WTO-Konferenz: Stiefkind Freihandel

Kommentar16. Oktober 2012, 18:15
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Die Anzeichen gegenseitiger Abschottung sind nicht zu unterschätzen

Wenn Christine Lagarde vor einem Aufflammen des Protektionismus wie in den 1930er-Jahren warnt, dann ist Feuer am Dach. Auch wenn der Vergleich mit der aktuellen Krise überzogen sein mag, sind die Anzeichen gegenseitiger Abschottung nicht zu unterschätzen. Die Isolation der einzelnen Wirtschaftsmächte in der Zwischenkriegszeit wird in der heutigen Diskussion, in der immer nur laut nach Konjunkturspritzen geschrien wird, völlig unterbelichtet. Dass diese 2010 nur ein Strohfeuer entfachten, dafür aber mit den Schuldenbergen viel größere Probleme verursachten, wird gern verschwiegen.

Daher sollten gerade jetzt Handelsschranken beseitigt statt errichtet werden. Sie können zwar kurzfristig eine Volkswirtschaft vor Produktions- und somit Jobverlusten schützen, letztlich verlieren aber wegen der drohenden Kettenreaktion von Restriktionen alle.

Nicht gerade erleichtert wird das aktuelle Welthandelsmatch durch den Aufstieg der Schwellenländer, die nun ihre neue Macht auskosten. Dennoch sind die Europäer und Amerikaner weiterhin die gefährlichsten Protektionisten, indem sie ihre Landwirtschaft abschotten und den Entwicklungsländern mit subventionierten Exporten schaden. Ein rascher Abschluss der Doha-Runde wäre jetzt ein wichtiges Signal: Freihandel darf kein Stiefkind sein. Doch ähnlich wie Klimaschutzverhandlungen sind auch Welthandelsrunden längst zum Konferenztourismus verkommen.  (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 29.10.2012)

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