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Die Film-Kumpels Albrecht Schuch (Humboldt; links) und Florian David Fitz (Gauß) vor einem Stückchen vermessener Welt.
Erst war "Die Vermessung der Welt" ein Buch, das ein begeistertes Echo ebenso wie Kritik an inhaltlichen Fehlern hervorrief - aber ohne Frage ein enormer Bestseller-Erfolg. Mittlerweile ist Daniel Kehlmanns Roman über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt als Kostümschinken verfilmt worden. Den ersten Reaktionen nach dürfte die Filmversion den kommerziellen Erfolg des Buchs vermutlich nicht einholen.
Humboldt-Experten standen der "Kehlmannisierung", wie es in einer Aussendung der Universität Potsdam heißt, ohnehin skeptisch gegenüber. Den Filmstart sehen sie aber immerhin als Chance, dass zumindest ein Teil der Leser bzw. Kinogänger Interesse "nicht an den hysterischen, sondern an den historischen Figuren" Humboldt und Gauß entwickeln könnte. Zu diesem Anlass erscheint ein Sonderdossier der Internationalen Zeitschrift für Humboldt-Studien "HiN - Humboldt im Netz", in dem sich unter anderem der Romanist Ottmar Ette von der Uni Potsdam mit "Alexander von Humboldt in Daniel Kehlmanns Welt" beschäftigt.
Ette schreibt unter anderem von einem "sattsam bekannten Abzieh-Bild" Humboldts, dessen Kehlmann sich bedient habe, von banalisierendem Umgang mit dem eigenen historischen Erbe und vom Ausblenden von Fakten, die das Bild des Naturforschers - durch Kehlmann laut Ette zum "literarischen Vollidioten" gemacht - relativieren würden. Ettes wortgewaltige und dementsprechend vergnüglich zu lesende Betrachtung zum "großen Erfolg dieses kleinen Romans" finden Sie hier:
-->Ottmar Ette: "Alexander von Humboldt in Daniel Kehlmanns Welt"
(red, derStandard.at, 29. 10. 2012)
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Vom Niveau her erinnerte mich der Film ziemlich stark an die Erhardt-Filme der 1950er und 1960er Jahre, nur dass hier die GANZE Welt offensichtlich nur aus Trotteln und Blödianen zu besteht: Gauß, Humboldt, Kant und alle anderen werden entweder als dement (Kant) oder als "ulkige Figuren" dargestellt. Das Ganze wird dann noch mit solchen "Gags" wie die der Darstellung der Harninkontinenz von Humboldt oder das Ziehen des falschen Zahnes bei Humboldt durch einen Schmied im Urwald angereichert.
Wer sich bei solcherart Humor auf die Schenkel klatschen kann bzw. einmal Gauß beim Oralsex mit einer Prostituierten sehen möchte, für den ist diese "Komödie" sicherlich genau das Richtige. Für alle anderen: 2 h verschwendete Lebenszeit!
Das problem, dass ich habe, ist eben, dass ich nicht glaube, dass kehlmann schlecht recherchiert hat - so schlecht kann man garnicht recherchieren, und humboldts persönlichkeit geht ja aus seinen briefen, die ediert sind und die kehlmann auch kennt, klar hervor. Das problem ist, dass er humboldt aus der sicht eines konservativen ideologisch wertet wie es schon die reaktionären preussischen hofschranzen in den 1840er und 1850er Jahren gemacht haben.
Beispiel dafür, ich habs unten schon erwähnt: Dass humboldt sklaven freigekauft hat geht aus seinen briefen und aufzeichnungen hervor. Dass die garnicht frei sein wollten ist eine erfindung des konservativen kehlmann, mit der er den liberalen humboldt als idioten hinstellt.
Der historische Humboldt hat sich zwar immer für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt. Er hat aber nie Sklaven freigekauft. Er hat auch nie, was Kehlmann immer wieder - auch in nicht-literarischen Texten - behauptet, gesagt, "die zweitgrößte Erniedrigung des Menschen sei die Sklaverei, die größte aber die Behauptung, er stamme vom Affen ab". Vgl. dazu: http://www.uni-potsdam.de/u/romanis... 5/holl.htm
kehlmann hat ja kurz nach dem erscheinen seines buches gesagt, dass es ihm auch darum ging, über den verlust der poesie durch zuviel wissenschaft zu schreiben.
mich hat das damals von der lektüre abgehalten - ich finde, dass neugier und entdeckerlust als triebfedern der menschheit für mindestens genauso viel poesie verantwortlich sind wie glaube und blindes staunen.
ich hab heuer im sommer versucht, das buch dann doch noch zu lesen, weil ein freund es mir so nachhaltig empfohlen hat, fand aber keinen grund, mich drin zu verlieren.
Fand das Buch sehr gut. Die Bergbesteigung, wo beide irgendwann zu spinnen anfangen. Humboldts Hund, wie er ihm bei den Messungen aufmerksamst über die Schulter schaut. Derselber, der später gewissermaßen der toteste Hund überhaupt oder so ähnlich ist. Sein Gedicht, kurz und prägnant und mit "und bald werde man tot sein" endend. Einfach lustig von Anfang bis Ende, unter meinen Favoriten. Die falsche Darstellung der Hauptpersonen ist tatsächlich ein Problem, aber nciht Kehlmanns.
nur leider hat kehlmann selber kräftig an seinem image als genau recherchierender und daher eher faction als fiction schreibender gelehrter gearbeitet - wohl, um seinem (literarisch jetzt nicht so überwältigenden) buch ein zusätzliches verkausargument beizufügen.
(ps: ich fand das buch mit diesem demonstrativen gestus der gelehrtensatire langweilig und ärgerlich.)
Kehlmann ist ein schwieriger fall, ich fand seine Romane, auch "die vermessung der welt", durchaus unterhaltsam und kurzweilig, allerdings gibt es einen andauernden besserwisserischen und streberhaften Grundton, der da mitschwingt, was das lesevergnügen dann doch wieder dämpft. Grad bei "die vermessung der welt" fand ich aber lesenswert, bin dabei aber nie von einer wissenschaftlichen genauigkeit von seiten kehlmann ausgegangen.
Ich habe jetzt den stimmgewaltigen Ette noch nicht gelesen.
Meine Meinung ist, dass es in einem Roman oder Film nie um die korrekte Geschcihte gehen kann. Das sind einfach andere Medium als die Geschcihtsschreibung, sie arbeiten anders, haben andere Ziele, entstehen aus anderen Motivationen, etc.
Also sollte man nur mehr diskutieren, ob der Roman oder der Film gut sind. Den Roman habe ich auch nicht gelesen, den Film nicht gesehen.
Ette ist halt der Humboldtapostel und er verteidigt sein Revier. Muss ja auch frustrierend sein, wnn man sich jahrelang an einemThema abarbeitet und dannkommt so ein Schreiberling und glich die hundertfache Aufmerksamkeit. Da müsste sich die Geschichtsforschung aber an der Nase nehmen (bin selbst vom Fach).
Wer einem spannenden und durchaus nicht schweren Spielfilm ber Humboldt sehen will, dem kann ich nur "Die Besteigung des Chimborazzo" von Rainer Simon (1989) empfehlen, übrigens mit dem blutjungen Jan Josef Liefers in der Hauptrolle. Der ist wirklich grandios.
Leider sind die Jugendbriefe und die Briefe von der Amerikareise Humboldts nur in einer wissenschaftlichen Ausgabe eschienen. Besonders die Jugendbriefe zeigen einen lebendigen, emotionalen, freundschaftsfähigen Humboldt, der mit der Witzfigur von Kehlmann nichts zu tun hat.
Kehlmann hat mit Humboldt ein Problem, weil der ein politisch denkender Wissenschaftler, ein liberaler und bis ans Lebensende extrem religionskritischer Aufklärer, und weil er homosexuell war - wärend Kehlmann selbst ein verklemmter Konservativer ist. Deshalb der Versuch, ihn "kleinzuschreiben".
So ist zwar überliefert, dass Humboldt Sklaven freigekauft hat; dass die garnicht frei sein wollten ist aber eine Erfindung Kehlmanns.
Ich denke, es kommt dabei darauf an, ob der Autor selbst den Anspruch erhebt, alles historisch korrekt dargestellt zu haben. Wenn er das nicht tut, dann kann man ihm doch ruhig künstlerische Freiheit zugestehen. Behauptet er jedoch, dass alles, was er geschrieben hat, den Tatsachen entspricht, dann muss er sich auch an dieser Aussage messen lassen.
Das Buch fand ich wirklich gut; spannend und mitreißend geschrieben, möglicherweise nicht 100% der Wahrheit entsprechend, doch um das geht es ja nicht. Viel wichtiger sind Auf- und Umbruchsstimmung, Wissensdurst und Zeitgeist, welche hier stimmig vermittelt werden. Es handelt sich um einen jener Wissenschaftsromane, die ich ruhigen Gewissens Jugendlichen als Einstieg zum Wissenschaftsinteresse empfehlen würde.
Ich verstehe ja, dass auch Herr Ottmar Ette seine 15 minutes of fame braucht (als Romanist ist man ja eher nicht so der Superstar - schreibe das ohne jeglichen Zynismus)...
Trotzdem - wie andere Diskussionsteilnehmer weiter unten schreiben - sollte man dem Herren klar machen, dass Kehlmann nie in Anspruch genommen hat, 100% historische Fakten wiederzugeben.
Das Buch ist leichte Kost - und hat mir sehr gut gefallen (bin auch ein schlichtes Gemüt), den Film werde ich mir ebenso anschauen.
Blödsinn, Ette ist ein hochanerkannter Wissenschafter. Das Problem, dass ich auch mit Kehlmann habe, ist, dass das Buch wie auch der Film eine Denunzierung Humoldts ist. (Über Gauss weiß ich nicht so genau bescheid, aber vermutlich ist er da nicht seriöser vorgegangen.) Wenn man Humboldts Briefe liest, die einen extrem sympathischen, weltoffenen, liberalen und auch sehr emotionalen Menschen zeigen, wird das ganz klar.
Meine Güte - ein Posting mit "Blödsinn" zu beginnen, sagt schon einiges über Sozialverhalten und Diskussionskultur aus, Sie sind offenkundig auch so ein frustrierter Nerd wie der Ette.
Da Sie es nochimmer nicht gecheckt haben: Der Kehlmann hat keine wissenschaftliche Abhandlung verfasst, sondern einen - im wahrsten Sinne des Wortes - massentauglichen ROMAN geschrieben.
Der Typ hat mit dem Buch das Bedürfnis von Millionen Menschen (bin zu faul, um nachzuschauen, wieviel von der "Vermessung" tatsächlich abgesetzt wurden) nach einer launigen Geschichte befriedigt, die Kritik wird ihm wohl sonstwo vorbeigehen... Herr Ette (der schon ein guter Wissenschafter sein mag) wird diese Reichweite niemals haben - so ist das Leben, face it...
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