Sound der Zeitlosigkeit

Der große Tenorsaxofonist Sonny Rollins gastierte im Wiener Konzerthaus. Der Senior umgab sich mit einem soliden, wenig inspirierten Sextett, konnte jedoch selbst mit Vitalität und magischem Ton bezirzen

Wien - Er verbeugt sich, so fragil wie er auf die Bühne kommt, sichtlich (und wohl mit etwas Kreuzweh) vor dem Alter, das er mit sich zu tragen hat. Doch beugen lässt sich Sonny Rollins von der stattlichen Anzahl seiner 82 Jahresringe nicht. Der Amerikaner mit karibischen Wurzeln - über Jahrzehnte Inbegriff des kompakten Hard-Bop-Instrumentalisten, dessen Soli Energie, disziplinierte Linearität und substanzvolle Botschaften verschmolzen - versteht Konzerte nach wie vor als offensiv zu meisternde Feierstunden der Inspiration.

Dabei ist sein nach wie vor erstaunlich strahlender Saxofonton Dreh- und Angelpunkt jener an große Zeiten erinnernden Charismatik. Ob er nun instrumental Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt anstimmt oder seinen Klassiker St. Thomas - jede Note entfaltet im Wiener Konzerthaus sonore Vitalität.

Ein bisschen anders verhält es sich mit den Improvisationen eines Könners, der bekannt war für seine Abneigung gegen Klischees und Selbstzitat. Mehrfach hatten ihn Zweifel veranlasst, an Karrierehöhepunkten zwecks Training und Selbsterneuerung abzutauchen (man traf ihn übend an der Williamsburg-Brücke am New Yorker East River). Beim Improvisieren sind nun gewisse Zugeständnisse an den nur zu natürlichen Kraftverlust zu erkennen.

Suche nach Magie

An die Stelle quasi maßgeschneiderter langer Statements treten Ideengebilde, die als repetitive Riffs tief in die Swingtradition zurückreichen. Zum anderen landet Rollins gerne bei jener von John Coltrane her bekannten freitonalen Spielweise, bei der man nicht sicher ist, ob sich dahinter ein bewusster Gestaltungsakt verbirgt oder eine gewisse technische Ermüdung. Manch Phrase jedenfalls schien im Ungefähren und Unbestimmten zu versanden.

Das Sympathische jedoch: Von Rückzug auf sicheres Terrain keine Spur. Rollins sucht den Spielaugenblick voll auszureizen, sieht sich immer verpflichtet, Musik auf eine magische Ebene zu heben. Dass in seinem Sextett vor allem solide Musiker werken, war dabei nicht gerade hilfreich. Bisweilen plätschert die Musik nur dahin, erfüllt von dürftigen Soli und stetig bedrängt von verzichtbarem perkussiven Dauerregen (Sammy Figueroa).

Bis Rollins wieder seine Stimme erhob. Nicht auszudenken, wie der Senior geklungen hätte, wenn gleichwertige Kollegen mit ihm die Bühne geteilt hätten. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 29.10.2012)

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3 Postings

Finde die Kritik trifft's genau. Echt schade, dass die Mitmusiker so farblos, bzw. die Arrangements so langweilig waren. Bei zwei Nummern sicher über fünf Minuten Vierer von Sonny Rollins und dem Drummer waren sowas von unnötig...

Bei der Wahl seiner Sidemen

hatte Rollins schon öfter mal kein besonders glückliches Händchen...

Eine sehr wohlwollende Kritik zum Konzert von Sony Rollins...

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