Uni-Bibliothek Wien: 2015 Bücher derzeit zur Restitution vorgesehen

Der Fall Feuchtwanger und sechs andere abgeschlossen

Wien - Mit einiger Verspätung, aber immerhin: Seit 2004 betreibt die Universitätsbibliothek Wien NS-Provenienzforschung. Sie ist durch das Kunstrückgabegesetz aus 1998 weder zur Erforschung der Bestände noch zu Rückgaben verpflichtet; man stellt sich freiwillig der Aufgabe, so Markus Stumpf, Provenienzforscher und Bibliothekar an der Uni Wien.

2008 wurde die Autopsie abgeschlossen. Von mehr als 400.000 Büchern, die man untersuchte, kamen 62.000 auf eine Liste für weitergehende Forschungen. Bisher legte man mehr als 90 Falldossiers an; zu 41 sind die Recherchen abgeschlossen. Jedes zu Unrecht erworbene Material soll, beteuert Maria Seissl, Leiterin des Bibliotheks- und Archivwesens, zurückgegeben werden. 2015 Bände sind derzeit "zur Restitution vorgesehen". Man sucht u. a. die Erben nach Elise Richter. Sie war die erste Frau, die sich 1905 an der Universität Wien habilitiert hatte.

In sieben Fällen kam es zu Restitutionen. Erst kürzlich sandte man fünf Bücher an den Historiker Edgar Feuchtwanger nach England. Feuchtwanger, 1924 geboren, lebte, wie er in seiner Autobiografie Erlebnis und Geschichte schreibt, "im Epizentrum des Wirbelsturms, der die Welt bedrohte". Denn er wohnte mit seinen Eltern in der Grillparzerstraße von München - schräg gegenüber der Privatwohnung Adolf Hitlers am Prinzregentenplatz. Am Samstagmorgen des 12. März 1938 standen vor Hitlers Haus graue Mercedes mit doppelten Hinterrädern. Mit ebendiesen Automobilen bestritt er seinen Triumphzug nach Wien.

Ein Onkel war der Schriftsteller Lion Feuchtwanger, der schon früh die Gefahr, die von Nationalsozialismus ausging, erkannt hatte. Die Machtergreifung im Jänner 1933 verunmöglichte ihm die Rückkehr von einer Vortragsreise; seine Bücher wurden vom Regime verbrannt. Sein Bruder Ludwig aber, Geschäftsführer des Verlags Duncker & Humblot, blieb in München: Am 10. November 1938, unmittelbar nach der "Reichskristallnacht", verhaftete die Gestapo den Vater von Edgar Feuchtwanger und verbrachte ihn ins KZ Dachau. Die Bibliothek mit 3900 Bänden wurde "sichergestellt".

Wochen später kam Ludwig Feuchtwanger frei; mit seiner Familie floh er 1939 nach Winchester. 1950 erhielt die Familie lediglich 50 Bücher aus der Bibliothek des Vaters zurück. Sie trugen den Stempel: "Orientalisches Institut, Universität Wien, Leihgabe Ahnenerbe." Die SS-Forschungseinrichtung Deutsches Ahnenerbe versuchte die vermeintliche Überlegenheit der "arischen" Rasse wissenschaftlich zu legitimieren und beteiligte sich am Kunstraub.

Fünf Bücher sind nicht viel; Feuchtwanger zeigte sich von den Bemühungen, Unrecht wieder gutzumachen, aber "beeindruckt". (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 29.10.2012)

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