Feminismus und Frauenquote: Frauenpower

Gastkommentar |

Die Barrikaden der rabiat-feministischen Streitkultur werden vermodern. An ihre Stelle treten muss die Akzeptanz der menschlichen Natur in ihrer Ausprägung als eigenständige Frauen und selbstbewusste Männer. Quoten sind dann überflüssig

Demnächst wird sie 70 Jahre alt. Als Ikone des deutschen Feminismus beansprucht Alice Schwarzer auch weiterhin die intellektuelle Lufthoheit im Geschlechterkampf. Von ihrer Lehrmeisterin Simone de Beauvoir hatte sie deren aufklärerisch-antikapitalistische Klassenkampfideologie der 60er-Jahre in ein Täter-Opfer-Schema überführt, demzufolge die Männer in einem dominant patriarchalischen System die Frauen systematisch und umfassend ausbeuten. In den Auseinandersetzungen um das Verbot und die Strafbarkeit von Abtreibungen vermengten sich dann sehr berechtigte Anliegen der Frauen mit existenziellen Fragen des Lebensrechts, die auch aufgrund der fortschreitenden medizinisch-technischen Entwicklung immer noch aktuell sind.

Über Schwarzer aber wird die Zeit ebenso hinweggehen wie über die diesjährige Adorno-Preisträgerin Judith Butler. Die amerikanische Philosophin sieht die geschlechtliche Identität von Menschen als Mann und Frau vornehmlich als ein historisch-kulturelles und soziologisch-gesellschaftliches Konstrukt an, das mit einer umfassenden Gender-Politik im Sinne einer Nivellierung der Unterschiede und biologischen oder auch psychisch-seelischen Geschlechtsspezifika von Männern und Frauen zu verändern sei. Mitunter rabiate Vorgaben eines totalen Gender-Mainstreamings haben dabei zu einer ideologischen Borniertheit geführt, die den berechtigten Interessen von Frauen und Männern gleichermaßen zuwiderläuft.

Veränderung der Unternehmenskultur über bloße Kosmetik hinaus

Ein Beispiel dafür ist der Vorstoß der luxemburgischen EU-Justizkommissarin Viviane Reding, die in Europa bis zum Jahr 2020 eine gesetzlich verankerte Quote mit einem Frauenanteil von 40 Prozent in den Aufsichtsgremien von börsennotierten Unternehmen durchsetzen wollte. Öffentliche Arbeitgeber sollten gar schon 2018 diese "Zwangsquote" erfüllen müssen. Bei Verstößen gegen diese Regelung sollten die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union Sanktionen wie Bußgelder, den Entzug von Subventionen oder den Ausschluss von öffentlichen Auftragsvergaben festlegen. Da machten dann selbst die Damen in der EU-Kommission nicht mehr mit.

Die rabiate Luxemburgerin bekommt nun zwecks Gesichtswahrung eine zweite Chance; bis Mitte November soll sie einen neuen Entwurf vorlegen. Wenn sie gut beraten ist, kann sie auf den Vorschlag der immer noch unterschätzten und zum Teil auch überheblich bemitleideten deutschen Familienministerin Kristina Schröder zurückgreifen. Die 35-jährige Christdemokratin agiert im Umgang mit den Medien nicht immer souverän und geschickt, hat aber bei der auch vonseiten des Piper-Verlags recht unglücklich arrangierten Präsentation ihres gemeinsam mit Caroline Waldeck verfassten Buches "Danke, emanzipiert sind wir selber! Abschied vom Diktat der Rollenbilder" echte Steherqualitäten im Shitstorm der öffentlich inszenierten Entrüstung bewiesen.

Schröder votiert für ein Flexi-Quotenmodell, bei dem die privaten und öffentlichen Unternehmen bis 2018 sich selbst eine Zielmarke für den Einzug von Frauen in Aufsichtsräte und auch in die Vorstände von börsennotierten oder mitbestimmten Großunternehmen geben sollen. Diese Selbstverpflichtung hat für die gegenüber aller Regulierung und staatlichen Intervention skeptisch eingestellten und eher abgeneigten Unternehmen den Charme, dass sie sich selbst das Tempo der beabsichtigten Veränderungen entsprechend den Rahmenbedingungen in der jeweiligen Branche und entsprechend der Situation in den Betrieben vorgeben können. Da die Unternehmen gehalten wären, ihre Quotenziele zu veröffentlichen, würde die so hergestellte Transparenz zu einer Sensibilisierung des Managements und einer Veränderung der Unternehmenskultur über bloße Kosmetik hinaus führen und im Wettbewerb mit den Konkurrenten am Meinungsmarkt öffentlichen Druck im Hinblick auf die Erfüllung der selbst gesteckten Ziele erzeugen.

Top down würde sich auch die Einstellung mancher Männer im Mittelbau der Unternehmen verändern; die Unternehmen würden auf Dauer für Frauen auf allen Führungsebenen wohl ebenso durchlässig werden wie für Männer, die auch heutzutage noch mit einem signifikant höheren Anteil als Frauen Karrierestufen überspringen.

Davon berichten mit vielen Beispielen die Autorinnen Kyra ter Horn und Anja Theurer in ihrem frechen Buch "Die große Gleichberechtigungslüge - Chefin sucht Chefsessel", die auch die immer noch existierende unterschiedliche Honorierung von Männern und Frauen für die gleiche Tätigkeit mit einem durchschnittlichen Verdienstunterschied von 23 Prozent anprangern. Auch wird es Frauen gerade hierzulande schwer gemacht, Kinder, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Vorneweg müssten sich die Medien und Meinungsmacher an die Brust schlagen; während in den USA die hochschwangere Marissa Mayer Vorstandschefin von Yahoo werden konnte und sein durfte, werden Kinder in deutschen Medien durchweg als ein schwerwiegendes Karriererisiko wahrgenommen. Da wundert es wenig, dass hierzulande 74 Prozent der Frauen in Führungspositionen keine Kinder in ihrem Haushalt haben und Publizistinnen mit 1,2 dicht gefolgt von Geschäftsführerinnen mit 1,01 Kindern am Ende der Skala der berufstätigen Frauen rangieren (Mikrozensus 2009 / Martin Bujard, Wiesbaden 2012).

Die Barrikaden der rabiat-feministischen Streitkultur vermodern

Dagegen wollte die siebenfache Mutter und Bundesarbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen forscher zu Werke gehen. Die Amtsvorgängerin von Kristina Schröder votierte vehement für eine Zwangsquotenregelung mit einem 30-prozentigen Frauenanteil bei der Besetzung von Aufsichtsräten. Die Männer in den Vorständen der DAX-Unternehmen wären dabei aber weiter unter sich geblieben. Denn derzeit sind im Durchschnitt nur 6 Prozent der Vorstände in Deutschland weiblich, während in den Aufsichtsräten durchschnittlich schon 19,4 Prozent Frauen sitzen, bei einigen Unternehmen wie Beiersdorf gar schon beachtliche 33,3 Prozent. Das Quotenzwangsmodell aber kann aus arbeitsrechtlichen Erwägungen gar nicht auf die Besetzung von Vorständen erweitert werden, während das Schröder'sche Flexi-Modell nach Prüfung führender Rechtsgelehrter verfassungsrechtlich unbedenklich ist.

Selbst wenn einzelne Unternehmen mit Tricks wie einer Einbeziehung von Frauen in Führungspositionen in ihren ausländischen Gesellschaften in die Quotenberechnung oder einer Umwidmung von bisherigen Middle-Management- in Top-Management-Positionen eine kosmetische Quotenerreichung vortäuschen wollten, werden sie sich auf Dauer einer sinnvollen Veränderung der Einstellungen und einer Einbeziehung der Frauenpower nicht verschließen können.

Ebenso werden die Barrikaden der rabiat-feministischen Streitkultur langsam vermodern und einer Akzeptanz der Realitäten der menschlichen Natur in ihrer Ausprägung als selbstbewusste Männer und eigenständige Frauen weichen. Mittelfristig wird es Geschlechter- statt Frauenquoten geben müssen, die auch den Männern neue Lebensoptionen zum Beispiel als Väter eröffnen, sodass sie nicht mehr vorwiegend auf eine berufliche Karriere fixiert sein müssen, sondern auch als verantwortliche Erzieher und im sozialen Dienst an der Gesellschaft als "normal" akzeptiert werden. Schlussendlich kann auf eine Quote dann ganz verzichtet werden, wenn wir über die unglaublich neue und erschütternde Erkenntnis des ehemaligen Chefs der Deutschen Bank, Josef Ackermann, nur noch milde lächeln, dass mit Frauen ja auch alles "farbiger" und "schöner" wird. (Richard Schütze, derStandard.at, 29.10.2012)

Richard Schütze, The European, ist Geschäftsführer der Berliner Politik- und Kommunikationsberatung Richard Schütze Consult.

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