Blut Christi: Päpstliche Mengenlehre und Wandlung ohne Worte

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Manchmal werden Erzbischöfe vor ihrer Pensionierung etwas mutiger. So hat der Salzburger Oberhirte Alois Kothgasser bei einer Tagung seiner Dechanten Anfang des Monats erklärt, dass der Brief des Papstes zur deutschsprachigen Liturgie noch nicht das letzte Wort sei - entscheiden müssten die Bischöfe. Das klingt schon fast nach Ungehorsam.

Im April hatte Papst Benedikt die deutschsprachigen Bischöfe ultimativ aufgefordert, das deutschsprachige Messbuch rasch zu ändern. In seinem Schreiben war der deutsche Papst mit den seit dem Konzil durchgeführten Übersetzungen in die jeweilige Muttersprache ziemlich streng gewesen: "Dabei sind dann Banalisierungen unterlaufen, die wirkliche Verluste bedeuten", tadelte er. Welche das sein könnten, wird nicht erwähnt. Nicht nur als einfaches Mitglied tappt man da im Dunkeln. Der Pressesprecher der deutschen Bischofskonferenz teilte Churchwatch auf Anfrage mit: "Nähere Konkretionen zu dem, was der Heilige Vater schreibt, sind uns derzeit nicht bekannt." Damit sind wir wieder beim Thema Papst-Orakel angelangt.

Bald vierzig Jahre wird nun in den deutschsprachigen Messen gebetet, dass das Blut Christi "für alle" hingegeben wird. Im lateinischen Messbuch heißt es "pro multis" - "für viele", in anderen Sprachen wird es auch in diese Richtung übersetzt. Die lateinische und die griechische Bibel-Fassung gehen aber, so die Interpretation der deutschsprachigen Liturgen, auf die alte aramäische Sprache zurück, die zwischen "viele" und "alle" noch nicht unterscheiden konnte.

Die Anordnung des Papstes birgt zwei Eigentümlichkeiten.

Zum einen möchte der Papst "einer solchen Spaltung im innersten Raum unseres Betens zuvorzukommen". Die unterschiedliche Ausdrucksweise innerhalb der Kirche gibt es - mit Verlaub - seit vierzig Jahren, ohne dass sich die verschiedenen katholischen Landeskirchen untereinander getrennt fühlten.

Zum anderen unterstreicht der "Apostelfürst" (von Ratzinger bestätigte päpstliche Selbstdefinition), dass die inhaltliche Absicht jedenfalls "für alle" meint. (O-Ton Benedikt: "Dass Jesus Christus als menschgewordener Sohn Gottes der Mensch für alle Menschen, der neue Adam ist, gehört zu den grundlegenden Gewissheiten unseres Glaubens.")

Trotzdem will er es geändert wissen. Er ist sich dabei bewusst, dass das zu viel Irritation führen muss. Die Bischöfe müssten daher - so die Papstanordnung - zunächst in einer groß angelegten Aufklärungskampagne (Fachterminus "Katechese") dafür Sorge tragen, dass jeder weiß: Wenn künftig "für viele" gebetet wird, ist "für alle" gemeint. Alles klar?

Erzbischof Schönborn, immer gern Musterschüler des Papstes, bewunderte sofort den Brief "in seiner Klarheit und argumentativen Tiefe". Wie er diese päpstliche Mengenlehre künftig mit argumentativer Tiefe erläutern will, blieb er seither schuldig.

Logischer wäre es gewesen, der Papst hätte - seiner inhaltlichen Überzeugung folgend - angeordnet, alle anderen Messbücher an das deutschsprachige anzupassen.

Was treibt den Papst dazu, solche für den einzelnen Gläubigen wohl eher unverständlichen Anordnungen zu treffen? Zum einen zeugt es von einer ängstlichen Gleichschaltung. Anstelle der Förderung einer Pluralität der Ausdrucksformen normiert er jedes einzelne Wort - als gehe es um einen Zauberspruch. Als sein Motiv nennt der Papst den "Respekt vor den Wort Jesu". Die Worte Jesu sind aber eben nicht mehr wörtlich rekonstruierbar. In der Bibel selbst sind vier verschiedene Varianten tradiert - aus denen das römische Mess-Formular dann eine fünfte gemacht hat.

Diese zwänglerische Wortnormierung ist umso erstaunlicher, als es in der weiten Welt der Katholizität auch ganz anderes hergeht: Die chaldäische Kirche, die in voller Einheit mit der römisch-katholischen Kirche steht, darf mit vatikanischer Genehmigung aus dem Jahr 2001 unter bestimmten Bedingungen die hl. Kommunion in der assyrischen Kirche des Ostens empfangen.

Und das, obwohl der Ritus der Assyrer ("Anaphora von Addai und Mari") keine expliziten Wandlungsworte ("Das ist mein Leib", "Das ist mein Blut ...") enthält. Quasi eine Wandlung ohne Worte. Der Ritus wurde von den römischen Glaubenshütern anerkannt, weil alle "Intentionen erhalten geblieben sind". Wunderbar. Nebenbei: Die Glaubenskongregation, die das entschied, wurde damals von Joseph Ratzinger geleitet.

Warum muss dann aber angesichts dieser Möglichkeit die deutschsprachige Messe auf eine missverständliche Form verändert werden, obwohl in der jetzigen Version die richtige Intention voll enthalten ist? Eine von Papst Benedikts Lieblingsformeln passt immer: "Das bleibt ein Geheimnis."

PS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

PPS: Den nächsten Blog gibt es am 13. November.

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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