Für Obama, aber nicht aus Begeisterung

Lateinamerikaner lehnen Politik der US-Republikaner unter Romney strikt ab

Könnte Lateinamerika die US-Wahl entscheiden, stünde der Sieger längst fest: Barack Obama. Wenn er dürfte, würde er Obama wählen, tönte sogar Venezuelas linkspopulistischer Präsident Hugo Chávez, sonst gerne entschiedener Kontrahent der USA.

Auch in den meisten anderen Staaten Lateinamerikas liegen die Sympathien eher bei den als liberaler und toleranter eingeschätzten Demokraten - auch wenn keine andere Regierung bisher so weit ging wie Chávez, sondern diplomatisches Schweigen walten lässt. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass die Mexikaner nicht erfreut waren, als Mitt Romney ihr Land in einem Zug mit Somalia und Afghanistan als "gescheiterte Staaten" bezeichnete.

Und auch Regierungen wie Uruguay und Guatemala, die sich für die Legalisierung von Drogen einsetzen, haben Interesse an der Wiederwahl Obamas. Zwar gab es auch unter ihm keine Wende in der restriktiven Antidrogenpolitik, aber immerhin widersetzten sich US-Demokraten im Rahmen der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) nicht einer Debatte über Sinn und Effizienz des Antidrogenkriegs - ein Dogma, das unter Romneys Republikanern wohl kaum zu hinterfragen wäre.

Problemthema Migration

In Sachen Migrationspolitik hingegen sind die Lateinamerikaner ernüchtert. Selbst unter Obama wurde die Grenzmauer zu Mexiko befestigt und militarisiert, wurden die Migrationsgesetze verschärft und eine unmenschliche Abschiebepraxis fortgesetzt.

Doch bei dem Thema können die Republikaner ebenso wenig punkten - dort fallen Sätze wie "Migranten sind Hunde"; dort wird offen Sympathie gezeigt für paramilitärische Farmer an der Grenze, die Kopfgelder auf Migranten ausloben.

Auch bei Kuba sind die Dinge längst so festgeschrieben, dass nach Ansicht des in den USA lehrenden Experten Tomas Bilbao kein Präsident kurzfristig große Änderungen vornehmen kann.

Entsprechend gering ist das Interesse der Region an den US-Wahlen. Und ebenso nüchtern sind die Erwartungen: "Lateinamerika ist ein Randthema für die USA und wird es auch nach der Wahl bleiben", so der salvadorianische Journalist Hector Silva. Nach der dritten Kandidatendebatte twitterte der mexikanische Journalist Leon Krauze enttäuscht: "100.000 Tote im Nachbarland Mexiko, und keiner verlor ein Wort darüber."

Aber das hat auch Vorteile: Der Aufschwung hat Lateinamerika selbstbewusster werden lassen - und unabhängiger. Länder wie Brasilien und Peru handeln inzwischen mehr mit China als mit den USA, Panama finanziert sich selbst erfolgreich aus den Einnahmen des Kanals, und El Salvador hat in der Regionalmacht Brasilien einen neuen, sehr starken Partner gefunden. (Sandra Weiss aus Puebla /DER STANDARD, 27.10.2012)

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