Zypern an der Leine

28. Oktober 2012, 13:41
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Griechen und Türken auf der geteilten Insel teilen in diesen Wochen dasselbe Los: Bestimmt wird von außen - durch die Troika und die türkische Regierung.

Die einen stehen unter der Fuchtel Ankaras, die anderen müssen bald bei der Troika nachfragen, wenn sie die restrooms aufsuchen wollen. Zypern-türkisch und Zypern-griechisch ist in diesen Wochen die Geschichte vom auswärts bestimmten Dasein, und das einzige Highlight in dieser trüben Zeit war bisher das Spiel zwischen Fenerbahçe und AEL Limassol diese Woche. Der Istanbuler Millionärsklub hat 1:0 im griechischen Süden gewonnen, auch wenn die Republik Zypern und ergo der AEL Limassol für die Türkei gar nicht existieren. Die Fener-Fans aus dem türkischen Teil der Insel kamen und wedelten mit türkischen Fahnen, ohne dass die griechischen Zyprioten auf den Rängen auszuckten. Geht also doch.

Streik wegen ausstehende Gehälter

Weil Ankara aber nicht mehr alle Haushaltslöcher im türkisch besetzten Teil der Insel stopfen will, stapeln sich wieder die Müllsäcke bedrohlich in den Straßen von Lefkoşa. Die städtischen Bediensteten streiken seit dem Sommer immer wieder wegen ausstehender Gehälter, und so sprühen nun andere Bedienstete ein bisschen Desinfektionslösung auf die Müllsäcke, auf dass keine Epidemien ausbrechen.

Auf der politischen Ebene hat sich Ankara dafür so stark ins Zeug geschmissen, dass es selbst dem Führer der türkischen Zyprer zu viel wurde. Mitglieder seiner Partei der Nationalen Einheit (UBP) hätten Angst zu sprechen, klagte Derviş Eroglu kurz vor dem Parteitag und sprach von einem „unkorrekten Verhalten“ jener, die sich in die Angelegenheiten der UBP einmischten. Gewählt wurde beim Parteitag in Famagusta am 21. Oktober der Vorsitzende der UBP, und Ankara – so schrieben türkisch-zyprische Zeitungen – habe einige Minister und Funktionäre der Regierungspartei AKP in Marsch gesetzt, um sicher zu stellen, dass es auch wieder Irsen Küçük würde, der Regierungschef in Lefkoşa. Das gelang nur gerade so. Küçüks Herausforderer, Gesundheitsminister Ahmet Kasif, bekam nur 14 Stimmen weniger. Vor allem Bildungsminister Kemal Dürüst (dürüst = anständig, aufrecht) und seine Kohorte ließen sich angeblich nicht von den Emissären aus Ankara umstimmen. Jetzt will Kasif die Wahl vor Gericht anfechten.

Streit der Gattinen

Dabei ist der Zickenkrieg zwischen "Präsidenten"-Gattin Meral Eroglu und "Premiers"-Gattin Gülin Küçük noch keineswegs ausgestanden. Madame Eroglu hat Madame Küçük wegen Verleumdung geklagt. Gülin Küçük hatte behauptet, die Präsidentengattin spioniere ihr nach und habe auch beim Parteitag der UBP einen Fotografen engagiert, der jeden ihrer Schritte dokumentieren sollte. Der Fotograf wurde zur nächsten Polizeiwache geschleppt und drei Stunden verhört, wobei sich dann herausstellte, dass es sich um einen Parteitagsdelegierten handelte. Nun ja.

Im B3-Land („negative outlook“) Zypern-griechisch ist die Panik vor der großen ausländischen Hand im Moment wesentlich größer. Fitch, Standard & Poor's und Moody's haben schon zugeschlagen und die Bonität der Republik Zypern in den Orkus hinuntergewertet. 11,5 Milliarden Euro Hilfe will Zypern nun nach reiflicher Überlegung und langen Wegschauen, vier Milliarden allein für die maroden Banken der Inseln. Die Troika von IWF, EZB und EU-Kommission glaubt an neun Milliarden oder mehr Finanzbedarf für die Banken. "Intergalaktisch" nennt ein ehemaliger Chef von Moody's die Insolvenz der zypriotischen Gedlinstitute. Bis zum Treffen der Eurogroup-Finanzminister am 12. November soll klar sein, wie das Korsett für die Zyprioten geschnürt wird.

Die Parteien in Nikosia beraten miteinander vor dem nächsten Besuch der Troika, was schon ein bemerkenswerter Fortschritt ist verglichen mit der Blockade in Athen, an der Antonis Samaras als Oppositionspolitiker 2010 und 2011 eifrig baute, um selbst Regierungschef zu werden. Das Kalkül der noch regierenden, nominell kommunistischen Akel-Partei dürfte wohl sein, die gröbsten der verlangten Sparmaßnahmen bis Februar aufzuschieben, insbesondere die Streichung des 13. Monatsgehalts für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Dann sind Präsidentenwahlen, und wenn die Akel und ihr Kandidat Stavros Malas untergehen, wie es die Umfragen voraussagen, dann darf die neue Mannschaft um den Chef der Konservativen, Nikos Anastasiades, die Suppe auslöffeln. Malas war bis Mitte Oktober Gesundheitsminister wie sein erfolgloser Kollege Kasif im türkischen Norden.

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