Schiefergas: Kreml fürchtet Konkurrenz

28. Oktober 2012, 18:25
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Russland übt scharfe Kritik an der europäischen Energiepolitik, der Kreml sorgt sich um seine Marktstellung

Jamal ist immer eine Reise wert. Zumindest für Gasprom-Chef Alexej Miller, schließlich lagern auf dem Gebiet der arktischen Halbinsel gigantische Gasvorräte; geschätzte 26,5 Billionen Kubikmeter. Vergangene Woche konnte der russische Erdgasmonopolist die Lagerstätte Bowanenkowo in Betrieb nehmen, das größte und schwierigste Projekt der vergangenen 20 Jahre.

Kremlchef Wladimir Putin darf bei solchen Anlässen nicht fehlen. Zumindest per Video war er aus seiner Residenz Nowo-Ogarjowo bei Moskau zugeschaltet, während der sichtlich frierende Miller mit einer dicken Fellmütze auf dem Kopf vor Ort auf das Startsignal wartete. "Die Arbeit ist vergleichbar mit dem, was in der Sowjetunion bei der Erschließung riesiger Gasfelder geleistet wurde", lobte Putin jedoch zunächst. In Bowanenkowo will Gasprom 140 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich fördern. " Das ist fast der Umfang unseres Exports nach Europa", so der russische Präsident.

Am Kontinent unter Druck

Die Erwähnung Europas dürfte dieser Tage bei der Gasprom-Führung selbst im fernen Jamal keine warmen Gefühle wecken, denn der Konzern geriet auf dem Kontinent unter Druck. So ist der Export im ersten Halbjahr in die Region um fast 13 Prozent gesunken. Wegen der schlechten Nachfrage sah sich der Konzern gezwungen, fast allen Partnern Preisnachlässe einzuräumen.

Zudem gibt es seit Monaten Streit mit Brüssel. Die EU-Wettbewerbshüter haben ein Kartellverfahren eingeleitet. Gasprom nutze seine Dominanz, um den Gastransport in der EU zu behindern, den Markt abzuschotten und den Kunden unfaire Preise aufzuzwingen, lautet der Vorwurf, den Gasprom bestreitet. So war Miller wohl nicht nur wegen der Kälte froh, dass Putin auf die europäische Perspektive des Konzerns vorerst nicht näher einging und die Inbetriebnahme von Bowanenkowo befahl. Kurz darauf leuchtete die Kontrollfackel in Bowanenkowo im schönsten Gasprom-Blau auf.

Doch ums Thema Europa kommt Russland nicht herum, und so nahm auch Putin bei der Sitzung der Präsidentenkommission den Faden wieder auf: "Die europäischen Länder formieren einen gemeinsamen Gasmarkt, diversifizieren Lieferquellen, verabschieden Entscheidungen - diese freilich oft nicht in Absprache mit ihren wichtigsten Partnern und meiner Ansicht nach auch nicht immer entsprechend internationalem Recht" , sagte er. Der Vorwurf, dass Brüssel in dem Konflikt Kompetenzen überschreitet, ist aus Moskau immer öfter zu hören.

Umweltbedenken

Die größte Gefahr für Gasprom wittert Putin aber im Schiefergas. Es kommt nicht oft vor, dass Russland Umweltbedenken beim Abbau von Rohstoffen äußert. Beim Schiefergas, von dem die USA 2011 schon mehr als 200 Milliarden Kubikmeter gefördert haben, führte Putin eben solche Argumente ins Feld. Ein klares Zeichen dafür, dass der Kreml sich um seine Marktstellung sorgt. Gasprom müsse diesem Problem allergrößte Aufmerksamkeit widmen, forderte Putin.

Vielleicht beruhigt ihn ja, dass Experten in Europa die Lage freundlicher für den russischen Erdgasmonopolisten einschätzen. "Es ist unwahrscheinlich, dass der Anteil von Schiefergas an der gesamten Energieversorgung ähnlich dominant wie in den USA wird", versicherte Wintershall-Chef Rainer Seele kürzlich. Die Botschaft, dass Europa weiter russisches Gas braucht, dürfte Miller dann vielleicht doch erwärmen.  (André Ballin aus Moskau, DER STANDARD; 29.10.2012)

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    Wladmir Putin und Alexej Miller stecken wohl öfter die Köpfe zusammen.

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