Gott belohnt nur die Tüchtigen

Analyse27. Oktober 2012, 09:00
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Das Rennen zwischen Barack Obama und Mitt Romney um die US-Präsidentschaft wird denkbar knapp werden

Grund dafür ist unter anderem, dass viele Amerikaner sogar in Krisenzeiten nicht wollen, dass der Staat regulierend und helfend eingreift.

 

Es war zwar nur eine Fotomontage, aber eine, die den Zeitgeist perfekt zu bündeln schien: Lässig zurückgelehnt saß Barack Obama in einem offenen Wagen, er trug die randlose Lesebrille Franklin D. Roosevelts, den Filzhut Roosevelts, im Mundwinkel eine Zigarette. So prangte der frisch Gewählte im Herbst 2008 auf dem Magazin Time. Ein zweiter Roosevelt im Weißen Haus? Damals war die Rede von einer historischen Richtungsänderung, weg von den alten Rezepten.

Etwas Ähnliches hatte es 1980 mit der Wahl Ronald Reagans gegeben. Er läutete zum Abschied vom Denken des New Deal - wie es nicht nur Roosevelts Antwort auf die Weltwirtschaftskrise bestimmte, sondern bis weit in die Nachkriegszeit auch beide Parteien prägte, sowohl Demokraten als auch Republikaner. Anstelle eines aktiven predigte er einen schlanken Staat. Seine Schlüsselvokabeln hießen Eigeninitiative und Steuersenkung.

Unter Obama, glaubte nicht nur die Linke, würde das Pendel wieder zurückschwingen. Es kam aber anders, und auch deshalb dürfte es am 6. November knapp werden zwischen Obama und Mitt Romney. Nicht nur, dass das erwartete Comeback von Uncle Sam kein wirkliches wurde - abzulesen an einem 787 Milliarden Dollar teuren Konjunkturpaket, das aus Sicht namhafter Ökonomen wie Paul Krugman und Christina Romer zu klein war, um nachhaltige Wirkung zu erzielen.

Die Ideen der Rechten, so diskreditiert sie am Ende der Ära George W. Bush schienen, beherrschen die Debatte noch immer. Thomas Frank, einst Kolumnist des Wall Street Journal, später Herausgeber der linksliberalen Zeitschrift The Baffler, spricht in seinem Buch "Pity the Billionaire" von einer Reaktion auf die Finanzkrise, wie sie einzigartig war in der amerikanischen Geschichte: "Ein massenhafter Übertritt zur Theorie des freien Marktes als Antwort auf harte Zeiten."

Statt eine Rückkehr zu stärkerer Regulierung zu fordern, schlossen sich viele Wähler der Tea Party an, wonach die Krise durch zu starke staatliche Eingriffe ausgelöst wurde - und nicht durch zu laxe Regeln. Beide, die Finanzjongleure und die Politiker, landeten in derselben Schublade, doziert Frank. Darauf stand ein Wort: "Elite". Vom ihrem Kampf gegen "Joe Sixpack" war auf einmal die Rede; von der Verschwörung des eng vernetzten Netzwerkes aus Wall Street und Washington gegen den sprichwörtlichen Normalverbraucher mit dem Sechserpack Bier. Es dauerte nicht lange, da standen nur noch die Politiker am Pranger.

Thomas Frank gilt als Spezialist für die amerikanische Seelenlage. Bereits 2004 erklärte er dem Rest der Welt, wieso Bush wiedergewählt wurde, allem Wunschdenken der Eu ropäer zum Trotz. In "What's the Matter with Kansas?" beantwortete er die Frage, warum einfache Malocher gegen ih re wirtschaftlichen Interessen und für einen Kandidaten stimmten, der burschikos ihren Slang sprach und kulturell den Anti elitären gab: "Pity the Billionaire" beleuchtet das Phänomen Romney. Ein Multimillionär hat Chancen auf den Wahlsieg, obwohl er die Wählerschaft in einem Moment resoluter Offenheit in 53 Prozent Gebende und 47 Prozent Nehmende aufspaltete - in Steuerzahler und Mittelempfänger, letztere fatal staatsabhängig.

Was ihn in Europa vielleicht disqualifiziert hätte, findet in den Vereinigten Staaten durchaus Widerhall. Es mag am calvinistischen Credo liegen, wonach Gott nur die Tüchtigen belohnt.

Frank erklärt dieses Phänomen, indem er zurückblendet auf das erste Rettungspaket der Finanzkrise. Unter dem Begriff Tarp (Troubled Asset Relief Program), geschnürt noch unter Bush, sollte es gefährdete Banken vor dem Ruin bewahren, mit 700 Milliarden Dollar, die an keinerlei Auflagen gebunden waren.

"Lasst die Versager versagen"

Tarp verschaffte dem Volkszorn einen Blitzableiter. Nur ging es seltsamerweise um eine Nische: um jenen Passus, wonach Häuslbauer in Nöten auf nachträglich abgemilderte Kreditkonditionen hoffen durften. CNBC-Börsenexperte Rick Santelli kommentierte dies voller Wut: "Wie viele von euch wollen denn zahlen für die Hypothek eures Nachbarn, der unbedingt ein zweites Badezimmer wollte und jetzt seine Rechnungen nicht mehr zahlen kann?"

Es war der 19. Februar 2009 - die Geburtsstunde der konservativen Tea Party, die ihren Zenit nur deshalb überschritten hat, weil sie organisatorisch fast komplett in den Reihen der Republikaner aufging. Auf den ersten Tea-Party-Plakaten, so ruft Frank ins Gedächtnis, stand ein simpler Slogan: "Lasst doch die Versager versagen!" (Frank Herrmann aus Washington /DER STANDARD, 27.10.2012)

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    "Obama funktioniert nicht" - mit denkbar simplen Slogans wie diesem wussten die Republikaner unter Mitt Romney im Wahlkampf schon frühzeitig den Amtsinhaber unter Druck zu setzen.

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