"Wer stirbt, will sich doch gut dabei fühlen"

Interview |
  • Naomi Feil (80) ist in Deutschland geboren, die Familie floh 1936 vor 
den Nazis in die USA, wo der Vater die Leitung eines Altenheims 
übernahm. Feil studierte Psychologie, spezialisierte sich auf alte 
Menschen und begründete 1973 die Validation. Sie war auf Einladung des 
Roten Kreuzes in Wien. Dort werden regelmäßig Validationskurse für 
Pflegende und Angehörige angeboten.
    foto: standard/heribert corn

    Naomi Feil (80) ist in Deutschland geboren, die Familie floh 1936 vor den Nazis in die USA, wo der Vater die Leitung eines Altenheims übernahm. Feil studierte Psychologie, spezialisierte sich auf alte Menschen und begründete 1973 die Validation. Sie war auf Einladung des Roten Kreuzes in Wien. Dort werden regelmäßig Validationskurse für Pflegende und Angehörige angeboten.

Naomi Feil beschäftigt sich seit ihrer Kindheit mit dem Altsein - Der Begriff Demenz kommt in ihrem Wortschatz nicht vor

Die Psychologin Naomi Feil ist eine Pionierin im Umgang mit alten, desorientierten Menschen. Den Begriff Demenz hält sie für abwertend. Ein Gespräch über Respekt, Lüge und die von ihr entwickelte Methode der Validation.

STANDARD: Schlimmer als die Angst vor dem Tod ist für viele Menschen die Angst, eines Tages dement zu werden. Können Sie das nachvollziehen?

Feil: Es ist schade, dass das so ist, liegt aber in der Geschichte der Erkrankung begründet. Demenz und Alzheimer waren bis in die 70er- Jahre selten, die Menschen starben früher. 1972 wurde eine PR-Initiative zur Erforschung der damals neu entdeckten Plaques im Gehirn gestartet. Um Geld zu sammeln, war Dramatisierung Teil der Strategie. Ich denke, dass Demenz bei sehr alten Menschen ein ganz natürlicher Prozess ist.

STANDARD: Sie vermeiden den Begriff Demenz. Warum?

Feil: Weil es "ohne Geist" bedeutet. Die alten Menschen haben dann vielleicht den Sinn für die Zeit verloren, kennen also weder den Tag noch die Stunde, aber sie haben ihre Erinnerungen, in denen sie leben. Ihr intuitives Gehirn ist intakt, auch ihre innere Weisheit, sie haben ein Bild von sich, ihr inneres Auge. Es geht darum, in die Welt dieser alten Menschen einsteigen zu wollen, sie dort abzuholen, wo sie gerade sind. In unserer Gesellschaft verlangen wir immer, dass sich alte Menschen an die allgemein herrschenden Regeln anpassen, aber das schaffen sie nicht mehr. Deshalb ziehen sie sich in sich selbst zurück. Desorientiertheit ist ein Problem der anderen.

STANDARD: Sie sehen Demenz als soziales Problem?

Feil: Genau. Mein Vater war Direktor eines Altenheims, ich bin mit alten Menschen aufgewachsen. Es waren meine Freunde. Schon mein Vater bemerkte, dass desorientierte Menschen orientierte Menschen sehr wütend machen, weil sie deren Handlungen nicht verstehen. Nach meiner Ausbildung zur Psychologin kam ich ins Altenheim zurück, versuchte, desorientierte, oft aggressive Menschen durch Psychoanalyse zu heilen. Aber das funktionierte überhaupt nicht. Die alten Menschen hörten auf zu sprechen. Irgendwann begriff ich: Desorientierte Menschen springen in ihren Erinnerungen vor und zurück, sind losgelöst in der Zeit.

STANDARD: Wie lassen Sie sich dann aber fassen?

Feil: Es geht darum, sie als die Menschen, die sie einmal waren, zu respektieren. Trotz aller Defizite wissen desorientierte Menschen meist, dass ihr letzter Lebensabschnitt gekommen ist. In dieser Phase geht es darum, offene Konflikte zu lösen. Wer stirbt, will sich gut dabei fühlen, das ist doch sehr einleuchtend, oder?

STANDARD: Wie entdecken Sie diese inneren Konflikte?

Feil: Sehr oft äußern sich diese Menschen in Symbolen, machen Menschen, die da sind, zu Platzhaltern. Durch die Zerstörung des Gehirns sind die Kontrollmechanismen weg, da kommt all das raus, was bis dahin unterdrückt wurde. Meist sind es Trauer, Gekränktheiten, Missbrauch, Sexualität. Um solche Konflikte zu lösen, gehen Menschen zeitlich dorthin zurück, wo sie passiert sind, durchleben sie immer wieder, weil ihnen das Erleichterung verschafft. Irgendwann werden sie ruhig, weil die Konflikte abgearbeitet sind.

STANDARD: Wie unterstützen Sie diesen Prozess?

Feil: Ich habe eine Methode zum Umgang mit desorientierten Menschen entwickelt, die Validation. Das Grundprinzip besteht darin, dass man Empathie aufbringt und seinem Gegenüber die Möglichkeit gibt, Zorn, Ärger und Ängste auszudrücken, ohne dass Pflegende sie persönlich nehmen.

STANDARD: Wie kam es zum Begriff Validation?

Feil: Ich habe Gruppenarbeit mit alten Menschen gemacht, hatte keine Bezeichnung dafür, aber meine Arbeit erregte Aufsehen in einer Zeit, als die vorherrschende Meinung war, man müsse in der Arbeit mit alten Menschen stets deren Realitätsbezug wieder herstellen. Ich machte genau das Gegenteil, stieg in ihre Welt ein. Jemand sagte dann, ich validiere Menschen, also ich bestätige sie, erkläre sie, wie sie sind, "für gültig".

STANDARD: Wie kann ein Außenstehender in unterschiedliche Welten eintauchen?

Feil: Validation lügt nie, das ist ganz wichtig. Wir hören zu, wir fragen nach, wir gehen auf die Gefühlsäußerungen ein, sagen nicht: "Ach was, das stimmt." Wir lenken aber auch nicht ab. Das sind Dinge, die alte Menschen verärgern. Wir nehmen sie ernst, erforschen, was sie uns sagen wollen. Wir streiten nie.

STANDARD: Wie funktioniert das?

Feil: Ich gebe ein Beispiel. Eine 90-Jährige schreit: "Hilfe, Hilfe, ich muss zu meiner Mutter!" In der Validation fragen wir: "Aber was ist los mit Ihrer Mutter, was wollen Sie von ihr?" "Weil sie krank ist, ich muss helfen." Wir fragen weiter: "Was wollen Sie Ihrer Mutter denn sagen?" Oft ist es dann: "Ich hab dich lieb." Schwierige Mutter-Tochter-Verhältnisse sind weit verbreitet.

STANDARD: Und was dann?

Feil: Wir begleiten Konflikte so lange, bis sie innerlich gelöst sind. Validation hat einen heilenden Effekt. Sie hilft, unterdrückte Gefühle zu äußern. Das tut jedem gut. Es ist ja nicht so, dass einen Menschen nur sein Gehirn ausmacht, auch wie jemand gelebt hat, entscheidet darüber, wie er sich in der letzten Lebensphase fühlt. Solche Zusammenhänge erforscht nur niemand. Die Milliarden gehen in die Suche nach der Plaques-Entstehung. Meine Hypothese ist: Je offensiver ein Mensch mit den Schicksalsschlägen seines Lebens umgeht, umso geringer die Wahrscheinlichkeit, eines Tages in einen Zustand der Desorientierung zu geraten.

STANDARD: Warum?

Feil: Weil unterdrückte Gefühle viel Energie kosten.

STANDARD: Ist Validation kompliziert?

Feil: Wir arbeiten viel in Gruppen, weil das soziale Ich lange Zeit intakt ist. Grundvoraussetzung für Validation ist Empathie. Nachfragen, Berührung, Singen: Das schafft Vertrauen, und dann kann die Arbeit viel Spaß machen.

STANDARD: Wie zum Beispiel?

Feil: Ich kam zu einer desorientierten Frau, die strahlte. Ich fragte, was sie so strahlen lässt. "Ich habe meine Mutter getroffen. Es war schön", sagte sie, "es war so schön, dass ich ihr nicht sagen konnte, dass sie schon lange gestorben ist." Das zeigt, wie Erinnerung und Wirklichkeit parallel existieren. George W. Bush war im Wahlkampf auch einmal bei uns im Altenheim. Er fragte eine Bewohnerin: "Wissen Sie, wer ich bin?" Sie sagte: "Fragen Sie an der Rezeption, die sagen Ihnen, wer sie sind." Solche Geschichten könnte ich nicht erfinden. Jeder Mensch, auch wenn er desorientiert ist, behält seine Weisheit. Das haben mich die alten Menschen gelehrt. (Karin Pollack, DER STANDARD, 29.10.2012)

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