Langsames Eintauchen in eine fremde Welt

29. Oktober 2012, 11:34
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Christian Mungius neorealistisches Frauendrama "Dupa dealuri / Jenseits der Hügel"

Lesbische Liebe und ein Exorzismus im rumänischen Hinterland. Das klingt nach den Bausteinen für einen Exploitation-Reißer, nach einem B-Movie mit viel nackter Haut, düsteren Gemäuern und satanischen Ritualen. Dupa dealuri könnte nicht weiter von solchen Fantasien entfernt sein.

Alina besucht ihre Freundin Voichita im Kloster. Die beiden jungen Frauen scheint mehr zu verbinden als eine enge Freundschaft. Das lässt sich auch an der Unbedingtheit ablesen, mit der Alina versucht, ihre Freundin zur Flucht aus dem Nonnendasein zu überreden. Voichita weigert sich jedoch. Alina rebelliert in der Folge immer heftiger gegen die Regeln im Kloster. Da sie ihren Widerstandswillen nicht brechen können, steht für den Abt und die Nonnen irgendwann fest: Alina muss vom Teufel besessen sein.

Vor fünf Jahren gewann der bis dahin weitgehend unbekannte rumänische Regisseur Cristian Mungiu für sein Abtreibungsdrama 4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage unumstritten die Goldene Palme in Cannes. Sein Nachfolgefilm ist fast ein Pendant zum Vorläufer: Erneut stehen zwei Freundinnen im Mittelpunkt, die ein Geheimnis vor Autoritäten zu verbergen versuchen. Erneut beeindruckt Mungiu mit einer ebenso klaren wie strengen Inszenierung seiner diesmal auf einer wahren Begebenheit basierenden Geschichte.

Am fast zweieinhalbstündigen Epos hätte André Bazin, der 1958 verstorbene große Verfechter des filmischen Realismus, seine Freude gehabt. Mungiu setzt mithilfe seines herausragenden Kameramanns Oleg Mutu die Vorstellungen des Franzosen zur filmischen Darstellung der Wirklichkeit so um, als habe er nie einen anderen Filmtheoretiker gelesen. Jede Szene besteht aus einer ungeschnittenen langen Einstellung mit großer Tiefenschärfe. Der Zuschauer kann seinen Blick frei durch die Weite der Cinemascope-Bilder wandern lassen. Weder Montage noch die Hierarchisierung des Kaders durch unscharfe und scharfe Bereiche lenken die Aufmerksamkeit auf bedeutsame Ereignisse oder Gegenstände. Ähnlich wie in der Realität ist jeder aufgefordert, seine Wahrnehmung zu richten, Sinnzusammenhänge zu erschließen. Das braucht seine Zeit.

So sehr in der ersten Hälfte von Dupa dealuri die immer wiederkehrenden Rituale des Klosterlebens und die Diskussionen der Freundinnen nach einer Straffung zu verlangen scheinen, so sehr wird diese Geduld am Ende belohnt - mit einer emotionalen Wucht, die ohne dieses völlige Eintauchen in eine fremde Welt kaum möglich wäre. (Sven von Reden, Spezial, DER STANDARD, 29.10.2012)

  • 30. 10., Künstlerhaus, 15.00;
  • 1. 11., Gartenbau, 14.30
  • Eine Klostergemeinschaft im rumänischen Hinterland wird durch eine 
rebellische junge Besucherin aufgestört.
    foto: viennale

    Eine Klostergemeinschaft im rumänischen Hinterland wird durch eine rebellische junge Besucherin aufgestört.

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