Tierischer Metaphernwald

Daniel Ender
26. Oktober 2012, 21:34
  • Rohe Zivilisation: Der Förster (Peter Mazálan) fängt die Füchsin Schlaukopf (Eva Liebau).
    foto: stadttheater klagenfurt

    Rohe Zivilisation: Der Förster (Peter Mazálan) fängt die Füchsin Schlaukopf (Eva Liebau).

Leos Janáceks "Das schlaue Füchslein"

Klagenfurt - "Naturgewalten" heißt das Motto, das der neue Intendant Florian Scholz über seine erste Spielzeit am Stadttheater Klagenfurt gestellt hat. Und so jagt derzeit ein Wald den anderen: Auf die prototypische deutsche Nationaloper, Webers Freischütz - programmatisch und gerade in Kärnten auch ein politisches Statement -, folgte eine Reise in die slawische Nachbarschaft.

Auch das hat Symbolcharakter. "Endlich jemand, der sich was traut", meinte ein Orchestermitglied über den neuen künstlerischen Leiter, der durch die Betrauung von David Bösch mit der Regie eine Sicht auf Janáceks Oper Das schlaue Füchslein abseits reiner Märchenwelten ermöglicht hat.

Der Wald ist nur noch in kultivierter Form als riesiger Bretterverschlag vorhanden, der als Zwischenvorhang wie Kulisse für verschiedenste Räume dient (Bühnenbild: Patrick Bannwart). Offenbar erlegte Tiere sind rundum aufgehängt, fliegen durch die Luft oder dienen als Sitzgelegenheit.

Auf allen Ebenen bleiben die Ambivalenzen zwischen Tier und Mensch, die das Stück durchziehen, zentral: in den Kostümen von Falko Herold ebenso wie in der Regie, die aus einer surreal gebrochenen Märchenästhetik mit naturalistischem Einschlag vielfach fast symbolistischen Gewinn zieht. Beißende Kommentare zur Gegenwart sind inkludiert, werden aber immer nahtlos aus dem bunten Figurensammelsurium entwickelt, wenn etwa der Dachs (David Steffens) in der Badewanne sitzt (und dabei zum "Dax" mutiert).

Dieses Requisit dient als Sinnbild der Zivilisation, wenn es von der Protagonistin erobert und später der Ort ihres Todes und ihrer Verklärung wird. Der Regisseur scheut dabei nicht die Grenze zum Kitsch, die auch Janáceks Musik manchmal schrammt, begegnet ihr aber zielstrebig mit Witz und Ironie.

Dennoch findet er mühelos zu emotionaler Dichte zurück, wenn etwa die allgemeine Einsamkeit der Menschen dargestellt wird oder die Füchsin Schlaukopf (Eva Liebau) dem Fuchs Goldrücken (Jurgita Adamonyteee) erstmals begegnet und sich die beiden ineinander verlieben.

Roh und derb hingegen - und fast in tschechischen Volkstheaterfarben - ist das Verhältnis zwischen dem Förster (Peter Mazálan) und seiner Gattin (Gabriela Vranceanu) gezeichnet, als elender Obdachloser mit Einkaufswagerl taucht Háraschta (Holger Ohlmann) auf.

Und eine besondere Theaterpranke zeigt Bösch dort, wo die Füchsin dem Hahn (Thomas Tischler) seinen Schwanz ausreißt und eine Revolution bei den Hühnern inszeniert wird.

Keine Revolution, aber eine nachhaltige Neugestaltung hat die neue Intendanz musikalisch vor: Nach längerer Zeit gibt es wieder ein kleines festes Ensemble.

Nicht nur atmosphärisch scheint die Rechnung aufzugehen, sondern auch mit durch die Bank guten Leistungen, an die auch das Kärntner Sinfonieorchester unter Dirigent Peter Marschik anschließt. Die heikle Partitur wurde nicht nur ordentlich bewältigt, sondern vielfach akkurat mit Leben erfüllt. (Daniel Ender, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

Termine bis 30. 11.

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