschmackssache. Donald Runnicles schließlich blieb - nach der Uhr - mit eins vierzig für den ersten Aufzug bei den flotteren Parsifal-Dirigenten, gefühlt aber bei den langsameren. Das Orchester brauchte, um in Form zu kommen. Es fand sie dann aber doch. (Joachim Lange, DER STANDARD, 30.10.2012)
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