"Für das Sein hab ich keine Zeit"

Modische Entgleisungen, die Schickeria und eine hässliche Diva: Jelineks neues Stück erheitert das Premierenpublikum

"Sie werden ins Nichts treten, wenn Sie rausgehen." Die Warnung am Ende des an den Münchner Kammerspielen uraufgeführten Jelinek-Stücks Die Straße. Die Stadt. Der Überfall bewahrheitet sich nicht. Die begeisterten Zuschauer verlassen das Theater in der Maximilianstraße, Münchens Luxusmodemeile, der Jelinek ihre neueste "Sprach-Kollektion" gewidmet hat, und die Straße ist noch da - wenn auch tief verschneit.

Wie konnte Johan Simons, Hausherr und Regisseur, nur ahnen, dass ihm die Natur derart augenzwinkernd zur Seite springen würde, als er eine mit Schnee und Eis bedeckte Straße für die Bühne ersann?

Doch augenzwinkernd ist an diesem Abend einfach alles, der Text, bei dem sich wieder einmal bewahrheitet, dass der österreichischen Nobelpreisträgerin das Boulevardfach besonders liegt, die wunderbaren Schauspieler, eine Frau und sechs Männer, alle parodistisch kostümiert und mit Highheels, ja selbst die Musiker, die hinter den Schaufenstern der Straße posieren wie sonst eben Valentinokleider, Chanel-Kostüme oder Jimmy-Coo-Schuhe.

Elfriede Jelinek wäre Schneiderin geworden, käme sie nicht aus einer Akademikerfamilie. Kleider und der Anschein von Identität, die sie ihren Trägern verleihen, spielen im Werk der Künstlerin immer wieder eine Rolle, ob in ihren Prinzessinnendramen oder erst kürzlich in ihrer Eurydike-Nachdichtung Schatten (Eurydike sagt).

Im jetzigen Stück taucht die Schriftstellerin in unterschiedlichen Rollen auf. Als alte Frau zum Beispiel, von Hans Kremer gespielt und lediglich mit einer figurbetonenden Unterhose bekleidet und zur Ablenkung neben den obligaten Stöckelschuhen mit einem Louis-Vuitton-Täschchen in der Hand.

Dann wieder als jungmädchenhafte Shopperin, die unter "größter Schwellenangst" leidet und sich deshalb nicht in die Läden hin eintraut. Hinreißend schrullig stöckelt Sandra Hüller dahin, ihren Rock hat sie wohl umsonst gekauft, "weil er keinen anderen Menschen aus mir machen kann".

Fett für die Schickeria

Die gekaufte Identität und der Wettbewerb des schönen Scheins sind denn auch die Hauptthemen des Stücks, denn "fürs Sein hab ich keine Zeit". Und natürlich kriegt auch Münchens Schickeria ihr Fett ab, die sich bloß "erkennt in dem, was sie sich in dieser Straße gekauft hat".

Kurz klingt auch die Vergangenheit der Stadt an, die Nazizeit, doch pfeift sich die Autorin selbst zurück, "du zwängst dich selbst in die Vergangenheit hinein". Und schließlich bekennt sie noch, dass sie einmal im Chanel-Kostüm auf der Versammlung der KPÖ erschienen ist: "Das berühmte Kostüm, von dem wahrscheinlich mehr Menschen gehört haben als vom Kommunismus."

Die junge Frau hat die Stadt gegen sich aufgebracht, nun zürnen ihr die Götter, die am Ende der Straße in ihrem Walhalla über dem Geschehen thronen. Sie schicken Beamte und Fahnder, "die dich ins Nichts beamten", obwohl die Stadtoberen eigentlich "sehr sympathisch" sind. Der im Titel des Stücks angekündigte Überfall ist eine Anspielung auf die unangemeldeten Steuerprüfer, die bei Jelinek erschienen sind und de nen sie hier en passant ein Ironie-Denkmal setzt.

Der beklagte Tod

Nach der Pause gewinnt das Stück noch einmal an Fahrt. Aus der Vitrine löst sich mit perfekter Gesichtsmaske und der so charakteristischen wie unverwechselbaren Haartracht Rudolf Moshammer, als wäre der Ermordete für Jelinek kurzerhand von den Toten auferstanden.

Der Münchner Modeschöpfer, der nicht nur die Maximilianstraße, sondern die ganze Stadt und ihre Adabei-Gazetten über Jahrzehnte mit seiner Exzentrik fesselte, beklagt bei Jelinek, fantastisch weinerlich und selbstverliebt gespielt von Benny Claessens, seinen Tod. Eine hässliche Diva, die die Straße schließlich mit sich zu reißen versucht. "Ohne mich gibt es die Straße nicht."

Und dann tritt man erheitert ins Freie und bemerkt, dass die Straße doch noch da ist, dass sie glänzt und unterm Neuschnee glitzert - zum 100. Geburtstag der Kammerspiele. (Monika Czernin aus München, DER STANDARD, 29.10.2012)

  • Das Münchner Publikum war erheitert: Elfriede Jelineks neues Stück bietet ein Wiedersehen mit Rudolf Moshammer.
    foto: münchner kammerspiele

    Das Münchner Publikum war erheitert: Elfriede Jelineks neues Stück bietet ein Wiedersehen mit Rudolf Moshammer.

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13 Postings
Von wegen Kunst

In die Kammerspiele hineinzugehen, um auf der Bühne anzusehen, was davor auf der Straße davor stattfindet - das ist keine Kunst - das ist pure Spiegelung des Banalen.

http://theaterkritiken.com/index.php... Itemid=127

Stilles Lachen

Ich wolle schon einen zynischen Kommentar schreiben, da las ich noch einmal, was die Rezensentin da geschrieben hat, nämlich „dass der österreichischen Nobelpreisträgerin das Boulevardfach“ besonders liege. Da lachte ich still in mich hinein und dachte daran, dass einer Sache ihre naivsten Anhänger oft mehr schaden als ihre unerbittlichsten Gegner.

Das ist nett von ihr ....

... dass sie im Ausland spielen lässt.

Wäre auch äußerst kleinkariert, ein Staatsgerippe als Indianerreservat anzusehen, in dem man steuerbegünstigt literarische Spielcasinos betreibt.

Bin ein Fan von der Jelinek.

Allein ihren Namen zu erwaehnen,

hat mir schon viele schöne Gespräche mit meinen lieben Mitmenschen beschert. Ich hab die Jelinek immer schon gemocht!

Weshalb nur muss man immer ins Ausland fahren,

um wirklich gutes Theater zu sehen? Weil die Burg für das Sein keine Zeit hat?

Ah!

Sie sind der, dem ihre Texte gefallen. Schön, Sie kennenzulernen.
Aber für Sie die Burg einen Abend lang zu belegen, scheint mir doch eine überzogene Forderung zu sein. Man könnte natürlich Kinder im Rahmen des Deutschunterrichts ... mit ein wenig Zwang .... gegen den Willen der Eltern ...
Ja, so einige Vorstellungen könnte man schon füllen ...

Weil Jelinek selbst,

um sich den wiederholten untergriffigen Beflegelungen in Ösistan zu entziehen, ihre Stücke nicht mehr hierzulande, sondern in Deutschland aufführen lässt. In Deutschland/der Schweiz gibt es keinen vergleichbaren Mob, der unersättlich nach jungfräulichen Menschenopfern verlangt (also nach Menschen, die sich nicht korrumpieren bzw prostituieren).
Der Satz "Für das Sein hab ich keine Zeit" ins österreichische übersetzt: "Du kannst eh sein, aber woanders".

Na ja, immerhin wird "Eurydike" von Jelinek diese Saison am Akademietheater uraufgefühlt - leider inszeniert vom unsäglichen Hartmann, aber immerhin. Und die "Winterreise" kam letzte Spielzeit auch hier heraus. Aber es stimmt: Die wirklich wichtigen Aufführungen ihrer Werke finden zwischen München und Köln statt, dort gibt es auch die Regisseurinnen und Regisseure e, die ihr gewachsen sind.

Ernstgemeint?

Jetzt lese ich Sie schon jahrelang…und glaube Sie zu kennen…und dann schreiben sie so einen Satz von den Regisseuren im Ausland, die den Jelinekschen Texten gewachsen wären…im Gegensatz zu den hiesigen…während ich doch weiß, dass Sie wissen, dass die Regisseure und gerade die besten, heutzutage in Europa herumreisen, von Engagement zu Engagement…Ich dachte, ich sollte das nun meinerseits nicht unkommentiert lassen, für den Fall, dass sich einmal neue Leser hierher verirren, die von all dem nichts wissen...

Moment - wenn Sie genau lesen sehen Sie, dass ich nicht von "hiesigen" und "Regisseuren im Ausland" geschrieben - Schleef und Stemann etwa haben ihre Jelinek-Inszenierungen ja in Wien gemacht. Aber: Seit Hartmann an der Burg ist, sind die alten Jelinek-Könner hier nicht mehr engagiert (Weder Wieler noch Stemann), aber auch keine neuen dazugekommen, bis jetzt (Wie in Köln, wo Karin Beier tolle Jelinek-Aufführungen geschaffen hat). Für die spannenden Jelinek-Aufführungen muss man momentan ins Ausland fahren - die "Winterreise" war ja auch in Simons' Münchner Inszenierung interessanter als in Bachmanns Wiener Kurzversion, finde ich!

absolute zustimmung für die winterreise

hab ich in zh gesehen

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