Wie heißt der Zwetschkenröster auf Englisch?

Kolumne26. Oktober 2012, 20:57
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Die Krisenkolumne von Christoph Winder

Politische Großkrisen haben wir mehr als genug. Daher tut es gut, sich gelegentlich mit unpolitischen Kleinkrisen zu beschäftigen. Die Speisekartenkrise ist eine solche, klein, aber auch nachhaltig. Speisekarten sind bekanntlich die Speerspitze all dessen, was im interkulturellen Verkehr schiefgehen kann.

Die Speisekartenkrise entsteht immer dann, wenn sich Gastronomen mit mangelhaften orthografischen und sonstigen sprachlichen Fähigkeiten an ein ausländisches Publikum anbiedern wollen. Häufig ist ein Übersetzungsprogramm im Spiel, sodass dann allerlei hanebüchener Humbug auf dem Papier oder der Schiefertafel steht: "Zerlassener Wein", "Beschmutzte Fische", "Mosaik von der Kuh" usf.

Die missratene Speisekarte ist ein nie versiegender Born der Belustigung. Mit Büchern über Speisekartenhumor ließen sich Bibliotheken füllen und das halbe Internet sowieso. Ich vermute, es gibt Leute, die ausschließlich ins Ausland fahren, um sich an entgleisten Speisekarten zu delektieren. Tipp an alle Reiseveranstalter: Bieten Sie doch einmal Vierzehn-Tages-Trips für solche Speisekartenfeinspitze an!

Ein Spezialvariante der Speisekartenqual ist das, was ich die großmächtige englische Speiseerläuterung nenne: "Wiener Schnitzel - breaded and fried escalope of veal." Die Absicht des Gastronomen ist klar.

Er muss mit Gästen rechnen, die nicht Deutsch können (Stronach, Schwarzenegger etc.). Der Gastronom will nicht, dass seine Kellnerinnen und Kellner drei Stunden täglich teils mühselig radebrechend, teils umständlich pantomimisch vorführen müssen, was ein "escalope of veal" ist und wie man es in Brösels, Flour und Egg wälzt und in heißem Oil herausbäckt. Der Nachteil: So erklärt, geht das Wiener Schnitzel seiner knappen sprachlichen Brillanz verlustig und bekommt eine schrecklich pedantische Note, isn't it?

Noch kläglicher fand ich eine "Zwetschkenröster"-Erläuterung, die ich kürzlich auf einer Speisenkarte las: "Stewed plums". Technisch zutreffend, aber alle lautlich-poetischen Qualitäten des "Zwetschkenrösters" fehlen hier: Das kernige K in der Zwetschke, das süß rollende R und das rundliche, gleichsam auf die Form der Frucht anspielende Ö. Wenn wir im Ausland einen Ruf als prosaisches Bergvolk haben, sind die großmächtigen englischen Speiseerläuterungen daran schuld. Traurig.  (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 27./28.10.2012)

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