Mit Apps und Kacheln ins Touch-Zeitalter: Windows 8 im Test

Die vorinstallierte App-Suite ist durchdacht und umfangreich, für Desktop-User gibt es aber kaum Gründe für den Umstieg

Windows 8 ist da. Drei Jahre nach Windows 7 will Microsoft beweisen, dass man nicht nur erfolgreiche Desktop-Plattformen machen kann, sondern auch reif für die Post-PC-Ära ist. Smartphones boomen seit Mitte des letzten Jahrzehntes, auch Tablets erobern den Alltag. Ultramobile Rechner und Hybridgeräte erobern den Markt.

Letztes Update vor dem Start

Viel hat sich zwischen der letzten Version des Betriebssystems, der quasi fertigen RTM-Ausgabe, und dem finalen Produkt nicht geändert. Ein größeres Update hat Microsoft noch eingestreut, die Verbesserungen in Sachen Energieeffizienz, Treibersupport und Performance sind für den User nicht sichtbar. Die letzte ästhetisch wahrnehmbare Änderung, die mit dem RTM-Status eingeführt wurde, waren ohnehin die Tattoos für das Startmenü.

Hier ist alles beim Alten. Obwohl sich viele User gegenüber der Forcierung des einst "Metro" genannten Startbildschirms kritisch gezeigt hatten, hat Microsoft diese durchgezogen und den Desktop reduziert - etwa durch die ebenfalls nicht gerade unumstrittene Herausnahme des Start-Buttons. Positiv zu vermerken ist die flotte Installation und Einrichtung des Systems. Nach subjektiver Einschätzung ist das System nach dem Start des Rechners (Testunterlage war ein Samsung Slate) auch deutlich schneller einsatzbereit als seine Vorgänger.

Krieg der Welten

Windows 8 will gleichermaßen Desktop- wie Touchwelt bedienen und reibt sich, obwohl die Touchumgebung insgesamt durchdacht und die Live Tiles ein durchaus innovatives Konzept sind - im Alltag an der unsauberen und nicht vollständig gezogenen Trennung zwischen beiden auf. So landet man als Desktopuser nicht selten am neuen Startbildschirm, der eben nicht für die Bedienung mit der Maus geschaffen wurde.

Umgekehrt wird es etwa Tabletnutzer wenig Freude machen, beim Ändern von erweiterten Systemeinstellungen oder dem Aufruf eines Hilfedokuments aus der fingerfreundlichen Umgebung auf den Desktop geworfen zu werden. Alleine der Versuch, die Regionseinstellungen zu ändern, wird damit zum nervtötenden Unterfangen - selbst auf einem 12-Zoll-Slate. Ausgesprochen gut umgesetzte Features wie die Charms-Bar mit ihrer App-übergreifenden Suchfunktion und dem Schnellzugriff auf Sharing-Funktionen und Systemeinstellungen machen die Inkonsistenzen aber nicht wett.

Office 2013

Am Rande sei hier auch Office 2013 erwähnt. Microsoft hat seiner neuesten Bürosuites touchfreundliche Einstiegsseiten spendiert, was de facto das Öffnen bestimmter Dateien und Vorlagen erleichtert. Geht es aber ans Eingemachte, dem Erstellen und Bearbeiten, schauen Touchuser in die Röhre. Nur ein Teil der zur Verfügung stehenden Werkzeuge wurde fingerfreundlich umgesetzt.

Das reicht für die Erstellung einfacher Texte und spartanischer Präsentationen nach Vorlage. Tabellenkalkulation lässt sich ohne Maus und Keyboard nicht sinnvoll bewältigen.  Gleiches gilt für erweiterte Textformatierung etc., deren Steuerelemente schlichtweg zu klein gehalten sind. Laut Microsoft eine bewusste Entscheidung, da man der Meinung ist, dass die Touchumgebung für die produktive Nutzung weniger relevant ist. Das Büropaket ist beim herkömmlichen Windows 8 nicht vorinstalliert.

Mehr Augenmerkt hat Microsoft auf die vorinstallierten Touch-Apps gelegt, denen vor dem Start noch eine Runde Updates spendiert wurden. Auf ihnen soll der weitere Fokus dieses Tests liegen.

Kontakte und Kommunikation

Windows 8 soll Social Networking und Kommunikation vereinfachen. Daher finden sich eine Messaging-App, ein Client für den eigenen Live-Account (mit dem auch andere Konten abgerufen werden können) sowie ein "People"-Hub auf dem System.

Der Mailclient ist übersichtlich gestaltet und erlaubt schnelles Lesen und Verfassen von Nachrichten "on the Go". Alle Grundfunktionen diesbezüglich sind schnell und flott erreichbar. Wichtige Nachrichten lassen sich bei Bedarf an das Startmenü anpinnen. Die Live-Kachel der Software zeigt die letzten eingegangenen Mails.

Das Programm schwächelt allerdings, wenn es um das Management von vielen E-Mails geht. Labels sucht man vergeblich, verschoben werden kann nur in die vorkonfigurierten Ordner. Abseits des Anpinnens ist keine Favorisierung von Nachrichten möglich. Hier gibt es eine Menge Spielraum, die Microsoft hätte nutzen können.

Einfacher Kalender, umfangreicher People Hub

Von eher rudimentärer Natur ist auch die Kalender-App. Ihre Konzeption ist einfach und übersichtlich, dementsprechend schnell geht die Bedienung von der Hand. Es mangelt allerdings am Feintuning. Termine lassen sich nicht per Drag & Drop auf andere Zeiten oder Tage verschieben, sondern nur durch das händische Ändern dieser Daten. Dafür lassen sich Erinnerungen setzen und Kontakte einladen. Das Live Tile zeigt die nächsten anstehenden Verpflichtungen.

Ausgefallener ist da schon der People-Hub. Dieser verbindet sich mit dem Live-Netzwerk, aber auch anderen Diensten wie Facebook und Twitter. Er bietet eine Übersicht aller Kontakte und aggregiert deren Updates in einem Feed. Dazu lassen sich Favoriten festlegen, Daten ergänzen und von dem Tool aus auch selbst Botschaften auf das Social Network der Wahl stellen. Auch wenn die Menüführung nicht hundertprozentig optimal scheint, ein gelungenes Programm als Anlaufstelle für Kontaktaufnahme.

Skype

Hier sei ein kleiner Exkurs auch "Skype for Windows 8" gewidmet. Der Messenger ist zwar nicht vorinstalliert, wird aber von Microsoft gepusht und kann mittlerweile unter anderem mit Usern des Live-Messengers kommunizieren. Unter der Ägide des neuen Firmenbesitzers aus Redmond wurde eine native Win8-App aus dem Boden gestampft, die optisch dementsprechend gestaltet wurde und in ihrem Aufbau etwas an die Android-Ausgabe erinnert.

Grundlegende Features wie (Video-)Telefonie und Chat sind da, andere fehlen. Vergeblich sucht man aktuell die Möglichkeit, Dateien zu verschicken sowie die Option, seinen Bildschirminhalt mit dem Gegenüber zu teilen. Wer das will, muss die kaum touch-geeignete Desktop-Ausgabe Skype 6.0 verwenden. Was außerdem sauer aufstößt ist, dass man beim erstmaligen Login nicht darum herumkommt, seinen Skypeaccount mit seinem Windows Live-Konto zusammenzuführen.

Nachrichten im Magazin-Look

Mit einer Reihe von Informationsprogrammen will Microsoft den User im Bilde über das Tagesgeschehen halten. Dabei war man durchaus ambitioniert, denn die mit dem Namen der Suchmaschine "Bing" gebrandete Suite teilt sich in Nachrichten, Sport und Wirtschaft auf.

Erstere liefert länderspezifische Quellen, wobei die Artikel in einer Magazin-artigen Übersicht präsentiert werden, die auf die jeweilige Webseite führen. Schön bebildert und vollständig aufbereitet ist nur die jeweilige, Agentur-basierte Bing-Nachrichtenauswahl. Leider fehlt eine gezielte Konfigurationsmöglichkeit, etwa die Auswahl, aus welchen Quellen man bedient werden möchte, und von welchen nicht.

Am Ball bleiben

Ähnlich sieht das bei der Finanzen-App aus. Neben Wirtschaftsnachrichten können hier Börsenkurse verschiedener Unternehmen an wichtigen Börsenstandorten mitverfolgt werden. Es ist möglich, Favoriten zu setzen, um diese besser im Auge zu behalten. Das gleiche Konzept verfolgt man mit der Sport-App, die sich in verschiedene Betätigungsfelder gliedert und bedeutendere Ligen wie etwa die höchste englische Fußball-Spielklasse Premier League nochmals gesondert behandelt.

Aus den wichtigen, nationalen Bewerben kann man Lieblingsmannschaften herauspicken, um deren Geschicke besser mitzuverfolgen. Die App liefert dazu schön aufbereitete Informationen zu Spielplan, Tabellen, Kader und vereinsinternen Statistiken, die freilich auch ligaweit abrufbar sind. Fazit: Gelungen.

Weltwetter

Nach dem gleichen Strickmuster konzipiert ist die Wetter-App. Neben dem eigenen Standort lassen sich Städte aus aller Welt in eine Favoritenliste platzieren, in der auch gleich übersichtlich die aktuelle Tageszeit und Wetterlage erkennbar ist. Dazu gibt es einen Klick weite mehr Details, darunter Stundenprognosen, historische Temperaturentwicklung oder etwa Satellitenbild-Animationen zur Niederschlagsentwicklung.

Karten und Reisen

Kurz abhandeln lässt sich die Karten-App, die auf Basis des guten Kartenmaterials von Microsoft, Nokia und anderen Partnern nicht nur einen Blick auf Satellitenbilder und Karten bietet, sondern auch einen einfachen Routenplaner enthält. Dieser berechnet Wege ausschließlich fürs Auto. In vielen Städten sind zudem Informationen über die Verkehrsdichte auf wichtigen Straßen einblendbar.

Komplementiert wird sie von einer Reise-App, die ihre Kachel mit schönen Bildern aus aller Welt bespielt und diverse Reiseziele in Bildern und kurzen Beschreibungen vorstellt. Dazu liefert Sehenswürdigkeiten, mögliche Unterkünfte und Points of Interest namentlich, gibt aber keine weiteren Details preis. Als kurze Ablenkung fürs Fernwweh oder erster Anhaltspunkt für weitere Urlaubsplanung durchaus brauchbar.

Spartanischer Reader

Ebenfalls an Bord und von der Sorte "ultraminimalistisch" ist das "Reader"-Tool, der das von Microsoft erfundene und kaum genutzte XPS-Format sowie PDF-Dateien öffnen kann. Neben Fullscreen-, Einseiten- und Zweiseiten-Ansicht beherrscht er die Suche im Fließtext von Dokumenten und erlaubt das Anlegen von Notizen, auch per Pen oder Finger. Auch Formulare können ausgefüllt werden.

Trotzdem eignet er sich kaum für mehr als das Ansehen kurzer Dokumente, denn für das Lesen eines E-Books fehlen Funktionen wie das Setzen von Lesezeichen. Einstellungen, wie manuell geänderte Bildrotation, merkt sich das Programm leider nicht.

Schöner, leerer App Store

Ein wichtiger Teil des neuen Windows-Ökosystems ist freilich sein Content. Microsoft bietet einen eigenen Store sowie Xbox Music und Xbox Videos. Extra für die Spieleauswahl existiert auch Xbox Games, dortige Angebote scheinen aber samt und sonders zurück in den Store zu führen, wenn man Unterhaltungssoftware herunterladen möchte.

In Sachen Inhalten kann sich Microsoft noch nicht mit Google, Apple oder Amazon messen. Insbesondere im App Store fällt das noch deutlich auf. Dort besteht die Top-Auswahl mancher Kategorien aus über 60 Apps, jene anderer wiederum nur aus einem Dutzend. Eine Gesamtzahl war nicht ermittelbar, allgemein bekannt ist aber, dass man der Konkurrenz doch noch deutlich nachhinkt. Ersichtlich wird das am Fehlen wichtiger Angebote.

So gibt es für YouTube zwar drei Apps von Drittherstellern (zwei davon sind kostenpflichtig, während die dritte nur mäßig bewertet wird), aber keine offizielle. Auch eine App für Facebook sucht man vergeblich und muss entweder zum Browser oder dem People Hub greifen. Der Shop selbst ist gut gestaltet und lädt zum Stöbern ein. Apps werden in Wort und Bild vorgestellt, auch auf die Auflistung der jeweils vom Programm verlangten Rechte wird nicht vergessen. Es sind auch Drittangebote integriert, die von der Store-Seite auf die Homepage des jeweiligen Anbieters verweisen.

Ansehnliche Medienauslage

Schön umgesetzt ist auch das virtuelle Schaufenster für Filme und Musik. Aus dem Musikangebot können viele Sachen kostenlos gestreamt werden (ab einem gewissen Volumen wird allerdings ein Xbox Music Pass fällig), entweder direkt per Künstlerauswahl oder über die "Smart DJ"-Funktion, deren Treffsicherheit in Sachen ähnlicher Musik subjektiv gesehen aber zu wünschen übrig lässt. Beschreibungen und Discographien der Musiker und Bands sind stilsicher integriert.

Bei Videos sind diese erwartungsgemäß durch die Beschreibungen der jeweiligen Filme ersetzt. Dazu empfiehlt der Shop thematisch ähnlich gelagerte Bewegtbild-Angebote. Diese können gekauft oder gemietet werden, letzteres in Form von Download oder Stream. Als Bezahlmethode werden aktuell nur Kreditkarten akzeptiert.

Browser

Das Web erkundet wird mit der zehnten Ausgabe des Internet Explorers. Microsoft hat aber mittlerweile den Auswahlbildschirm nachgereicht, auf welchem der User zwischen dem Produkt aus eigenem Hause und verschiedenen Alternativen (Chrome, Firefox, Maxthon, Opera) wählen kann.

Der touchoptimierte Internet Explorer erweist sich dabei als patente, flotte Software, die standardmäßig Menüelemte nur auf Wunsch einblendet. Die Menüführung ist durchdacht, Favoriten und die jüngste Surfhistorie sind mit einer Geste aufrufbar. Per Befehl kann eine aufgerufene Seite auch mit der Desktopausgabe des Browsers aufgerufen werden. Umgekehrt scheint dies nicht zu funktionieren.

In technischer Hinsicht ist der neue Microsoft-Browser der Konkurrenz allerdings unterlegen, wie Benchmarks zeigen. Zudem fehlt manches Feature, wie etwa WebGL.

Hochladen für Dummies

Last but not least soll auch ein Blick auf den SkyDrive-Client nicht ausbleibt. Wer von seinem Gerät sporadisch Dateien auf den Cloudspeicher hochlädt, von dort abruft oder freigibt, ist mit der Anwendung ausreichend bedient.

Ähnlich wie der Kalender weist sie eine Inkonsistenz in der Bedienung auf: Dateien, die nicht in einen bestimmten Ordner hochgeladen werden (der dafür erst geöffnet werden muss), lassen sich nicht einfach in einen solchen ziehen, sondern werden per Befehl aus der Menüleiste verschoben. Auf erweiterte Funktionen wird verzichtet.

Was fehlt

Trotz des ordentlichen Umfangs ist die App-Suite nicht vollständig. So fehlt einerseits ein Tool, um Dateien auch auf dem Touch-Weg per WiFi, NFC oder anderem Wege zu teilen. Hierfür gibt es mit "Share My Files" eine kostenlose Lösung im Store (nicht getestet). Ärgerlich wird es beim Dateimanager. Ein fingertaugliches Äquivalent zum Windows Explorer fehlt, im App-Shop scheint diesen Bedarf bisher nur ein Programm zu decken. Es heißt "File Manager" und kostet 1,19 Euro.

Solide Ausstattung

Was das Programm-Startpaket angeht, hat Microsoft seine Hausaufgaben gemacht. Zumindest, wenn man Windows 8 auf einem Gerät mit Touchscreen verwendet. Die Apps sind großteils gelungen. Wer sich klassich mit einer Maus oder einem Trackpad durch das System bewegt, wird - wie an der "Windows 8 UI" selbst - an den Programmen nur bedingt Freude haben.

Unter dieser Präambel kann das Gebotene dem vorinstallierten Programmangebot auf Android durchaus Paroli bieten und macht auch im Vergleich zu iOS keine schlechte Figur. Dort hat Apple mit seinem wesentlich älteren und ausgereifteren Dienstpaket die Nase aber doch noch spürbar vorne.

Schwere Aufgabe

Um Schritt halten oder gar aufholen zu können, braucht Microsoft dringend Marktanteile im Mobilsegment. Windows 8 hat, jedoch mit den erwähnten Einschränkungen, prinzipiell die Voraussetzungen dafür, gibt aber reinen Desktopusern im Gegenzug kaum Anlass für einen Wechsel. So gut gemeint das Hybridkonzept ist, es erweckt zu zu oft den Eindruck, nicht vollständig durchdacht und unfertig zu sein.

Hinzu kommt, dass für den Erfolg des Ökosystems auch ausschlaggebend ist, dass Windows RT seinem großen Bruder im für den Tablet-Bereich wichtigen Funktionsumfang nicht zu weit nachsteht und Windows Phone 8 ein merklicher Schritt nach vorne gelingt. Herausforderungen, an denen der Redmonder Konzern aller Wahrscheinlichkeit nach noch viel zu knabbern haben wird. (Georg Pichler, derStandard.at, 28.10.2012)

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