Brettl vorm Kopf, Hackl im Kreuz

26. Oktober 2012, 21:03
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Was für ein Spaß: Vor einer Woche wurde in Wien "Das goldene Brett vorm Kopf" verliehen. Bettina Reiter war dabei - und hat diesen "Besinnungsaufsatz" geschrieben.

Am 19. Oktober, einem Freitagabend, fand im Naturhistorischen Museum in Wien die Verleihung des bedeutenden Wissenschaftspreises "Das goldene Brett vorm Kopf" statt, der zum zweiten Mal von der "Gesellschaft für kritisches Denken" ausgelobt worden war.

Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, meinen Kollegen Harald Walach bei dieser Zeremonie zu vertreten, der es zum Finalisten geschafft hatte, selbst aber an der Teilnahme verhindert war. Ich habe seine Rede dort verlesen - er hat den Preis gewonnen (was ja schon vorher ausgeheckt worden war), ich habe ihn entgegengenommen und mich mit einem Ex tempore in seinem Namen bedankt. Soweit klingt die ganze Sache ja noch so, als wäre es ein zwar ironischer, aber doch einigermaßen angemessener Abend gewesen - Kabarett halt, aber gut. Leider nein.

Falls Sie, wie ich selbst auch, der Idee des Skeptizismus etwas abgewinnen können und Kritik sowieso und immer eine Supersache finden, geben Sie einem Verein mit dem Namen "Gesellschaft für kritisches Denken" sicher einen angemessenen Kredit und nehmen einmal an, in der Denkstube dieser Leute gehe es genauso aufgeräumt und sauber zu wie in Ihrer eigenen: es geht um Probleme, die man identifiziert, dann analysiert, dann in Experimenten, Erörterungen, Diskussionen, Publikationen - also dem ganzen Diskursbusiness -, mit Befunden und Überlegungen angereichert vorstellt, und dann schaut man weiter, was passiert; was die Communities sagen, die Kollegen und vor allem die Leute, die nicht einverstanden sind oder anderes herausgefunden haben. Sie nehmen an, alle halten es so (jedenfalls ungefähr), und bestenfalls kommt eine gute Polemik daher, die richtig Spaß macht und bei der man die Muskeln spielen lassen kann.

Der Saal war überfüllt, sehr viele überwiegend sehr junge Leute, angeregte, ein bisschen aufgeregte Stimmung, freundlich. Beiläufige Missachtung vonseiten der Veranstalter, man kann es auch grobe Unhöflichkeit nennen. Ich frage mich das erste Mal: Was hätten die gemacht, wenn ich nicht gekommen wäre? Auch egal? Die Finalisten bekommen Laudationes zugedacht. Die erste entpuppt sich schon nach wenigen Worten als Anschwärzung. Frau El Awadalla, Schriftstellerin, weiß über die österreichische Ärztekammer, die zum Finalisten wurde, weil sie seit Jahrzehnten Diplome für approbierte komplementärmedizinische Ausbildungen verleiht, dass sie "eine honorige Institution" ist, die ihre Geschäfte und ihre Privilegien verteidigt, und damit ist der denunziatorische Ton bereits festgelegt, der den Rest des Abends prägen wird.

Qualitätssicherung im Rahmen einer Berufsorganisation

Was die Diplome mit Wissenschaft zu tun haben, ist nicht so recht klar, handelt es sich dabei doch um den Versuch von Qualitätssicherung im Rahmen einer Berufsorganisation - insofern sollten die Diplome auch skeptischen Menschen recht sein, die ja sicherlich auch lieber bei gut und zertifiziert ausgebildeten Leuten Dienste in Anspruch nehmen als bei solchen, deren Ausbildungshintergrund sie nicht nachvollziehen können, auch wenn sie selbst natürlich NIE einen Akupunkteur aufsuchen würden, wenn sie Kreuzweh haben.

Aber ich lerne ja schnell dazu: Es geht in dieser bescheidenen Rede nicht um die Qualität einer Dienstleistung, sondern um die Legitimität dieser Dienstleistung selbst. Sie braucht sich also auch nicht mit Fragen aufhalten wie: Warum benutzen etwa 50 Prozent der europäischen Bevölkerung und 65 Prozent der österreichischen Bevölkerung Komplementärmedizin?

Also ich weiß es ja auch nicht, aber ich bin ziemlich sicher, dass sie es nicht tun, weil die Ärzte sie abzocken wollen - die wirklichen Abzocker in der Medizin sitzen übrigens auf Universitätslehrstühlen, die indirekt von Big Pharma finanziert werden. Dazu gibt es jede Menge feine Literatur, die ich auf Anfragen gerne weitergebe.

Menschen benutzen Globuli und Kräuter, Shiatsu und Ayurveda, weil sie mit der Schulmedizin nicht zufrieden sind, weil sie Nebenwirkungen der konventionellen Therapie fürchten und aus vielen anderen Gründen. Wir haben das eben in einem EU-Projekt etwas näher betrachtet, und ich lade die "Laudatorin" und alle anderen "Mitglieder der Gesellschaft für kritisches Denken" ein, sich auf der Website des Projektes etwas genauer zu informieren: www.cambrella.eu. Ab Ende November sind dort alle Ergebnisse "open access" zur Verfügung.

Denunziation

Was also als Denunziation der österreichischen Ärztekammer daherkommt, ist bei näherem Hinsehen eine Denunziation der blöden "Patienterln" (wie die Laudatorin sich herablassend ausdrückte), die den Quatsch benutzen; die "kritischen Denker" interessiert nicht, warum eigentlich die Patienterln das tun und was sie für ihre Beschwerden und Leiden dabei gewinnen (oder eben auch nicht).

Die Gewissheit dieser Denunziation beruht auf dem simplen Satz, der natürlich ein logischer Zirkelschluss ist: Da ich weiß, was Wissenschaft ist, ist alles andere, das sich zwar in der Realität findet, diesem meinem Wissen aber nicht gehorcht: Teufelswerk! Manipulation! Geschäftemacherei!

Harald Walach ist Professor für "transkulturelle Gesundheitswissenschaften" an der Viadrina Universität Frankfurt/Oder. Er forscht seit Jahrzehnten rund um die Frage "Was ist Heilung?" und ist dementsprechend in der medizinischen, vor allem komplementärmedizinischen Diskussion eine prominente und geschätzte Stimme. Was Walach zum Finalisten des "Goldenen Bretts" qualifizierte, ist gar nicht seine eigene wissenschaftliche Leistung, sondern die Meinung der Hochschulstrukturkommission des Landes Brandenburg, dass sein Institut nicht weiter finanziert werden sollte. Diese Empfehlung ist bisher nicht umgesetzt worden, und ich bin über den Stand der Dinge nicht ausreichend informiert, um hier darüber berichten zu können.

Es genügt anscheinend, Chef eines Uni-Institutes in Schwierigkeiten zu sein, um die "Skeptiker" zu überzeugen, dass da Teufelswerk betrieben wird. Der Anschwärzer ("Laudator") war in diesem Fall Mario Sixtus, ein deutscher Journalist, dessen Begründung für die Wahl Walachs in der redundanten Wiederholung des Wortes "Bullshit" bestand.

Das Teufelswerk an Walachs Institut ist eine Master-Arbeit, die sich der experimentellen Überprüfung einer Behauptung gewidmet hat, mit einem bestimmten, sog. "Kozyrev-Hohlspiegel" lasse sich "hellsehen". Die Arbeit ergab, erwartungsgemäß, keinen Hinweis auf außersinnliche Wahrnehmungen mit oder ohne den Kozyrev-Spiegel. Demnächst wird sie publiziert, ich habe die Druckfahnen gelesen und finde weder methodisch noch inhaltlich etwas auszusetzen. Man kann sich fragen, ob eine solche Fragestellung wert ist, behandelt zu werden - aber wer bestimmt das? Die Skeptiker?

Der deutsche Mutterverein der "Skeptiker", die "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.", hat anscheinend erfolgreich die Brandenburgische Hochschulstrukturkommission infiltriert, so sehr sind hier alle einer Meinung. Dasselbe gilt für die großen Zeitungen, allen voran den Spiegel, der den Anlassfall "Kozyrev Masterarbeit" hochgespielt hat, mit der falschen Behauptung natürlich, es würde darin das Hellsehen behauptet. Nur weil das THEMA der Arbeit außersinnliche Wahrnehmung heißt, ist noch lange keine drinnen.

Hämische Öffentlichkeit

Wer hier was verwechselt, ist nicht der Masterarbeitsautor und schon gar nicht der Institutsleiter, sondern eine hämische Öffentlichkeit, eine selbstgewisse uninformierte Skeptikermannschaft, die jeden Quatsch nachbetet, mit dem Epitheton "kritisch" versieht und dadurch wiederum ihre Prima-vista-Glaubwürdigkeit bei Medien, der interessierten Öffentlichkeit und vielleicht gar der Hochschulstrukturkommission erhöht - und der Kreisel rotiert von neuem.

Es handelt sich bei den Medien und den Skeptikern um sich wechselseitig verstärkende Systeme: Behauptet der Spiegel was, sind die Skeptiker schon shitstormmäßig aufgeregt, was wiederum die Süddeutsche dazu veranlasst, auch nicht unkritisch sein zu wollen und noch ein Schäuferl draufzulegen, das liest jemand in der Hochschulstrukturkommission, und die politische Ebene agiert auf einmal auch ganz "kritisch" usw. ...

Die Dummheit ist ansteckend, so viel ist sicher.

Walachs Dankesrede behauptete gegen den Shitstorm der Laudatio dagegen eine klare Position. Er meint, wie viele mit ihm, dass "der alleinige Zugriff auf die Welt durch die äußere Erfahrung, wie sie uns die Naturwissenschaften seit etwa 600 Jahren ermöglichen, nicht ausreichend ist. Vielmehr muss sie durch innere Erfahrung, genauer gesagt, durch " wissenschaftlich systematisierte innere Erfahrungen ergänzt werden". Die Rede wurde von einem aufmerksamen Publikum wohlwollend aufgenommen - in einem Zeitungsforum fand ich sogar die Beobachtung, dass es Walach gelungen sei, "die Legitimierungshoheit" umzukehren. Das war die Absicht. Eben: Teufelswerk! (Bettina Reiter, DER STANDARD, 27./28. 10.2012)

Bettina Reiter ist Psychiaterin und Psychoanalytikerin in Wien.

Harald Wallachs Rede ist nachzulesen auf "harald-walach.de", die Langfassung dieses Besinnungsaufsatzes auf Bettina Reiters Homepage.

  • Akupunkturbehandlung: Einer solchen Therapie würde sich ein kritischer Geist, 
wenn er Kreuzweh hat, natürlich NIE unterziehen.
    foto: ap

    Akupunkturbehandlung: Einer solchen Therapie würde sich ein kritischer Geist, wenn er Kreuzweh hat, natürlich NIE unterziehen.

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