Kino, das (nahe) an die Eingeweide geht

28. Oktober 2012, 21:27
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Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel haben mit ihrem dokumentarischen Trip "Leviathan" einen der ungewöhnlichsten Filme des Jahres realisiert

Die Arbeitsabläufe auf einem Fischkutter auf dem Meer verdichten sie zur körperlichen Gesamterfahrung.

Obgleich der industrielle Fischfang schon seit Jahrzehnten auf dem Rückzug ist, stechen von der Küste des US-Bundesstaats Massachusetts noch heute Fischerboote in See. Es handelt sich um die Überreste einer geschichtsträchtigen Kulturlandschaft, die nicht zuletzt durch Herman Melvilles Moby Dick in Erinnerung gehalten wird - der Roman enthält, abgesehen von der Erzählung über die Jagd nach dem weißen Wal, auch eine Vielzahl an dokumentarisch anmutenden Beschreibungen des Gewerbes.

Lucien Castaing-Taylors und Véréna Paravels ungewöhnlicher Dokumentarfilm Leviathan knüpft daran an. Er benennt jenes biblische Seeungeheuer, das Melville als Synonym für den Wal benützte. Doch der Film beschwört das Monströse nur als Allegorie, geht es doch um keinen Ausnahmefall, sondern um den brutalen Alltag - um die ungeschönte Essenz des Fischfangs. Eine Arbeit, die den damit beschäftigten Menschen wie auch der See selbst einiges abfordert.

Das Außerordentliche von Leviathan liegt in einer Seh- und Hörerfahrung, die ihresgleichen sucht. Castaing-Taylor und Paravel haben mit kleinen Digitalkameras gedreht, die sie nicht an einer anthropozentrischen Per-spektive ausrichten. Die Kameras baumeln vielmehr an den Fischern, sie hängen gleich Bojen am Kutter, wo sie von Gischt umspült und von Möwen umflogen werden; oder sie rutschen übers Deck mit Fischkadavern, denen die Eingeweide aus den Mäulern hängen - als wären sie Teil einer bizarren Choreografie des Todes.

Der Film enthält Szenen, die sich ins Gedächtnis graben, und zwar nicht nur aufgrund ihres "shock values", sondern weil es sich um haptische Bilder handelt, die einen unmittelbar tangieren. Der Dokumentarismus des Filmemacherduos ist in einem umfassenderen Sinn abbildungsorientiert (und eben nicht aufklärungsorientiert wie ein Themenfilm) - mit schwankenden Bildern (und einem nicht weniger aggressiven Ton) vermitteln sie die physische Härte des Fischfangs als sensorische Erfahrung. Dass gerade dieser Naturalismus umgekehrt wieder mythologische Assoziationen nahelegt, ist dabei nur konsequent: Die Nacktheit dieser Bilder lässt viele Anschlüsse zu.

Leviathan ist das Produkt einer äußerst spannenden Verschränkung von Wissenschaft und Kunst. Der Brite Castaing-Taylor ist studierter Anthropologe und leitet an der Harvard University das Sensory Ethnography Lab, welches neue Wege in der langen Tradition des ethnografischen Films bestreitet. Ohne die Feldforschung zu vernachlässigen - Castaing-Taylor und Paravel haben etwa viel Zeit mit den Fischern verbracht -, rückt man das Sinnliche wieder mehr in den Mittelpunkt und damit letztlich auch das Chaotische und Nichtvorhersehbare des Lebens. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 29.10.2012)

29. 10., Gartenbaukino, 23.00

31. 10., Urania, 21.00

  • Der Kopf bleibt wie ein staunender Zeuge übrig: "Leviathan".
    foto: viennale

    Der Kopf bleibt wie ein staunender Zeuge übrig: "Leviathan".

  • Artikelbild
    foto: viennale
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