Avantgarde und Arrieregarde

29. Oktober 2012, 11:38
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Es ist eine altbekannte Tatsache, dass heimische Experimentalfilme seit Jahrzehnten überproportional auf internationalen Festivals vertreten sind und regelmäßig Preise erhalten. Dennoch besteht bis dato hierzulande keine Möglichkeit, aktuelle internationale Experimentalfilme sehen zu können. Umso erfreulicher ist es, dass die Viennale in ihrem Jubiläumsjahr verstärkt derartige Werke präsentiert - auch wenn diese nicht als solche gekennzeichnet sind, sondern sich unter den Labels Dokumentar- und Kurzfilmprogrammen verbergen. Gleich zwei herausragenden Altmeistern des Avantgarde-Films - Peter Kubelka und James Benning - sind heuer Schwerpunkte gewidmet.

Dass das Medium Film im Digitalzeitalter ein historisches Phänomen ist, ist wohl unbestreitbar. Bei den jüngeren Vertretern des "künstlerischen Films" wäre demnach anstatt "avant-garde" (Vorreiter) wohl eher der Begriff "arrière-garde" (Nachhut) angebracht. Dass es auch für die heutige Generation - mit dem, auf dem und um das Medium Film - noch genügend spannende Arbeitsfelder gibt, dass es bis dato noch unerprobte Strategien und elaborierte Praktiken auszuprobieren gilt, beweist das heurige Festival eindrucksvoll.

Es gibt ebenso viele unterschiedliche Stile und Arbeitsweisen wie Künstler in diesem Feld. Mit dem Mainstreamkino haben derartige Produktionen wesentlich weniger gemein als mit der bildenden Kunst, der modernen Lyrik oder der Neuen Musik. Die heutigen Kunstschaffenden sind in der Regel gut ausgebildet und mit der Geschichte des Mediums wohl vertraut.

Hier einige Blitzlichter auf das Programm; drei Arbeiten, die durch ihre bestechende Einfachheit bei gleichzeitiger Wirkmächtigkeit überzeugen:

Nicolas Reys Anders, Molussien greift auf einen wenig bekannten und gerade erst kürzlich neu aufgelegten Roman des Philosophen Günther Anders (Die molussische Katakombe) zurück - eine Parabel über den Faschismus. Das Besondere an diesem Werk ist, dass die neun 16-mm-Filmrollen für jede Vorführung jeweils anders gereiht werden. Jede Projektion des Films ist ein einzigartiges Ereignis. Die Romanfragmente, die in deutscher Originalsprache aus dem Off ertönen, ergeben in jeder Neukombination andere Sinnzusammenhänge.

Ben Rivers gelingt es in River Rites durch den einfachen Trick, eine einzelne, lange Steadycam-Aufnahme rückwärts ablaufen zu lassen, einen mythisch aufgeladenen, suggestiven Sog zu entwickeln, der durch den punktuell eingesetzten rhythmischen Sound noch verstärkt wird.

Century von Kevin Jerome Everson ist ein ebenso witziger wie pointierter Kommentar zur gegenwärtigen ökonomischen Situation der USA. Everson baut seine Kamera auf einem Autoschrottplatz auf und zeigt in statischen Einstellungen, wie Karossen amerikanischer Bauart klein gemacht werden. Mittels der bloßen Beobachtung und der präzisen Kadrierung wird der industrielle Zerstörungsakt in ein absurd-komisches Maschinentheater transformiert.

Üblicherweise beträgt das Verhältnis von Experimentalfilmproduzenten zu -konsumenten 1:1. Bleibt zu hoffen, dass das Viennale-Publikum diese Aussage Lügen straft. (Norbert Pfaffenbichler, Spezial, DER STANDARD, 29.10.2012)

Norbert Pfaffenbichler ist Filmemacher, Künstler und Kurator. Er lebt in Wien.

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