Der singende Teamplayer aus recht ungiftiger Zeit

28. Oktober 2012, 19:07
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Harald Blümel war wegen seines Talents, seiner professionellen Einstellungen und seiner taktischen Finesse ein höchst erfolgreicher Amateur. Er wollte der "Heinz Prüller des Radsports" werden. Er ist ein Entertainer, der weiß, wie sein Publikum tickt

Wien - Im Grunde wirkt Harry Blümel in seiner zweiten Berufung gegen seine sportliche Natur. "Ich war auf dem Rad immer ein Teamplayer", sagt der 48-jährige Wiener, dem man glatt 15 Jahre weniger zugestehen würde, wenn er zumindest einmal pro Woche als Entertainer alleine auf der Bühne steht, moderiert, vor allem aber singt - "die populärsten Lieder, die leicht tanzbar sind und die mir selbst am besten gefallen".

Da reicht die Bandbreite dann von Gabalier bis Goisern, von Sinatra bis Presley. Eben genau, was der Moment verlangt: "Ich war lange Moderator, ich habe viel Erfahrung mit dem Publikum. Ich weiß, wie die Leute ticken, wie sie drauf sind und was sie gerade gerne hätten." Egal, ob beim Neustifter Heurigen Wolf (jeden zweiten Donnerstag im Monat), ob im Lindenhof in Breitenlee (jeden ersten Donnerstag), als singender Santa auf dem Weihnachtsmarkt in Korneuburg (no, na vor Weihnachten) oder sommers in Podersdorf an Wochenenden im Al Faro. Egal auch, ob vor 30 oder 500 Leuten, ob vor Jung oder Alt.

Was zu Beginn ein Hobby war, wurde zur recht einträglichen Beschäftigung neben dem Job als Hauptverantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit beim Hilfswerk Österreich, einem der größten Anbieter sozialer Dienstleistungen, zum Beispiel in der Pflege.

Die Blümels

Ganz so verhielt es sich auch seinerzeit mit dem Radsport, er war zunächst ein Hobby von Harald und dessen um eineinhalb Jahre älteren Bruder Andreas Blümel, freilich gefördert vom Vater, der selbst Rennen gefahren ist. Wie Zwillinge kamen die Blümels daher, zusammengeschweißt, seit sie als kleine Buben beim familiären Hausbau in Klein-Engersdorf bei Bisamberg Seite an Seite mit Schaufeln die stets hungrige Betonmischmaschine fütterten.

Seite an Seite stürmten sie auch durch die Nachwuchsklassen, gewannen dutzende Rennen, als es in Wien und Umgebung Wochenende für Wochenende noch viele Chancen gab, sich zu messen, auch bei Kriterien "quasi rund um den Häuserblock", wie sich Harry Blümel wehmütig erinnert.

Rad an Rad

Die Blümels haben stets dieselben Vereine geschmückt, die hatten so klingende Namen wie Vöslauer Naturheilquelle oder Tel-Mineralwolle Stockerau. Bei den Hauptfahrern begann der Andy den Harry, was die Anzahl der Siege betraf, zu überflügeln. "Er ist kleiner als ich, hatte seine Vorteile im Windschatten und schien den Gegnern wegen seiner Statur weniger gefährlich", sagt Harry, den das nicht gestört hat. Er war dafür ein genialer Taktiker, konnte Rennen lesen, wie heute das Publikum. Und ja, er war ein Teamplayer.

Er war alles, was der stärkste Fahrer dieser Spätblüte des österreichischen Radsports nicht war. Also bemühte sich der um mehr als zehn Jahre ältere Helmut Wechselberger, die als "schrecklichen Zwillinge" bekannten Blümels für seine Tiroler Mannschaft namens Union Landlubber zu engagieren. Fortan nahm Harry Blümel Wechselberger zusammen mit Herbert Spindler unter die taktischen Fittiche.

Und dann regnete es Siege in einer Radsportlandschaft, die mit der heutigen nicht zu vergleichen ist. "Wir fuhren als Amateure, waren aber sehr professionell", sagt Harry Blümel. Der österreichische Radsport habe sich vor der Wende eher dem Ostblock als dem Westen zugehörig gefühlt, die großen Rundfahrten seien wie halbe Europameisterschaften gewesen, mit Nationalmannschaften aus der Sowjetunion, aus der DDR, aus Polen, Bulgarien, der Tschechoslowakei.

Starkes Feld bei entschlafenen Klassikern

Die Konkurrenz und die Unzahl an Rennen, darunter längst entschlafene Klassiker wie Wien- Gresten-Wien oder Wien-Eisenstadt-Wien und die Rundfahrten, sorgten für eine Unzahl starker Fahrer. Zellhofer, Spielauer, Muckenhuber, Lienhart, Karner, Popp, Rassinger, Traxl - keine Aufzählung kann vollständig sein. Harry Blümel ist dankbar, in dieser Ära gefahren zu sein, auch weil sie, was Doping betrifft, "noch eine relativ ungiftige war".

Unproblematisch war sie für die Blümels nicht, weil die dem Verband als Querulanten galten, ihren Mund nicht halten konnten und oft auch eigene Wege mit selbstorganisierten Trainingslagern in Südkalifornien gingen. Harry Blümel büßte schwer. "Ich wurde für keine einzige Weltmeisterschaft, nie für Olympia nominiert." Und ihm wurde auch der größte sportliche Erfolg genommen. 1985, bei den Staatsmeisterschaften in Aflenz, gewann er das Straßenrennen über mehr als 180 Kilometer nach grandioser Leistung. Beim Überqueren der Ziellinie lag er 30 Meter vor den ersten Verfolgern, riss die Hände jubelnd in die Höhe - und wurde auf Platz drei zurückversetzt. "Für eineinhalb Jahre gab es eine Regel, dass die Hände nicht vom Lenker genommen werden durften, wenn die Platzierten weniger als 100 Meter zurücklagen. Diese Regel wurde nur in Österreich exekutiert, insgesamt zehnmal und natürlich auch bei mir."

"Der Heinz Prüller des Radsports"

Mit nur 25 Jahren beendete Harry Blümel seine sportliche Karriere, nicht aus Frust, sondern weil ein Betriebswirtschaftsstudium Zeit kostete. Blümel schloss ab, versuchte sich als freier Journalist ("Ich wollte der Heinz Prüller des Radsports werden"), moderierte, begann unterstützt von seiner ihm seit 2000 angetrauten Marianne ("Sie hat eine musikalische Ausbildung, ich komme aus dem Niemandsland, kann bis heute keine Noten") zu singen.

Selbst aufs Rad steigt er kaum noch, Harry Blümel spielt lieber Fußball. Seit 21 Jahren veranstaltet er aber mit Bruder Andy ein Saisonabschlussrennen, den Heurigen-Grand-Prix Klein-Engersdorf. Klar, dass da auch gesungen wird. Das Gespür dafür hat Autodidakt Harry Blümel ja - wie einst der Profi Harry Blümel für die Situation im Rennen. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 29.10.2012)

  • Harry Blümel (rechts) tritt an, Helmut Wechselberger zögert nicht, ihm zu folgen. Der Tiroler, der 1982 und 1986 die Österreich-Rundfahrt und 1988 die Tour de Suisse gewann, vertraute lange mit Erfolg auf das taktische Geschick des um gut zehn Jahre Jüngeren.
    foto: klaus titzer

    Harry Blümel (rechts) tritt an, Helmut Wechselberger zögert nicht, ihm zu folgen. Der Tiroler, der 1982 und 1986 die Österreich-Rundfahrt und 1988 die Tour de Suisse gewann, vertraute lange mit Erfolg auf das taktische Geschick des um gut zehn Jahre Jüngeren.

  • Sieht aus wie eine Mischung aus Roy Black und Sinatra, singt wie Harry Blümel.
    foto: hans prammer

    Sieht aus wie eine Mischung aus Roy Black und Sinatra, singt wie Harry Blümel.

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