"Hotline Miami": Das brutale Spiel, über das jeder spricht

Wie ein Auftragskiller im Retro-Look gleichermaßen schockieren und begeistern kann.

Wenn Sie in "Hotline Miami" ein Level betreten, ist es wie ein neonfarbener Flashback aus der Vogelperspektive. Wenn Sie es wieder verlassen, erinnert das Spielfeld einem Nitsch'en Schüttbild. Dennatons blutrünstiger Trip in die Welt eines Auftragskillers ins Miami der 1980er-Jahre fordert Spieler auf, gnadenlos zu sein und ist zwischen Baseball-Schläger und Shotgun das mit Abstand brutalste Spiel der vergangenen Jahre. Gleichzeitig kürte Eurogamer es zum "besten Spiel" der Messe Rezzed und Polygon beschrieb "Hotline Miami" als "eines der wichtigsten Spiele des Jahres". Was steckt also hinter der verstörenden Fassade?

Gewalt als Mittel zum Zweck

"Hotline Miami" porträtiert das Leben eines gewöhnlichen Typen, der in den Fängen einer Schweinemasken tragenden Gang zum Auftragsmörder wird. Seine Telefonnummer wird zur Hotline der Verbrecher, seine Wohnung zur Schaltzentrale für Todesgrüße. An einem Schauplatz angekommen gilt es einzig und allein alle Ziele auszulöschen und wieder lebend herauszukommen. Wie man dies bewerkstelligt, steht einem frei. Vom Adrenalinkick erfasst, werden die bloßen Hände genauso zur Waffe, wie die Pfanne mit heißem Fett oder ein Golfschläger. Je schlimmer man sein Gegenüber über den Jordan schickt, desto mehr Punkte erhält man. Die Designer nehmen sich kein Blatt vor den Mund: Man wird für das Abschlachten sprichwörtlich belohnt.

Absurder Rätselstress

Der Beschreibung nach müssten bei Jugendschutzbehörden bereits alle Alarmglocken läuten. Doch sieht man das Inferno in Aktion, bekommen die schwarzmalenden Worte Farbe. Der Massenmord wird zwar als Jackson Pollock der Splatterkunst inszeniert, dahinter steht jedoch ein knallhartes Action-Stragiespiel. Weil der Protagonist genauso leicht das Zeitliche segnet, wie seine Opfer, muss jeder Schritt geplant werden. Stirbt man, geht es von Neuem los. Und dies in einem Tempo, das mehr mit Flipperautomaten, als mit militärischer Präzisionsarbeit gemeinsam hat. Dadurch wandelt sich der "Killing Spree" zum systematischen "Trial and Error" - Versuch und Irrtum, Tot und Wiedergeburt gehen Hand in Hand. Ist man beim ersten Versuch noch über die eigene Erbarmungslosigkeit schockiert, ärgert man sich beim dritten Mal über das neuerliche Versagen und ertappt sich beim fünften Mal dabei, wie man grinsend die Wand mit dem Gehirn des Gegners tapeziert. Die übelst überzeichnete Gewalt löst sich im Moment von der Realität und wird zum Motor einer Highscore-Jagd.

Verfall eines Helden

Die Geschichte des "Helden" wird in den Telefonaten mit dessen Auftraggebern erzählt und zeichnet den bitteren Verfall eines ansonsten gewöhnlichen Mitmenschen. Mit jedem Messerstich in den Unterleib eines gesichtslosen Fieslings wird auch die Persönlichkeit des Protagonisten perforiert. Die Atmosphäre ist heiß-kalt wie rosa Neonlicht, der Elektrosound pulsiert anstelle des Herzschlags in der Brust. Es ist ein wenig so, als wäre "Grand Theft Auto" auf "Drive" gestoßen und hätte sich dabei noch etwas von "Scarface" inspirieren lassen. Eines der wichtigsten Spiele des Jahres? Vielleicht, aber gerne auch nicht. "Hotline Miami" ist zumindest eines von wenigen Spielen, die es schaffen zu provozieren und gleichzeitig nicht allein aufgrund des Blutbads in Erinnerung zu bleiben. (zw, derStandard.at, 29.10.2012)

(Video: Youtube-Caster Dopefish spielt "Hotline Miami")

"Hotline Miami" (Dennaton Games) ist für Windows erschienen.

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